"Hilferuf aus Bergkamen"

Verschwörungstheorien und Gerüchte: Das wissen wir über Räumung und Turmarkadenbrand

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Die Räumung der Wohnhäuser an der Töddinghauser Straße und die Situation der Turmarkaden sorgen bei den Betroffenen für Wut. Im Internet kursieren viele Gerüchte, die sich nicht beweisen lassen.

Bergkamen - Nach der Räumung der beiden Hochhäuser an der Töddinghauser Straße sind viele Gerüchte entstanden. Nun verbreitet ein Video weitere Verschwörungstheorien zur Evakuierung nach dem Brand in den Turmarkaden. Der Verfasser behauptet viel. Doch was davon ist bis jetzt belegbar?

Die Anwohner der Hochhäuser an der Töddinghauser Straße sind nach wie vor verzweifelt. Die unklare Situation über ihre eigene Zukunft, den tatsächlichen Zustand des Gebäudes und der geschätzte Kostenumfang der anstehenden Sanierung lässt viele in ihrer Verzweiflung wild um sich schlagen und nach Schuldigen suchen.

Seit dem Wochenende kursiert ein gut halbstündiges Video im Internet, das der Verfasser als „Hilferuf“ tituliert. In dem mehrere tausend Male angeklickten Video vermischen sich Tatsachen, Verschwörungstheorien, Mutmaßungen und Unterstellungen, es werden aber auch Fragen aufgeworfen. 

Vor allem aber werden darin die Stadt Bergkamen, insbesondere Beigeordnete Christine Busch, und Alexander Dold als Interra-Vorstandssprecher, der neuen Eigentümergesellschaft der abzureißenden Turmarkaden, angegriffen.

Hier alles zum Turmarkaden-Brand und der Evakuierung

Was ist tatsächlicher Stand der Dinge? 

Die Eigentümergemeinschaft der Hochhäuser wurde in der vergangenen Woche über Schäden und Sanierungsaufwand informiert. Die rund 60 Eigentümer der teils vermieteten, teils selbst bewohnten Wohnungen müssen nun gemeinsam eine Entscheidung fällen, wie sie mit ihrem Eigentum weiter verfahren wollen. 

Kommentar: Kein Platz für Gerüchte

Das soll in der nächsten ordentlichen Eigentümerversammlung Mitte Juli passieren. Mit welchem Mehrheitsverhältnis diese Entscheidung fallen muss, wird derzeit noch geklärt. Hauptkriterium der Entscheidung jedes Einzelnen ist jedoch die Finanzierbarkeit des Eigenanteils an der anstehenden Sanierung. Der wird aktuell auf rund 25.000 Euro pro Partei geschätzt.

Was ist passiert?

Am Freitag, 10. Mai, war es im Keller des benachbarten Gebäudekomplexes zu einem Brand gekommen. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Während der Löscharbeiten lösten in den Wohnhäusern die Rauchmelder aus. Die Feuerwehr entschied sich nach Luftmessungen, die Gebäude komplett zu evakuieren. 

Ein Blick in die Turmarkaden:

Zwar konnten die Bewohner anschließend wieder zurückkehren, doch eine Frage blieb: Wie konnte der Rauch vom Keller des Nachbarhauses bis in die obersten Etagen beider Wohntürme ziehen? Das Bauordnungsamt der Stadt Bergkamen und die Brandschutzdienststelle des Kreises Unna gingen dieser Frage nach und stellten am 14. Mai fest, dass es in den Wohntürmen selbst massive Brandschutzmängel gibt. 

Die sind nicht nur baulich bedingt, weil Häuser in den 1970er Jahren so gebaut wurden, sondern werden auch durch bauliche Veränderungen und unsachgemäße Installationen hervorgerufen. Alle Mängel sind laut Aussage des Gutachters zu beheben, allerdings sind sie aufwendig und teuer.

Hier im gemeinsamen Keller von Turmarkaden und den Hochhäusern an der Töddinghauser Straße hat es vor wenigen Wochen gebrannt. Laut Hausmeister war der Raum vollständig mit Überresten des Einkaufszentrums gefüllt. Noch jetzt ist das Ausmaß der Vermüllung zu erkennen. Der Brand war der Auslöser für die fünf Tage später erfolgende Räumung.

Warum kam es erst am 15. Mai zur Evakuierung?

Nach der Feststellung der Mängel wurde für die Nacht zum 15. Mai eine aufwendige Brandwache installiert, die Freiwillige Feuerwehr war in außerordentlicher Bereitschaft, sollte es nochmals zu einem Feuer im Gebäudekomplex kommen. Dies konnte jedoch keine Dauerlösung sein.

Am Morgen des 15. Mai wurden daher Anwohner sowie Eigentümer informiert, dass die Wohnungen bis zum Nachmittag, 17 Uhr, verlassen werden müssten. Tatsächlich zog sich die Evakuierung bis 19 Uhr hin, weil die Ordnungsbehörden auch denjenigen eine Chance zum notdürftigen Packen ließen, die erst spät von der Arbeit kamen.

Evakuierung in Bergkamen an der Töddinghauser Straße

Turmarkaden in Bergkamen vor dem Abriss 

Brand in den Turmarkaden

Wie reagierten Bewohner und Immobilienverwalter? 

Sämtliche Bewohner kamen der Räumungsaufforderung friedlich nach. Die meisten stellten die eigene Sicherheit vor das eigene Gut. Parallel zur Evakuierung engagierte der Immobilienverwalter zum Schutz vor Plünderern einen Sicherheitsdienst, der gleichzeitig gewährleistet, dass sich alle Bewohner an die Evakuierung halten. Zwar durfte und darf jeder in seine Wohnung, um Dinge zu holen, allerdings muss er sie auch schnell wieder verlassen.

Wie reagiert die Stadt auf die im Video geäußerten Vorwürfe?

Bürgermeister Roland Schäfer schrieb in einem Kommentar in der Facebook-Gruppe „Du bist Bergkamener wenn...“ zum dort geposteten Video: „Das sind keineswegs Fakten, sondern eine Ansammlung an Verdrehungen, Verzerrungen und nicht belegten Behauptungen.“ 

Auch Christine Busch, die im Video oft persönlich angesprochen und angegriffen wird, wehrt sich gegen die Darstellung. Die Beigeordnete räumt jedoch ein: „Es sind eine Menge Fragen aufgeworfen worden. Einige davon haben wir seit Mai bereits im Blick.“ Gemeinsam mit dem Immobilienverwalter suche man nach Lösungen.

Was kann die Stadt aktuell tun, um den Betroffenen zu helfen? 

Busch machte klar, dass sie verstehen könne, dass es den Menschen in der Situation schlecht gehe und sie nur schwer damit umgehen könnten. „Ich habe meine Aufgaben nach Recht und Gesetz erfüllt“, sagte sie zur Evakuierung. Die Stadt könne derzeit fast nur noch abwarten. Wie es weitergeht, liegt nun schließlich in den Händen der Eigentümer.

Ein Video schockiert

Das umstrittene Video macht deutlich, welche Verzweiflung die Räumung auslöste. Aber es vermischt Fakten und mit Verschwörungstheorien und greift auch verschiedene Beteiligte auf einer persönlichen Ebene an. 

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Fest steht: Feuerwehr und Stadtverwaltung stehen überzeugt hinter der Entscheidung für die Evakuierung. Das bisherige Gutachten zeigte fünf Seiten voller Mängel auf. Der Hochhaus-Brand in London zeigte, was im schlimmsten Fall geschehen kann. Nun geht es darum, dass die Bewohner der Hochhäuser an der Töddinghauser Straße wieder eine Perspektive haben.

Flammen schlagen aus dem Londoner Grenfell-Hochhaus.

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