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Umstieg auf erneuerbare Energien: Zeitpunkt günstiger denn je

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Von: Markus Liesegang

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Geht es nach den Plänen eines Investors aus Halver, sollen sich Windräder zukünftig im Bereich Markeshagen drehen.
Der Wechsel auf Wind- und Sonnenenergie könnte viel schneller funktionieren. © Karl-Josef Hildenbrand

Wie ist die Energiewende zu schaffen? Und wie schnell kann sie gelingen? Diese Frage stellten sich drei Experten bei einer Diskussionsveranstaltung in Bergkamen. Der Krieg in der Ukraine könnte den Prozess beschleunigen.

Bergkamen – Christian Lindner spricht neuerdings pathetisch von „Freiheitsenergien“. Der Arnsberger Regierungspräsident Hans-Josef Vogel appellierte in einem Brandbrief an die Kommunen, erneuerbare Energien bevorzugt und schnell auszubauen. „Und der ist als CDU-Mann ja absolut unverdächtig“, meinte Jochen Bals. Der Chef der gleichnamigen Energiedienstleistungen aus Kamen-Methler war einer der Referenten, die der „Aktionskreis Wohnen und Leben in Bergkamen“ zu Mittwochabend in die Ökostation eingeladen hatte. Thema: Erneuerbare Energien.

Öl und Gas als Mangelprodukt

Der Aktionskreis hatte dabei seine alte Forderung im Kopf, die Halde Großes Holz nicht nur für touristische Zwecke zu nutzen, sondern dort ein Windrad aufzustellen. Der Zeitpunkt, eine solche Idee wieder auszubuddeln, hätte passender nicht sein können. Der Ukraine-Krieg nimmt Gegnern von Windrädern und Freiflächen-Photovoltaikanlagen das wichtigste Argument: die angebliche Versorgungssicherheit der fossilen Brennstoffe zur Stromerzeugung.

Öl und Gas als Mangelprodukt lassen Liberale und Konservative offensichtlich umdenken. Der Kilowatt/Stunde-Preis sei mit inzwischen fünf bis sechs Cent für Solar- und Windstrom unschlagbar günstig, so Energiefachmann Bals. Das Preisniveau werde eher weiter sinken.

Die Skepsis, dass die Erneuerbaren tatsächlich schnell ausgebaut werden, war allerdings groß im 50-köpfigen Auditorium. Schließlich gebe es viele Hemmschuhe wegzuräumen, Überflüssiges in behördlichen Genehmigungsverfahren, aber auch die Abneigung einzelner Bürger.

Mitmachen statt klagen - Bürger sind gefordert

Dass hauptsächlich Privatleute, Stadtwerke, Kommunen und kleine Unternehmen investierten, während die vier Großen des Marktes (E.on, RWE, Vattenfall und EnBW) außen vor blieben, behindere den Ausbau. Bals ermahnte aber die Bürger mitzuhelfen. Es werde jedes noch so kleine Projekt mit einer gerichtlichen Klage verzögert.

Diskussionsveranstaltung
Unter anderem sprach GSW-Geschäftsführer Jochen Baudrexl zu den Zuhörer in der Ökostation. © Liesegang Markus

Den Einwand eines Gastes, dass er mit seinen privaten Investitionen zum ausgebeuteten Dienstleister der Energiewende werde, weil die Netzeinspeisung gering entlohnt werde, konterte Bals sogleich. „Schon, wenn sie den Strom zu 30 Prozent selbst nutzen, machen sie Gewinn. Ohne Anlage müssten sie den teuren Strom des Energieversorgers ja vollständig kaufen.“

Mit Wind und Sonne Energiebedarf decken

Interessant ist in dem Zusammenhang die Arbeit des Studenten Tim Kruse von der Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL). Er hatte geprüft, wo Wind- und vor allem PV-Anlagen wenig störend aufgestellt werden könnten, nämlich entlang der Autobahnen und Eisenbahntrassen. In Vertretung Kruses rechnete der wissenschaftliche Mitarbeiter der HSHL, Nils Reuter, vor, dass bei hundertprozentiger Nutzung des Potenzials 91 Prozent des Energiebedarfs der Nachbarstadt aus erneuerbaren Energien gedeckt werden könnten. Ähnliches sei im Kreis Unna möglich.

Tatsächlich sieht auch Jochen Baudrexl großes Potenzial. Die Gemeinschaftsstadtwerke würden jetzt schon 51 Prozent erneuerbare Energien ins Netz einspeisen, „in zehn, 15 Jahren könnten wir bei 100 Prozent sein“, erklärte der Geschäftsführer. Allerdings müsse dann jeder mitarbeiten. „Ich werde gefragt, warum wir in Bayern Windkraft bauen und nicht hier“, erklärte er, „aber wir stoßen nicht überall auf Gegenliebe“.

Zum Thema Haldennutzung als Windkraftstandort könne er sich als Geschäftsführer eines kommunalen Unternehmens nicht äußern. „Aber – es mag zynisch klingen, ist aber nicht so gemeint – vielleicht bringt der Krieg neuen Schwung in die Sache.“ Vertreter der Stadt Bergkamen und des Kommunalverbands Ruhr als Haldeneigentümer waren am Mittwoch nicht vertreten. „Sie haben sich damit entschuldigt, dass sie mit dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen nicht an solchen politischen Veranstaltungen teilnehmen würden“, berichtete Organisator Karlheinz Röcher vom Aktionskreis.

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