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Rünther Junge, Bürgermeister, Kohlebotschafter: Zum 80. ein Blick auf Wolfgang Keraks Leben

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Von: Bernd Kröger

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Mit Schaffensfreude hat Wolfgang Kerak seinen Weg gemacht, als Steinmetzmeister mit dem Betrieb und in der ehrenamtlichen Politik. Im Ortsteil Rünthe, der Stadt Bergkamen, im Kreis Unna, in der Region gilt sein Engagement der Gesellschaft.
Mit Schaffensfreude hat Wolfgang Kerak seinen Weg gemacht, als Steinmetzmeister mit dem Betrieb und in der ehrenamtlichen Politik. Im Ortsteil Rünthe, der Stadt Bergkamen, im Kreis Unna, in der Region gilt sein Engagement der Gesellschaft. © Kröger

In Rünthe tief verwurzelt, mit Bergkamen verwachsen, in der Region zuhause und mit ihren Menschen verbunden: Das und mehr macht Wolfgang Kerak aus, der am 23. Juni 80 Jahre alt wird.

Bergkamen – „Ämter verändern Menschen“, hat mal wer Wolfgang Kerak mit auf den Weg gegeben, am Beginn seines langjährigen politischen Engagements. „Pass auf, irgendwann gehörst du auch in den Club der Abgehobenen, da machste nichts“ – so in etwa. Das war einer der prägenden Momente in seinen heute 80 Lebensjahren. Ein Punkt, an dem der „Rünther Junge“ aus einfachen Verhältnissen beschloss, der Welt in seiner bescheidenen Art das Gegenteil zu beweisen.

Die Bodenhaftung nie verloren

So sitzen wir nun da, um auf sein engagiertes Leben zu blicken samt der Ämter und Weihen, die es zahlreich mit sich brachte. Aber erkennbarer Stolz blitzt bei dem Bergkamener Ehrenbürgermeister nicht bei Titeln oder Erfolgen auf, sondern im Grunde nur an diesem Punkt: Wolfgang Kerak kann mit Fug und Recht sagen, dass er sich treu geblieben ist in bodenständiger Bescheidenheit, obwohl besagte Ämter unbestreitbar Verführungspotenzial hatten für Höhenflüge des Egos.

Aus einfachen Verhältnissen

Sowieso hat sich der letzte ehrenamtliche Bürgermeister bis zur Abschaffung der kommunalen Doppelspitze 1998 stets lieber in den Dienst der Sache gestellt als ins Rampenlicht, sogar zurückgesteckt, wo es dienlich erschien. Oder zurückstecken müssen, so wie damals, als dem offenkundig talentierten Jugendlichen mit tadellosem Abschlusszeugnis der Volksschule trotz Fürsprache von Förderern die weiterführende Schule verwehrt blieb.

Für kurze Zeit Österreicher

Mutter Lieselotte ließ sich nicht erweichen, beschied dem Sohn den Weg ins Handwerk und die Rolle des angehenden Ernährers in der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der bestimmte Keraks Leben von Geburt an mit. Es war der Krieg, der den Vater Karl Kerak von Österreich als Soldat an die damalige Flakstellung am Hof Keinemann verschlug. Dort am Fürstenhof kam der heutige Jubilar am 23. Juni 1942 zur Welt, als Kind von Karl Kerak und Ehefrau Lieselotte, geborene Höner. Nach Kriegsende zog die Familie nach Wien, wo heute der jüngere Halbbruder lebt.

Als Steinmetz Großvaters Nachfolger

„Aber die Ehe zerbrach, so im Alter von sechseinhalb Jahren war ich in Rünthe zurück.“ Mutter und Sohn lebten bei den Großeltern Wilhelm und Emma Höner, der Senior war Steinmetzmeister von Beruf, arbeitete teils in Betrieben ringsum, aber auch als Selbstständiger. So musste er in Großvaters Fußstapfen treten, lernte den kunstvollen Umgang mit Fäustel und Eisen, entwarf Ornamente, was immerhin seiner künstlerischen Ader entsprach.

Künstlerische Ambitionen früh gezeigt

Die hatte sich früh im benachbarten Pfarrhaus neben Opas kleinem Betrieb an der Werner Straße/Ecke Otto-Wels-Straße gezeigt. Am Klavier des Freundes in der kinderreichen Pfarrerfamilie und beim Geigenspiel zeigte Wolfgang Kerak als häufiger Gast Talent. Aber es mit Unterricht zu entwickeln, das blieb ihm, wie der höhere Bildungsweg, in den prekären Lebensumständen verwehrt. Die Kreativität aber brach sich später in der Gründung der Künstlergruppe sohle 1 mit dem damaligen Kulturdezernenten Dieter Treek Bahn.

In der Abendschule zum Meistertitel

Mit der Berufswahl hatte, inmitten des raubeinigen Rünther Bergarbeitermilieus, zumindest die Hänselei über das Geigenspiel ein Ende. Der belächelte Feingeist konnte sich als handfester Kerl bei harter Arbeit beweisen. Zur Schule hat ihn der Weg dann auch noch geführt – in der Fortbildung zum Meister mit drei harten Jahren Abendschule neben dem Job.

Stadtgründung weckte politischen Geist

Ohnehin blieb Wolfgang Kerak wissbegierig, an den Dingen um ihn herum interessiert und er entwickelte den Blick über den Tellerrand, der ihn als Kommunalpolitiker auszeichnete. „Du stellst ganz interessante Fragen, willst du nicht mal bei der SPD vorbeischauen?“, zitiert er Edgar Pech auf die Frage nach dem Beginn der politischen Laufbahn.

1969 der Jüngste im Stadtrat

Um 1964 war das, als die Stadtgründung Bergkamens im Jahr 1966 vorbereitet und in Ortsteilversammlungen diskutiert wurde. Da hatte in Rünthe der Rektor Edgar Pech bei der SPD den Hut auf und wurde später erster Bürgermeister der neuen Stadt. „So ging ich zu den Jusos, habe da mit Robert Lentes einiges auf die Beine gestellt, und so kam ich 1969 als der Jüngste in den Bergkamener Rat.“

In der SPD früh gefördert

Als sachkundiger Bürger im Friedhofsausschuss hatte der Steinmetzmeister da schon Erfahrungen gemacht. „Friedrich-Karl Schulte (SPD-Fraktionschef; Anm. d. Red.) hat mich von Anfang an sehr gefördert, unter anderem gleich als Vertreter zum europäischen Gemeindetag geschickt.“ Eine Ebene und Erfahrung übrigens, an die der Bürgermeister Kerak in den frühen 1990ern im aufgeladenen Kampf gegen den Niedergang des Bergbaus im nationalen wie europäischen Verbund anknüpfen konnte.

Kampf für die Kohle größte Aufgabe

Den Vorsitz in der „Zukunft Aktion Kohle“ betrachtet er rückblickend als die vielleicht größte Aufgabe. Als Vertreter aller deutschen Bergbau-Kommunen suchte und fand er den Schulterschluss in den Kohleländern Westeuropas, sah, unter welchen sehr viel schlechteren Bedingungen die Kumpel in England oder Spanien arbeiten und leben mussten. „Kein Vergleich mit der sozialen Absicherung hier bei uns.“

Bürgermeister bis zu Kommunalreform

Über zehn Wahlperioden bis 2014 war der SPD-Mann im Rat tätig. Zu den Herausforderungen im eigenen Kiez gehörte ab den 70ern die Sanierung der Zechensiedlung, die nach anfänglichen Widerständen landesweit Beachtung und Nachahmung fand. 25 Jahre war Kerak zugleich im Kreistag, dort auch stellvertretender Landrat und in Bergkamen eben ab 1989 Bürgermeister. Ein Amt, das Kerak nur schweren Herzens aufgab, weil es die Kommunalreform zum Beruf machte, für studierte Verwaltungsprofis zumeist, wie es Roland Schäfer als Stadtdirektor an seiner Seite und somit erklärter Nachfolger war.

Lieber der Sache gedient als dem Ego

Weite Kreise zog zudem das Engagement beim Regionalverband Ruhr (RVR), bei dem der Bergkamener unter anderem mit CDU-Mann Dr. Norbert Lammert mit der Gründung der Triennale Bleibendes hinterließ, aber nach drei Jahren Vorsitz in der Verbandsversammlung wieder an eine bekannte Grenze stieß: „,Wir haben hier lauter Oberbürgermeister und Landräte, studierte Verwaltungsjuristen’, haben sie mir gesagt. ,Da passt das nicht mehr mit dem Handwerksmeister in der Repräsentanz’.“ Also hat Wolfgang Kerak sich wieder mal nicht wichtiger genommen als das große Ganze, das ihm nach wie vor am Herzen liegt, und die zweite Reihe akzeptiert.

Was wäre wenn..? Die Frage bleibt

Trotzdem fragt er sich gerade jetzt in der Rückschau im Stillen, wie’s wohl gelaufen wäre für Bergkamen und ihn selbst, wenn er’s hätte drauf ankommen lassen bei der Wahl des hauptamtlichen Bürgermeisters. Wer täte das nicht? Aber sich über jemanden zu erheben, fiele diesem Mann eben nicht ein.

Bescheiden, zufrieden und topfit

Zumal Kerak unprätentiös und zufrieden spricht über sein nun 80 Jahre währendes Leben, das ihm so vieles beschert hat. Dank Turngruppe auch erstaunliche Fitness in diesem Alter. Ehefrau Ute und Sohn Olaf mit Ehefrau Isabella als Nachfolger im Betrieb. Offen spricht er an, dass die Firma trotz des Umzugs (auch der an der Dille heimisch gewordenen Familie) an den Hauptfriedhof in der 1980ern nicht groß genug war und ist, um auch Sohn Elmar in der Branche und Heimatstadt zu halten. Aus dem Pott kommt der Manager eines Baustoffherstellers nun, auch mit Enkel Flemming, zum Gratulieren.

Über Jahrzehnte ständig unterwegs

Der Blick auf das familiäre Umfeld hat Wolfgang Kerak aber vor einiger Zeit auch vor Augen geführt, warum ihm, bei aller Nähe, persönlich wie zur Partei, von den Jungs in die Politik keiner nachfolgen wollte. Es hatte seinen Preis: „,Wir haben in unserer Kindheit erlebt, was das für die Familie bedeutet’, haben sie gesagt. Und ich kann das verstehen. Denn ich war ja doch viel unterwegs.“

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