Tierische Therapeuten - Hof Terhürne bietet Eseltherapie

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Vertrauen als Basis ihrer Beziehung: Tiertherapeutin Bianca Terhürne leitet zwischen Rünthe und Herringen eine Eseltherapie. Auch andere Tiere leben auf ihrem Hof.

Rünthe/Herringen – Lange Ohren, graues Fell, treuer Blick: In der Eseltherapie Terhürne in Rünthe haben die grauen Arbeitstiere eine besondere Aufgabe. Sie helfen traumatisierten, behinderten oder schwer erziehbaren Jugendlichen und Erwachsenen, Probleme zu überwinden. Doch der Esel ist nicht der alleinige Star im Therapeutenteam – etwa 70 weitere Tiere gehören dazu.

Krankenschwester und ein Beruf mit Tieren? „Das lässt sich niemals vereinen, wurde mir immer gesagt“, erinnert sich Bianca Terhürne. Bereits mit sechs Jahren wollte sie mit Menschen, aber auch mit Tieren arbeiten. „Diesen Gedanken habe ich immer im Kopf behalten“, sagt die 45-Jährige. Heute lebt sie ihren Kindheitstraum, hat ihre Vision verwirklicht. Terhürne leitet eine Esel- und Tiertherapie zwischen Rünthe und Herringen.

Von Stationsleiterin zu Tiertherapeutin

18 Jahre lang arbeitete sie als Krankenschwester und Stationsleiterin im Alexianer-Krankenhaus in Münster. Schon während ihrer Arbeit mit Pflegebedürftigen und Verletzten merkte Terhürne, welche Emotionen Tiere bei den Patienten wecken. „Angefangen hat das, weil ich meinen kranken Hund mit zur Arbeit nehmen musste“, erinnert sie sich. Den meisten Patienten gefiel die tierische Abwechslung im drögen Krankenhausalltag. Und Terhürne stellte eine Veränderung fest: „Plötzlich war ich nicht mehr die Stationsleiterin, sondern das Frauchen meines Hundes.“

Ein Unfall, bei dem sich Terhürne am Bein verletzte, stellte dann ihre berufliche Welt auf den Kopf. Ihre Laufbahn als Krankenschwester fand ein jähes Ende. Glück im Unglück: Mit der Berufsgenossenschaft erarbeitete sie 2012 einen Zukunftsplan. „Und weil ich bereits seit 2005 nebenberuflich eine Therapie mit Eseln gemacht habe, haben wir das ausgeweitet.“ Die Geburtsstunde der Eseltherapie Terhürne. 

Ob Paduaner-Hühner, Ziegen, Enten oder Hunde: Alle Tiere leben gemeinsam und friedlich auf dem Hof des Ehepaars Terhürne.

Heute leben nicht nur Esel auf dem Hof von Bianca Terhürne und ihrem Mann Alois. Das Gelände gleicht einem Zoo. Fünf Schweine, vier Hunde, drei Schafe, sechs Katzen, zehn Kaninchen, 20 Meerschweinchen, zehn Hühner, viele Gänse und Schnecken leben hier Seite an Seite. „Die Tiere sind für die Therapie mit Menschen ausgebildet“, erklärt die 45-Jährige.

„Unser Ziel ist, Menschen, die durch andere Menschen nicht erreichbar sind, mit Tieren zu helfen“, fasst Terhürne das Konzept zusammen. Der jüngste Patient ist zwei Jahre alt, der älteste über 100. Ob bei Borderline-Erkrankten, Autisten oder Menschen mit einer Behinderung: Die Tiere kommen immer gut an. „Tiere haben einen ganz anderen Zugang als wir. Sie sprechen eine andere Sprache“, sagt Terhürne.

Aschenputtel-Effekt

Äußerlichkeiten seien den Tieren egal. „Viele nennen das den Aschenputtel-Effekt. Für ein Tier ist jeder Mensch eine Prinzessin“, sagt Ternhürne. Sie grenze das allerdings ein. „Es gibt auch Menschen, zu denen kein Tier will. Das ist ein Alarmzeichen und zeigt, dass etwas nicht inOrdnung ist.“

Jeder Patient kann sich sein Tier aussuchen. Normalerweise. Denn manchmal sucht sich das Tier auch den Patienten aus. „Menschen mit Borderline-Syndrom passen besonders gut zu Eseln“, sagt die gelernte Krankenschwester. Vertrauen sei für das treue Langohr sowie den Patienten besonders wichtig. Aggressive oder schwer erziehbare Jugendliche bräuchten meist Aufmerksamkeit und Zuneigung beispielsweise von Hunden. Ein Mensch, zwei Gesichter: „Die kommen mit einem Messer in die Schule, verprügeln und bedrohen Mitschüler, aber kuscheln hier innig mit Hunden oder Katzen“, sagt Terhürne. Sie weiß: „Viele Kinder brauchen ein Tier, das sie abgöttisch liebt.“

Tiertherapeutin Bianca Terhürne speilt mit ihren Hunden

Von den Patienten gibt es positive Rückmeldungen. „Wir haben hier ein autistisches Kind, das kaum etwas selbst gemacht hat, bevor es zu uns kam“, erinnert sich die Therapeutin. Nach nur einem Besuch habe es sich bereits allein Essen gemacht.„Das war vorher undenkbar. Die Mutter hat geweint vor Freude.“ Das Kind sei offener und selbstbewusster geworden. „Das sind unbeschreibliche Erfolge“, sagt die Therapeutin und lächelt. 

Esel sind dem Menschen sehr ähnlich

Ob Kimi, Mona oder Estang: Den Eseln kommt auf dem Hof in der Nähe von Rünthe eine besondere Rolle zu. „Esel sind dem Menschen sehr ähnlich. Sie sind praktisch unser Spiegelbild“, erklärt Terhürne. Die grauen Huftiere wollen angesprochen werden, müssen Vertrauen aufbauen. „Der Esel gibt dem Menschen Rückmeldung. Er will nicht gefallen, das muss von beiden Seiten kommen“, so die 45-Jährige. Das Tier spüre sofort, mit welcher Art Mensch es zu tun habe. „Wenn du sehr unschlüssig bist und dich schlecht durchsetzen kannst, macht der Esel mit dir, was er will“, sagt Terhürne. Wenn das Tier Probleme widerspiegelt, können Menschen diese besser annehmen. „Dem Esel wird voll vertraut, er hat keinen Hintergedanken.“

Deshalb bietet Terhürne auch Schulungen für Führungskräfte an. „Der Esel ist wie ein Mitarbeiter und will motiviert werden“. Wer das Tier anschreie, erlebe das Vorurteil des störrischen Esels. „Dann bleiben sie stehen. Nichts geht mehr.“

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