Auswirkungen der Corona-Pandemie

„Umarmungen der Kinder fehlen“: Altenheim-Bewohner berichten über ihre Prüfungen an den Feiertagen

Seniorenglück Haus Rünthe Waltraud Kostrzewa, Waltraud Lubrich, Karola John, Ursula May, Inge Tiemann, Hildegard Biermann, Günter Kostrzewa  und Annelise Hielscher
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Diese Runde der Bewohner der Einrichtung „Seniorenglück Haus Rünthe“ gab Einblick in ihre Situation im Corona-Jahr: Waltraud Kostrzewa (89, von links, im Uhrzeigersinn), Waltraud Lubrich (83), Karola John (89), Ursula May (83), Inge Tiemann (81), Hildegard Biermann (91), Günter Kostrzewa (91) und Annelise Hielscher (91).

Normal war in diesem Jahr wenig. Sich davon unterkriegen lassen – das ist für die Bewohner des Seniorenheims Seniorenglück Haus Rünthe keine Option. Auch wenn es zuweilen schwierig ist, sich Tag für Tag mit dem zu arrangieren, was aktuell als „neue Normalität“ zählt. Den Kopf in den Sand stecken wollen die Senioren aber nicht.

Bergkamen - „Man kann ja nix daran ändern“, sagt beispielsweise Ursula May (83). Schwierig ist es natürlich trotzdem. Wie schwierig die Senioren die Lage allgemein und den Alltag in der Einrichtung empfinden, ändert sich ständig. Je nach Tagesform kann der eine besser, die andere schlechter mit den Einschränkungen – und der zuweilen aufkeimenden Angst – umgehen.

Was allen zu schaffen macht, sind die wenigen Kontakte zur Außenwelt. „Dass wir nur so wenig Besuch bekommen können, ist wirklich schwierig.“ Umso besonderer sind in diesem Jahr die Momente, die die Senioren mit ihren Liebsten verbringen können. „Ich hatte im September Geburtstag“, erzählt Karola John. Zwei Personen, in ihrem Fall Sohn und die Schwiegertochter, durften sie damals besuchen. Die Enkelkinder durften nicht mit ins Seniorenheim.

„Das wären dann vier Personen gewesen, und das ging nicht“, bedauert John. Also schmiss die 89-Jährige sich eine dicke Jacke über und traf ihre Lieben draußen.

Erstes Weihnachtsfest ohne Kinder

Günter Kostrzewa und seiner Frau Waltraud fällt der Gedanke an die Jüngsten der Familie schwer. „Wir haben zwei Urenkel, die wir noch nie gesehen haben“, sagt der 91-Jährige. So verbrachte das Ehepaar die Weihnachtstage wie die anderen der Runde im Haus Rünthe. Für einige Bewohner war es das erste Weihnachtsfest ohne ihre Kinder. „Wir hatten erst überlegt, zu unserem Sohn zu fahren“, erzählt Kostrzewa. Die Idee gaben er und seine 89-jährige Ehefrau aber schon vorher wieder auf. „Man weiß ja einfach nicht, was kommt“, sagt er.

Nur eins wissen die Senioren: Zwischendurch verlieren sie die Geduld, wünschen sich die „alte Normalität“ zurück. „Dann hat man den Kaffee einfach gehörig auf“, sagt Inge Tiemann (81). Bilder von „Querdenker“-Demonstrationen, Corona-Leugnern und Menschen, die noch flugs die Zentren bevölkern, machten da nur noch wütend. „Da habe ich keinerlei Verständnis für“, sagt Kostrzewa.

Miteinander als wichtigste Stütze

Zuspruch finden die Bewohner in solchen Momenten beieinander. „Es ist die Gemeinschaft, die uns am meisten Halt gibt“, betont May. Wirklich allein ist dort niemand. Und hier zu sein, ist sicher einfacher, als gerade jetzt im Alter allein zu Hause zu sitzen, finden die Senioren. Die Sehnsucht nach mehr Nähe kann aber auch der Freundeskreis im „Seniorenglück“ nur bedingt stillen.

„Die Umarmungen der Kinder fehlen“, sagt Kostrzewa. Gleichwohl weiß er, dass er in einer besonderen Situation ist: Er lebt mit seiner Frau im Seniorenheim, sie können einander umarmen und weiteren Halt geben. Die anderen halten Abstand zueinander. „Da gibt es kein heimliches Herzen“, versichert May. Die Angst, sich anzustecken sei einfach zu groß. Diese Sorge, da sind sie sich einig, wird ihnen wohl noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Und so erlebte die Runde dieser Tage nicht das lange erhoffte „normale Weihnachten“, aber eines, das trotzdem seine Qualitäten hatte: „Wichtig ist, dass wir zusammen sind“, bringt es Günter Kostrzewa auf den Punkt. Mehr brauche ein Fest der Freude nicht.

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