Umfrage von Schulen in Bergkamen

Homeschooling: Oft hapert‘s an der technischen Ausstattung

Alexander Rahn, Schüler der Klasse 6a des Städtischen Gymnasiums Bergkamen, beim Online-Englisch-Unterricht. Er bewegt sich zusammen mit Lehrer und Mitschülern in virtuellen Gruppenarbeitsräumen.
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Alexander Rahn, Schüler der Klasse 6a des Städtischen Gymnasiums Bergkamen, beim Online-Englisch-Unterricht. Er bewegt sich zusammen mit Lehrer und Mitschülern in virtuellen Gruppenarbeitsräumen.

Am Mittwoch verhandeln Bund und Länder erneut über die Verlängerung des Lockdowns. Dabei wird es auch um die derzeitige Situation der Schulen gehen. Bildungsexperten befürchten, dass es im Zuge des Distanzlernens zu größeren Leistungslücken bei Schülern kommt. Dies ist wohl kaum von der Hand zu weisen, wenn man bedenkt, dass es mitunter schon an der technischen Ausstattung in den Familien hapert. Das zeigen auch Umfragen von Bergkamener Schulen.

Die Willy-Brandt-Gesamtschule hat 1066 Elternhäuser dezidiert gefragt, ob es eigene Arbeitsplätze für die Schüler gibt und über welche Geräte diese verfügen – und 829 Rückmeldungen erhalten. Die Antworten hätten sie zum Teil besorgt, sagt Schulleiterin Dr. Jennifer Lach.

Demnach gibt es in 281 Fällen keine Möglichkeiten, online versandte Arbeitsblätter auszudrucken. 63 Haushalte klagten über eine schlechte Internetverbindung. Wiederum 212 Elternhäuser meldeten Bedarf für ein Tablet an.

Ich kann den Kindern doch nicht sagen, sie sollen zum Lernen ins Rathaus gehen, wo es öffentliches WLAN gibt.

Dr. Jennifer Lach, Gesamtschul-Leiterin

Lach zieht Schlüsse für den Distanzunterricht daraus. Unter anderem den, dass verstärkt überschreibbare PDF-Dateien eingesetzt werden. Die Zahl fehlender Tablets hält sie indes für zu hoch gegriffen. Dahinter stecke womöglich die Erwartungshaltung, dass jedem Schüler ein solches Endgerät als Leihgabe zustehe, sagt sie.

Über 185 iPads aus dem städtischen Pool verfügt die Gesamtschule; die kann sie weiterreichen. „Aber was hilft es, wenn den Schülern kein funktionierendes Internet zur Verfügung steht?“ fragt Lach. „Ich kann den Kindern doch nicht sagen, sie sollen zum Lernen ins Rathaus gehen, wo es öffentliches WLAN gibt.“ Auch ein Handy sei keine Alternative, interaktives Lernen an den recht kleinen Displays zumindest schwierig.

Dank an Lehrkräfte für ihren Einsatz

Die Umfrageergebnisse stellte Lach im Schulausschuss vor. In der Sitzung bat die für Schule zuständige Beigeordnete Christine Busch um Geduld bei der Umsetzung des Medienentwicklungsplans der Stadt. Die eigens angeschafften iPads müssten teils noch konfiguriert werden, ehe sie ausgegeben werden könnten – und auch mit den Internetverbindungen an Schulen und den dortigen Inhouse-Verkabelungen sei es noch lange nicht zum Besten bestellt.

Busch bedankte sich bei den Lehrerinnen und Lehrern in den Bergkamener Schulen für ihren Einsatz beim Unterricht auf Distanz. Mehr denn je müsse man in der Coronazeit die Bildungsgerechtigkeit im Blick behalten. „Keine Schüler dürfen verloren gehen.“

Das Städtische Gymnasium hat laut deren Leiterin Bärbel Heidenreich ebenfalls Elternhäuser befragt und eine hohe Rücklaufquote erzielt. Viele Familien hätten wegen des Homeschoolings schon selbst technisch nachgerüstet, erzählte sie. Bei zehn bis 20 Schülern aber gebe es noch immer Schwierigkeiten, dem Unterricht auf Distanz zu folgen. „Wir klären gerade, welche Kinder wir reinholen.“

Gute Erfahrungen am Gymnasium

Am Gymnasium sind aktuell Online-Stunden ein wichtiger Bestandteil des Unterrichtsangebots und fest im schuleigenen Distanzlernkonzept verankert. Der Englischunterricht in der Klasse 6a etwa findet regelmäßig digital statt. Über den Bildschirm zu Hause besteht die Möglichkeit, die Anschreiben des Lehrers Daniel Tautz zu lesen. „Im Prinzip funktioniert das wie eine digitale Tafel“, erklärt Tautz.

Zusätzlich könnten die Schülerinnen und Schüler auf gleichem Wege ihre Arbeitsergebnisse präsentieren, schildert der Pädagoge. Wenn Unterstützung benötigt werde, könne diese per Knopfdruck angefordert werden. Die Lehrkraft selbst habe stets die Möglichkeit, die jeweiligen Gruppenarbeitsräume zu besuchen.

Mutter: „Umsetzung funktioniert gut“

Alexander Rahn, Schüler der 6a, wird in einer Pressemitteilung des Gymnasiums so zitiert: „Ich finde es toll, dass wir Schüler uns zumindest auf dem Bildschirm sehen können. Neue Sachen kann man besser verstehen, wenn die Lehrer uns das in der Video-Konferenz erklären. Wenn wir etwas nicht verstanden haben, können wir unsere Lehrer immer fragen.“ Viele Stunden am Tablet seien aber auch anstrengend. Er freue sich, wenn die Schule wieder losgehe.

Alexanders Mutter Jutta Rahn sagt: „Trotz der großen Belastung für alle Beteiligten funktioniert die Umsetzung des Distanzlernkonzeptes gut. Die Lehrkräfte geben sich große Mühe, die Schülerinnen und Schüler im Distanz-Unterricht zu begleiten. In unterschiedlichen Formaten werden neue Themen abwechslungsreich vermittelt. Durch regelmäßige Video-Konferenzen können die Aufgaben besprochen und Fragen geklärt werden, was auch die Eltern entlastet.“

„Kein Ersatz für Präsenzunterricht“

Schulleiterin Heidenreich betont, dass der Online-Unterricht auch eine soziale Aufgabe erfülle. Wichtig sei allerdings dessen wohldosierte Einsatz. „Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Form des Unterrichts für die Schülerinnen und Schüler anstrengender ist, genauso für die Kolleginnen und Kollegen. Diese Rückmeldungen erhalten wir regelmäßig“, betont sie.

Auch wenn Distanzunterricht Entwicklungschancen biete, sei klar, dass dieser den Präsenzunterricht nicht ersetzen könne. Heidenreich: „Wir alle wünschen uns trotz allen Engagements und aller Kreativität den täglichen Trubel in der Schule zurück.“

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