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Christian Hoffmann ist neuer Friedensstifter bei Zoff unter Rünther Nachbarn

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Von: Bernd Kröger

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Symbolische Übergabe: Christian Hoffmann (r.) ist Nachfolger von Schiedsmann Karl-Otto Goerdt.
Symbolische Übergabe: Christian Hoffmann (r.) ist Nachfolger von Schiedsmann Karl-Otto Goerdt. © Kröger

Wenn sich Nachbarn wegen Hecken, Zäunen, und was sonst so Anlass gibt, juristisch beharken, führt der erste Weg nicht zum Gericht, sondern zum Schiedsmann. Für Rünthe hat Christian Hoffmann dieses besondere Ehrenamt nun übernommen.

Rünthe – „Ich bin IT-ler von Beruf, da bin ich Kummer gewohnt“, flachst Christian Hoffmann. Die Frage war ja gleichfalls ironisch auf sein „recht ausgefallenes Hobby“ gerichtet: Was bringt einen dazu, sich in der Freizeit mit Streithähnen an einen Tisch zu setzen, damit sie sich dabei wieder vertragen?

Geprüft, gewählt und vereidigt

Das wird der 60-Jährige von nun an tun, wie es das Ehrenamt als Schiedsmann für Rünthe gebietet. Der Bundesverband der Schiedspersonen hat dem Wahl-Rünther dafür im Vorfeld auf den Zahn gefühlt, der Rat der Stadt Bergkamen ihn daraufhin im September gewählt und ein Richter beim Amtsgericht Kamen im Dezember die Vereidigung vorgenommen. Damit ist Christian Hoffmann seit Jahresbeginn Nachfolger von Karl-Otto Goerdt. An dessen Tisch berichten der alte und der neue Schlichter über ihre Sicht auf diese besondere Aufgabe.

Vorgänger und Nachfolger kennen sich

Die Runde ist ein bisschen wie im Schiedsamt, nur dass hier keine Meinungsverschiedenheiten, reale oder gefühlte Ungerechtigkeiten auszuräumen sind. Die Beiden sind sich einig im Blick auf die Anforderungen. Sie verbindet zudem die Mitgliedschaft in der CDU. Dass der Nachfolger „angesprochen wurde“, wie er sagt, das Amt zu übernehmen, hat auch mit seinem Einsatz als sachkundiger Bürger in der Fraktion zu tun.

Erst zum Schiedsmann, nicht zum Gericht

Schiedspersonen sind nach dem Gesetz eine Gütestelle für die obligatorische außergerichtliche Streitschlichtung. In bestimmten Rechtsfeldern, in der Praxis vor allem das Nachbarschaftsrecht, ist eine Klageerhebung erst zulässig, nachdem bei einer Gütestelle versucht worden ist, den Streit anderweitig beizulegen. Ausgenommen davon sind Sachverhalte, die einen Gewerbebetrieb betreffen. Die Kommunen sind in Schiedsamtsbezirke eingeteilt. Die Schiedsleute sollten in ihrem Bezirk wohnen und mindestens 25 Jahre alt sein. Es gilt eine Verschwiegenheitspflicht und es gibt Befangenheitsregeln. Zuständig ist ein Schiedsmann, wenn die Gegenpartei in seinem Bezirk wohnt. Die Gebühr für eine Schlichtung beträgt 10 Euro, im Falle eines Vergleichs 25 Euro. Der Schiedsmann darf sie unter besonderen Umständen auf 40 Euro erhöhen. Dazu kommen Schreib- und Portokosten. Der Ehrenamtler selbst erhält eine monatliche Pauschale von 70 Euro für die Nutzung seiner Räume und den Aufwand in der Aktenführung und ist haftpflichtversichert.

Aber zurück an den Wohnzimmertisch, denn der ist von zentraler Bedeutung: „Man trifft sich beim Schiedsmann, das ist bewusst so angelegt“, erläutert Goerdt. „Das ist hier neutraler Boden, die Parteien sollen sich wohlfühlen.“ Im Gericht wäre das schwer möglich.

In der Pandemie keine Fälle

Aber mit Corona wurde es ungemütlich: Keine Schlichtung in privaten Räumen, bei Bedarf bietet die Stadt in der VHS ein Zimmer, das desinfiziert wird. Aber Goerdt hatte zuletzt nichts auf dem Tisch, sonst waren es auch schon mal fünf oder sechs Schlichtungen im Jahr.

Wenn solch eine Runde ansteht, gibt‘s am Wohnzimmertisch meist auch Kaffee, Kekse oder Wasser. Aber auch „eine klare Ansage, wer Chef im Ring ist“, betont der 68-Jährige. Die Formulierung ist bewusst gewählt, weil der Senior aus dem VfK Rünthe auch schon mal schmunzelnd anklingen ließ, „dass ich Boxer bin und Ringrichter mit internationaler Wettkampflizenz“.

Zu hören und den Weg weisen

Gebraucht hat Goerdt derlei Schlagfertigkeiten in seinen zwei Amtszeiten á fünf Jahre nicht. Wie übrigens nicht einmal Tätlichkeiten eine Rolle gespielt haben. „Man muss gleich klarmachen, dass der Schiedsmann die Gesprächsführung hat“, betont der frühere Betriebswirt mit Personal- und Beratungserfahrung. Trotz Wohnzimmer-Atmosphäre sei konstruktive Mitarbeit an der Lösung gefragt. „Darum war ich immer froh, wenn Anwälte mit am Tisch waren.“ Das halte Mandanten in der Spur.

Mit Fingerspitzengefühl

Trotzdem müssten die Kontrahenten sich richtig wahrgenommen fühlen. „Ich bin ein ruhiger Typ und kann gut zuhören“, sagt der Alte. Der Neue ist wohl aus ähnlichem Holz und nickt zustimmend. „Wichtig ist, dass man sich in die Sichtweise der jeweiligen Partei hineinversetzen kann.“ Oftmals sei der Streit über Hecken und Zäune oder wuchernde Bäume „nur die Spitze des Eisbergs“.

Gesellschaft hat sich verändert

Warum? „Die Menschen schaffen es nicht mehr, miteinander zu reden“, ist Goerdts Fazit. „Alle haben nur Rechte, keiner hat Pflichten.“ Die wachsende Ich-Bezogenheit habe die Gesellschaft verändert. „Deswegen geht der Schiedsmann hin, spricht stattdessen mit den Parteien und vermittelt.“ Diese quasi ambulante Schlichtung nennt er „Tür-und-Angel-Gespräche“. Die ambulanten Hausbesuche kosten nicht mal etwas. Der Schiedsmann protokolliert, wie der Zoff beendet wird, und reicht es bei Gericht ein.

Kosten sind kaum der Rede wert

Das ist genauso verbindlich wie eine Einigung durch schriftlichen und abgezeichneten Vergleich am Tisch. Nur werden dafür eine Gebühr und Schreibkosten berechnet. „Wir haben es immer so gemacht, dass die Parteien sich das Ganze teilen. Das waren dann für jeden maximal 35 Euro.“

Ein Klacks im Vergleich zu dem, was eine Verhandlung bei Gericht an Kosten und Aufwand erfordert. Deshalb, und damit der Justizapparat von derlei Bagatellfällen entlastet ist, hat der Gesetzgeber diesen Weg vorgegeben. Der erste Weg führt zum Schiedsmann. Nur wenn der zu nichts führt, darf ein Prozess angestrengt werden. Goerdt: „Ein einziges Mal hat es nicht funktioniert. Alle andere Fälle habe ich lösen können.“

Keiner soll sich als Verlierer fühlen

„Vor Gericht gibt es nur Verlierer“, ist Christian Hoffmann überzeugt. Als Schöffe hat er schon am Landgericht und am Amtsgericht Kamen ehrenamtlich mitgewirkt. „Da kriegen Sie zwar mit dem Urteil eine Entscheidung, aber keinen Frieden. Beim Schiedsmann geht es darum, dass sich am Ende keiner als Verlierer fühlt.“

Vermittlungserfolg ist der Antrieb

Das war für Karl-Otto Goerdt der Antrieb: „Dieser Erfolg ist die Motivation. Wenn sich am Ende zwei Leute wieder in die Augen sehen können, das ist schön.“ Christian Hoffmann nickt abermals. Er muss seine Erfahrungen noch machen, hat aber längst viel mitbekommen: „Mein Schwiegervater war 25 Jahre Schiedsmann in Werne und meine Frau arbeitet beim Amtsgericht.“ Dann hatte er also gar keine Wahl? „Nun, meine Frau hat gesagt: ,Lass es’“, gibt Hoffmann vergnügt zurück. „Ich mach’s trotzdem.“ Es hat wohl seinen Reiz, dieses seltsame Hobby.

Kontakt

Schiedsmann Christian Hoffmann ist in der Beverstraße 8 zu Hause und persönlich zu erreichen. Wer ihn anrufen will, wählt 02389/52018.

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