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Lange Nacht der Ungewissheit: Auch Hüppe (CDU) und Sacher (Grüne) im Bundestag

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Von: Jürgen Menke

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Michael Sachers Listenplatz 28 reichte aus, um für die Grünen in den Deutschen Bundestag einzuziehen.
Michael Sachers Listenplatz 28 reichte aus, um für die Grünen in den Deutschen Bundestag einzuziehen. © Die Grünen

Der Wahlkreis Unna I ist im neuen Bundestag mit gleich drei Abgeordneten vertreten. Neben dem direkt gewählten Oliver Kaczmarek (SPD) lösten am Ende auch Hubert Hüppe von der CDU und Michael Sacher von den Grünen ein Ticket nach Berlin.

Kreis Unna – Beide mussten nach der Wahl am Sonntag lange um den Einzug ins Bundesparlament bangen, beiden gelang dies nur äußerst knapp: Hüppe mit Platz 21 auf der Landesliste seiner Partei, Sacher mit Platz 28. Es waren die jeweils letzten Listenplätze, die noch zogen. Bis dato kamen mit Kaczmarek und dem scheidenden Friedrich Ostendorff (Grüne) zwei Abgeordnete aus der hiesigen Region.

Über die Landesliste hat auch Hubert Hüppe (rechts) von der CDU ein Mandat für Berlin erhalten. Hier spricht der 64-Jährige am Wahlabend im Kreishaus in Unna mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Marco Morten Pufke.
Über die Landesliste hat auch Hubert Hüppe (rechts) von der CDU ein Mandat für Berlin erhalten. Hier spricht der 64-Jährige am Wahlabend im Kreishaus in Unna mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Marco Morten Pufke. © Volkmer

„Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, berichtete der aus Werne stammenden Hüppe am Morgen nach der Wahl, „und auch jetzt geht mir noch zu viel durch den Kopf, als dass ich mich hinlegen könnte.“ Noch am Vorabend war der 64-Jährige davon ausgegangen, dass es nichts wird mit einem Mandat. Doch dann überschlugen sich für ihn die Ereignisse. „Um kurz nach 6 Uhr habe ich erfahren, dass es reicht.“ Wenig später seien die ersten Glückwünsche seiner Parteikollegen eingegangen.

„CDU-Ergebnis erneut enttäuschend“

Mit einem Stimmenanteil von 25,1 Prozent war Hüppe dem SPD-Direktkandidaten Kaczmarek (40,8 Prozent) klar unterlegen. Den Kontrahenten Sacher allerdings konnte er ebenso deutlich hinter sich lassen; dieser kam auf 13,9 Prozent. Hüppe war nach der Wahl 2017 aus dem Bundestag ausgeschieden und hat bereits 23 Jahre Parlamentsarbeit hinter sich.

Über sein Comeback freue er sich sehr, betonte Hüppe, wenngleich ihn das schlechte Abschneiden der CDU insgesamt betrübe. Damit sei angesichts der Umfragewerte vor der Wahl jedoch zu rechnen gewesen. Schon der Entscheid 2017 sei für seine Partei enttäuschend gewesen. Immerhin habe man ein Absacken auf unter 20 Prozent verhindern können.

Groko „so falsch nicht gewesen“

Dass die CDU trotz der deutlichen Niederlage Anspruch aufs Regieren und sogar aufs Kanzleramt erhebt, hält Hüppe für richtig. Eine Partnerschaft mit Grünen und FDP sei die wahrscheinlichere Variante, eine Fortsetzung der großen Koalition nicht auszuschließen. Das bisherige Zusammengehen mit der SPD sei „so falsch nicht gewesen“, auch wenn es von der Bevölkerung kritisch begleitet worden sei, meinte Hüppe unter anderem mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Allerdings: Für die CDU als Partei und mit Blick auf die NRW-Landtagswahlen 2022 ist es nach Ansicht Hüppes wohl besser, sich in der Opposition zu erneuern. Seine Prognose: „Sollte es eine Ampel-Koalition geben, wird man feststellen, dass die Leute unzufrieden werden.“

Keine Chance auf „Traumjob“

Das Zugticket nach Berlin samt Hotelübernachtung hatte Hüppe am Montagmorgen bereits gebucht. Am Dienstagnachmittag ist zunächst Sitzung mit der NRW-Landesgruppe, danach kommt erstmals die ganze Fraktion zusammen. Zu Personalfragen und seinen Präferenzen will sich Hüppe derzeit nicht äußern: Nur so viel: „Es gibt keinen Grund, einen erfolgreichen Fraktionsvorsitzenden nicht wiederzuwählen.“ Bekanntlich will sich Fraktionschef Ralph Brinkhaus erneut auf diesen Posten bewerben.

Hüppe sagte, er habe noch niemals so viel Kraft bei einer Kandidatur aufgewendet wie diesmal. In der Fraktion wolle er sich mit seinen Schwerpunkt-Themen Bioethik und Inklusion einbringen; diese seien ihm „Herzensangelegenheiten“. Was Posten angeht, werde er „schauen, was es zu verteilen gibt“. Ganz nach oben wolle er nicht, dafür „gute Arbeit leisten“. Sein bisheriger „Traumjob“ sei der des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung gewesen. Mit dieser Aufgabe aber werde aller Voraussicht nach eine andere Partei betraut.

Sacher: Eigentlich ein „Riesenerfolg“

Michael Sacher saß am Montagmorgen bereits im Zug nach Berlin, um beim ersten informellen Fraktionstreffen der Grünen am Abend dabei zu sein. Der 57-Jährige hatte seine Chancen auf ein Mandat im Laufe des Wahlabends schwinden sehen, wurde dann nach dem Aufstehen positiv überrascht. „Natürlich freue ich mich riesig über das Mandat“, sagte der selbstständige Buchhändler aus Unna. Auch das Abschneiden seiner Partei insgesamt sei „ein Riesenerfolg“ – allerdings nur gemessen am Zugewinn gegenüber der Wahl vor vier Jahren. „Wir hatten auf mehr Zustimmung gehofft“, räumte Sacher ein. Einen Wert von 18 oder 20 Prozent hätte die Stimmung in der Bevölkerung nach seiner Ansicht eher widergespiegelt.

Nun müssten „dicke Bretter gebohrt“ werden, sagte Sacher vor allem mit Blick auf die anstehenden Gespräche mit der FDP. Die Liberalen seien alles andere als ein Wunschpartner, doch es gelte, das Wählervotum und die daraus resultierenden Koalitionsoptionen zu akzeptieren. „Die Wahl war demokratisch. Damit müssen wir arbeiten.“

Wie erkläre ich‘s dem Wähler?

Keinen Hehl macht Sacher daraus, dass er eine größere politische Schnittmenge mit der SPD als mit der CDU sieht, wenn es zum Beispiel um Sozialpolitik geht. Doch egal, ob es zu einer Ampel- oder Jamaika-Koalition komme: Das abschließende Ergebnis den Wählern und Parteimitgliedern zu erklären, dürfte angesichts zu erwartender Abstriche bei den politischen Forderungen eine große Herausforderung darstellen. Beim Klimaschutz seien die Menschen, vor allem die Jüngeren, zu Recht sehr ungeduldig. Es gehe darum, das Thema zügig anzugehen und Nägel mit Köpfen zu machen. Künftige Koalitionspartner müssten davon überzeugt werden, dass Klimapolitik eine Aufgabe für alle Ressorts darstelle und dabei nicht gegen die Wirtschaft gearbeitet werden dürfe.

„In Berlin werde ich jetzt das angehen, was ich versprochen habe: eine wirkliche Wende herbeiführen und an einer guten Zukunft zu arbeiten – gerade auch für die jungen Menschen.“ So wird Sacher in einer Pressemitteilung des Kreisverbandes der Grünen zitiert.

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