Umweltkontor Bergkamen verwandelt Altholz in Energie und Spanplatten

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Kathedrale mit „Grizzly“: Sieht auf den ersten Blick nach nichts aus, hat aber Bärenkräfte, um Holz zu zerkleinern – die größte Prallhammermühle in Deutschland. 

Bergkamen – „Grizzly“ und „Mammut“ produzieren jeden Tag Kleinholz – und zwar jede Menge, rund 200 000 Tonnen waren es im vergangenen Jahr. Christian Blank, Betriebsleiter beim Umweltkontor Bergkamen, sorgt mit rund 80 Mitarbeitern dafür, dass Holzabfälle aufbereitet werden für die Möbelindustrie, aber vor allem als Energielieferant für das benachbarte Biomasseheizkraftwerk Bergkamen.

Das Ganze passiert unter dem Dach der ehemaligen Kohleaufbereitungshalle der einstigen Zeche Monopol. Die riesige gelb-braune Halle an der Ernst-Schering-Straße neben dem Bayer-Gelände ist zwar weithin sichtbar, „kaum jemand weiß aber so genau, was hier passiert“, sagt Christian Blank. „Ursprünglich hatte die Stadt einmal über die Einrichtung einer Kartbahn in dieser Halle nachgedacht. Wir konnten die Stadt aber überzeugen, dass unser Betrieb mehr Arbeitsplätze schafft als eine Kartbahn.“ 

Mittlerweile beschäftigt das Umweltkontor rund 80 Mitarbeiter. Mit 208 Metern Länge, 70 Metern Breite und einer Höhe von 35 Metern ist sie auch nicht zu übersehen. Und die Halle konnte bis vor sechs Jahren mit einem echten Rekord aufwarten: Bis dahin trug sie die größte Photovoltaikanlage auf einem Dach in Europa. „Die Halle ist für uns ideal, weil unten und oben Luftschlitze sind, die einen ständigen Austausch der Luft ermöglichen.“ Wie eine dunkle Kathedrale wirkt die hohe Halle – nur dass hier riesige Radlader unterwegs sind mit ihren hellen Scheinwerfern. 

Seit 1997 bereitet und wertet das Umweltkontor Holzabfälle als zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb auf. „Zunächst wurde nur Material für Spanplatten hergestellt für die Möbelindustrie. Dann kam die Idee, auch das benachbarte Biomassekraftwerk zu versorgen“, erzählt Christian Blank. „Das ist der Vorteil gegenüber vielen anderen Kraftwerken, die per Lkw über lange Wege versorgt werden müssen: Hier geht die Nahversorgung mit Brennmaterial über ein Förderband von einem Gebäude zum anderen.“

Inzwischen gehen zwei Drittel der Produktion, die aus belastetem Altholz bestehen, als Brennmaterial an das Kraftwerk. Der Rest wird in der Möbelindustrie weiterverarbeitet. „Wir nutzen das riesige Außengelände, um hier die verschiedenen Holzqualitäten, die angeliefert werden, zu sortieren und aufzuhäufen“, erläutert Christian Blank. Um die Halle türmen sich haushohe Berge mit Holzabfällen, die ihr erstes „Leben“ bereits hinter sich haben. Unterschieden werden sie nach Qualitäten: A1 ist unbelastetes Material für die Weiterverarbeitung, etwa Europaletten. Unter die Kategorien A2 und A3 fallen beispielsweise Möbel, die nicht imprägniert wurden. In der Gruppe A4 finden sich Bahnschwellen oder Gartenzäune, die mit Lacken bearbeitet worden sind. Sie gehören zum belasteten Altholz. 

Alter Schrank wird zur modernen Hochglanzküche

Das Holz kommt in der Regel von Baustellen oder Wertstoffhöfen aus ganz Deutschland, hauptsächlich aber aus der Region. Entweder liefern die Firmen das Material an der Ernst-Schering-Straße an oder das Umweltkontor setzt die eigene Lkw-Flotte ein. Insgesamt rollen 16 000 Ladungen pro Jahr auf dem Gelände an. Angeliefert werden zunächst große Balken und ganze Schränke. „Ein Bagger sortiert draußen die Teile und zerkleinert sie, damit die Radlader sie später besser transportieren können“, erläutert Blank das Verfahren. „Omas alter Küchenschrank wird erst einmal vorgebrochen, dann geschreddert, und am Ende wird vielleicht eine moderne Hochglanzküche daraus.“

Damit aus dem Altholz eine neue Spanplatte werden kann, muss es vom „Grizzly“ bearbeitet werden. Hinter dem Namen verbirgt sich die größte Prallhammermühle Deutschlands, die das Holz in kleine Teile schreddert. „Alle Schredder haben Tiernamen“, erklärt Christian Blank. Warum das so ist, weiß er nicht. Die kleinere Prallhammermühle weiter hinten in der Halle heißt „Mammut“. Sie zerkleinert Bahnschwellen und Eisen und schafft bis zu 100 Tonnen pro Stunde. Hier wird nur thermisches Material verarbeitet. Über ein Band läuft das zerkleinerte Holz auf eine Bühne in neun Meter Höhe. Darunter befinden sich die Bunker, in denen das Abfallmaterial gesammelt wird. Magnetabscheider trennen alle enthaltenen Metallteile, die dann weiter verkauft werden. Feine helle Holzschnitze landen später in der Möbelindustrie, das dunklere, grobere Material im Kraftwerk. 

Damit das Biomasseheizkraftwerk Bergkamen Tag und Nacht Strom und Fernwärme produzieren kann, schaufeln die großen Radlader 24 Stunden, sieben Tage die Woche Material in den sogenannten Aufgabetisch. Von dort gelangt es über ein Transportband in eine blaue Wanne, wird gewogen und an das Heizkraftwerk weitergeleitet. „Unsere Aufgabe ist es, Material so zu mischen, dass es immer gleich gut verbrennt“, erläutert Christian Blank. „Draußen ist der Silo immer gefüllt, damit ausreichend Nachschub für das Kraftwerk vorhanden ist.“

Strenge Vorschriften bei den Grenzwerte

Ohne regelmäßige Qualitätskontrollen geht es nicht. „Alle 500 Tonnen wird eine Analyse gemacht. Die Werte müssen stimmen, da gibt es strenge Vorschriften über die Grenzwerte bei der Verwertung von Altholzwerkstoff“, versichert Blank. „Wir haben einen festen Katalog, welche Stoffe wir annehmen dürfen. Schließlich möchte keiner später belastetes Material in seinem gekauften Kinderbett finden.“ 

Auch das Kraftwerk nimmt regelmäßig Proben und schickt sie in ein unabhängiges Labor. Wo so viel Holz lagert, da ist auch Brandschutz ein besonderes Thema. „Wir haben natürlich ein Brandschutzkonzept und führen regelmäßig Übungen mit den Feuerwehren durch. „Uns ist sehr wichtig, dass erst gar kein Brand entsteht. Deshalb haben wir Wasserwerfer, die gerade an heißen Sommertagen alles feucht halten, damit sich nichts entzünden kann.“ Zudem werde das gesamte Areal Tag und Nacht bewacht, damit Unbefugte nicht auf das Gelände kommen. 

Das Umweltkontor, die größte Holzaufbereitungsanlage in Deutschland, ist aber noch lange nicht am Limit. Sie könnte bis zu 300 000 Tonnen jährlich verarbeiten. Da sei also noch Luft nach oben. Aber das sei, so Blank, abhängig vom Holzmarkt. Um weniger abhängig von einem einzigen Markt zu sein, denke man im Unternehmen derzeit darüber nach, sich in Zukunft auch um andere Stoffe zu kümmern und sich damit als Entsorgungsunternehmen breiter aufzustellen.

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