Schräges Krisenmanagement beim Theaterverein Overberge

Um gegen das Chaos anzukommen „schönten“ die Darsteller nicht nur sich, sondern auch die Umstände. - Fotos: Wenge

BERGKAMEN -  Der Sohnemann kommt mit einer Sechs in Mathe nach Hause. Da haben die Gene wohl die falsche Ausfahrt genommen. „Man nennt mich auch den Einstein von Overberge“, brüstet sich der Vater. Das Premieren-Publikum im studio theater am Freitagabend hat da so seine Zweifel. Oder sollte sich eine Milliarde doch mit sechs Nullen schreiben?

In dem Dreiakter „Eins plus Eins gleich Chaos“ gerät so manche Gesetzmäßigkeit ins Wanken. Gut, dass es wenigstens jenseits des Drehbuchs eine Konstante gibt. Wenn der Theaterverein Overberge seine neue Inszenierung vorstellt, bleibt kein Platz frei: Drei Vorstellungen – dreimal ausverkauft. Zur Premiere schieben sich die Besucher durch die Eingangstüren, Bernd Grothaus reißt pausenlos Karten ab, begrüßt viele Bekannte.

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Overberger Theaterverein präsentiert neues Stück

Overberger Theaterverein präsentiert neues Stück

Hinter den Kulissen schlüpfen derweil die Darsteller in ihre Kostüme, murmeln ihren Text vor sich hin und nehmen die Requisiten ein letztes Mal in Augenschein. Marvin Müllers Blick fällt auf den Papierkorb neben dem Schreibtisch. „Warum ist der leer?“, wundert er sich und sorgt schnell für Papierknäuel. Im Bühnenbild der Overberger Schauspieltruppe hat selbst Müll seine Berechtigung. Die Männer haben etliche Stunden in den Bau gesteckt, die Frauen in die Dekoration.

Marvin Müller gibt sein Debüt im Theaterverein. Zuvor hat er die Stücke als Zuschauer verfolgt. Doch die Schauspielerei ist für den 19-jährigen Auszubildenden kein Neuland. Seit 2006 ist er auf der Freilichtbühne in Werne zu sehen. Im Vorjahr gab er dort den Pinocchio. Im studio theater muss er sich als Felix Kreuz nicht groß verstellen. „Die Rolle passt hundertprozentig zu mir“, sagt er. Zehn Akteure stehen unter der Regie von Berni Gremme auf der Bühne. „Mit dem Stück von Heidi Mager ist es uns gelungen, gleich vier junge Rollen zu besetzen“, freut sich Ensemble-Mitglied Gerlinde Schlösser.

Zum Nachwuchs zählt auch Andrea Nierobisch. 15 Minuten bevor sich der Vorhang hebt, sitzt sie noch in der Maske. Melanie Schlösser macht die junge Mimin für das Scheinwerferlicht fertig, bindet ihr das Haar zum Zopf, pudert die Wangen und trägt Lippenstift auf. Andrea Nierobisch lächelt entspannt. „Ich bin in die Schauspielerei hineingeboren“, erzählt sie. Am Tag der Premiere wird sie 28 Jahre jung. Ihre Eltern musste sie zu ihrem Geburtstag nicht ausladen. Sie treten ebenfalls in dem Schwank auf – als Schwager und Schwägerin. „Für das Stück leihe ich meinen Mann aus“, scherzt Mutter Heike Blaschke. Gatte Jürgen dürfte sich nach seiner Ehefrau gesehnt haben, denn Gerlinde Schlösser kommandiert ihn als Doris Wurmer ordentlich herum. Erwin muss die Koffer tragen und das Bügeleisen schwingen. Zum Dank dafür gibt’s abends nicht etwa leckeren Wurstsalat, sondern Knäckebrot mit Kräuterquark. Zu beneiden ist der Pantoffelheld wahrlich nicht.

Ganz anders seine Frau. „Die Rolle von Gerlinde würde ich auch gerne spielen“, meint eine Zuschauerin in der Pause zu ihrer Begleitung. Da haben sich viele Besucher bereits mit Taschentüchern die ersten Lachtränen aus den Augen wischen müssen. Die Geschichte um ein doppelt untervermietetes Zimmer ist einfach zu komisch. Als der Schwindel aufzufliegen droht, sind Einfallsreichtum und Krisenmanagement gefragt. Das Luststück lebt von spritzigen Dialogen und schrägen Charakteren. Florian Reichel schwatzt der ganzen Familie als geschäftstüchtiger Anzugträger Versicherungen auf. Jörg Wrenger verkörpert den Macho. Als der sich die Strapse der Untermieterin um den Bauch bindet, tobt die Menge. Und spätestens da wird klar: Mit seiner Inszenierung hätte der Theaterverein Overberge das studio theater problemlos auch doppelt belegen können. - rw

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