Diskussion um Ehrenmal in Weddinghofen

Völkermord statt Heldentod: Stadt Bergkamen entfernt Gedenktafel

Die Gedenktafel am Ehrenmal Weddinghofen wurde erst vor 15 Jahren neu angebracht, weil die ursprüngliche Inschrift nicht mehr zu lesen war. Im Kontext des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika ist hier von „Heldentod“ die Rede.
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Die Gedenktafel am Ehrenmal Weddinghofen wurde erst vor 15 Jahren neu angebracht, weil die ursprüngliche Inschrift nicht mehr zu lesen war. Im Kontext des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika ist hier von „Heldentod“ die Rede.

Die Stadt Bergkamen lässt eine Gedenktafel entfernen, die den Völkermord an den Herero und Nama im früheren Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) verharmlost.

Bergkamen – Mit der Inschrift wird an einen Bürger erinnert und im Kontext zu dem Verbrechen glorifizierend von einem „Heldentod“ gesprochen. Das Stadtmuseum will den Fall dokumentieren und die Steinplatte in seinen Bestand aufnehmen.

Angebracht ist sie am Fuße des Ehrenmals zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten auf dem Ernst-Flüß-Platz in Weddinghofen. „Eine Kuriosität“ nennt Marc Alexander Ulrich die Sache – auch, weil die Gedenktafel nach seinen Recherchen erst vor 15 Jahren erneuert worden war. „Damals hat man wohl das Problem nicht gesehen“, vermutet der Kulturdezernent.

Aufstand blutig niedergeschlagen

Die deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Namibia existierte von 1884 bis 1915. Ein Aufstand der Einheimischen gipfelte in der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904. Seit 2015 erkennt die Bundesregierung die damaligen Ereignisse inoffiziell als Völkermord an, Entschädigungen an einzelne Hinterbliebene lehnt sie aber weiterhin ab.

In der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses hatte ein Vertreter der Partei „Die Linke“ sein Befremden über die Gedenktafel geäußert. In der Tat ist sie Ausdruck eines überholten und fragwürdigen Geschichtsbewusstseins.

Neu angebracht worden war die Gedenktafel, weil die vormalige Inschrift mit der Zeit verwitterte und nicht mehr zu lesen war. Diese war bereits im Sockel eingraviert, als das Ehrenmal im Jahr 1926 aufgestellt wurde. 1967 wurde es von seinem früheren Standort an der Ecke Goekenheide/Buckenstraße an seinen heutigen Platz (Kreuzung Schulstraße/Goekenheide) versetzt.

Recherchen ohne Ergebnis

Laut Ulrich hat die Verwaltung intensive Nachforschungen betrieben, aber kaum Näheres zur Gedenktafel herausbekommen. „Es gibt keine Akten dazu, auch keine Ratsprotokolle“, sagt er. Angehörige des Verstorbenen, an den erinnert wird, hätten nicht ausfindig gemacht werden können.

Ulrich betont, dass die Entscheidung, die Inschrift zu entfernen, nicht mit einer Wertung der Person verbunden sei. „Wir wissen nicht, unter welchen Umständen der Mann damals zu Tode gekommen ist.“

Dass die Gedenktafel bis dato „durchs Raster gefallen“ ist, hat laut Ulrich womöglich mit dem Status des Ehrenmals zu tun. Dieses steht nicht auf der Denkmalliste. „Wenn dem so wäre, hätten Archäologen die Inschrift längst näher begutachtet.“ Das werde seit 1945 mit allen Denkmälern gemacht. So sei es bei regelmäßigen Überprüfungen zur Verkehrssicherheit geblieben.

Was zum Vorschein kommt, wenn man die neu angebrachte Platte abnimmt, bleibt abzuwarten. Sollten noch Teile der früheren Inschrift lesbar sein, gibt es laut Ulrich zwei Optionen: die Buchstaben gänzlich abzudecken oder sie mit einem zusätzlichen Hinweisschild historisch einzuordnen. Das werde in jüngsten Zeit gerne gemacht, um auch den Umgang mit Geschichte zu dokumentieren und diese lebendig zu halten.

Zehntausende Herero und Nama getötet

Dem Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika sind Historikern zufolge etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama zum Opfer gefallen. Sie wurden sofort getötet oder in die wasserlose Omaheke-Wüste gedrängt, wo sie qualvoll starben.

Die heutigen Vertreter beider Volksgruppen verlangen eine offizielle Entschuldigung für begangene Verbrechen sowie eine finanzielle Wiedergutmachung. Derweil verhandeln Bundesrepublik und der Staat Namibia seit 2015 an einem Abkommen zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit, das nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur unterschriftsreif ist. Näheres ist noch nicht bekannt. Die Unterzeichnung könnte Anfang Juni in Windhuk erfolgen, der Hauptstadt des Staates im Südwesten Afrikas, heißt es. Dann müsste das Abkommen noch von den Parlamenten ratifiziert werden.

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