Bergkamerin wochenlang ohne Einkommen

Tagesmütter in der Krise: Quarantäne ist nicht vorgesehen

Tagesmutter Heike Ritterswürden Bergkamen
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Tagesmutter Heike Ritterswürden weiß, wie schwierig die Situation für viele ihrer Kolleginnen, aber auch für die Eltern der Kinder ist.

Betreuungsplätze sind noch immer rar in Bergkamen. Die Kitas haben Wartelisten, da ist es gut, dass 55 ausgebildete Tagesmütter zur Stelle sind, die sich liebevoll um die Kleinen kümmern. Jetzt aber brauchen einige von ihnen dringend Unterstützung, denn die Corona-Krise bedroht ihre Existenz.

Bergkamen – Gleich dreimal hintereinander wurde eines ihrer eigenen Kinder in Quarantäne geschickt, weil sich Mitschüler mit dem Corona-Virus infiziert hatten. Für eine Bergkamenerin bedeutet das: kein Einkommen während der gesamten Quarantänezeit. Sie ist Tagesmutter und betreut im Auftrag des Jugendamtes Kleinkinder in ihren eigenen vier Wänden. Und das geht natürlich nicht, so lange die Gefahr besteht, dass sich ein Familienangehöriger, der in der selben Wohnung lebt, mit dem Virus angesteckt haben könnte.

„Der Sinn der Quarantäne steht außer Frage“, betont Heike Ritterswürden. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Bergkamener Tagesmütter und hat momentan gleich fünf Kolleginnen, die aufgrund einer jeweils 14-tägigen Quarantäneanordnung nicht arbeiten dürfen. Und sie rechnet damit, dass es in den kommenden Wochen und Monaten eher mehr werden, da die meisten Frauen selbst schulpflichtige Kinder haben. „Es kann sich ja kaum einer leisten, einen halben Monat nicht zu arbeiten und somit einen halben Monat kein Geld zu bekommen“, stellt sie fest.

Stadt versucht zu helfen, LWL sieht Schwierigkeiten

Die Stadt Bergkamen sei sehr bemüht, den Tagsmüttern zu helfen. In einer E-Mail wurde ihnen versprochen, dass sie finanziell in Vorleistung treten will, solange das Landesjugendamt beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) keine Ausgleichszahlungen anweist. Das ist nämlich zuständig für Entschädigungen. Doch von den Mitarbeitern des LWL erhielten die Tagesmütter auf Anfrage ganz unterschiedliche Aussagen – und bislang kein Geld, wie Heike Ritterswürden erfahren hat.

Tatsächlich sei die Rechtslage schwierig, räumt Markus Fischer, Sprecher des Landschaftsverbandes ein. „Wird eine Quarantäneanordung direkt für die Tagesmutter ausgesprochen, dann bekäme sie eine Entschädigung für den Verdienstausfall.“ Das gleiche gelte ebenso, wenn die ganze Schule oder Kita der eigenen Kinder von behördlicher Seite geschlossen werde. Die Tagesmutter müsste dann schließlich zunächst die eigenen Kinder betreuen. „Wenn aber nur eine Klasse in Quarantäne ist, ist das nicht vorgesehen.“ Gleichwohl sollten die Tagesmütter in solchen Fällen einen Antrag auf Entschädigung stellen. „Das ist eine Grauzone, da wird im Einzelfall entschieden“, erläutert der LWL-Sprecher. Möglicherweise hätten sie dann doch noch eine Chance, einen finanziellen Ausgleich für den Verdienstausfall zu bekommen. Das hat eine Bergkamenerin, die nun schon zum dritten Mal von einer Quarantäne-Anordnung betroffen ist, auch getan – bereits im September, als eines ihrer Kinder zum ersten Mal zuhause bleiben musste. Eine Antwort darauf hat sie bisher nicht bekommen.

Lohnfortzahlung maximal sechs Wochen

In dem Fall, in dem nur einzelne Personen aus der Familie einer Tagesmutter in die Quarantäne geschickt werden, schließt Markus Fischer die Zahlung dagegen sogar ganz aus. „Theoretisch ist der Ort, wo die Tagesmütter die fremden Kinder betreuen ja egal. Das muss nicht die eigene Wohnung sein“, sagt er.

So einfach in eine andere Umgebung ausweichen, kann aber nicht jede Tagesmutter. „Das müsste ja erst mal abgenommen und genehmigt werden“, sieht Heike Ritterswürden darin keine schnelle Lösung, zumal die wenigsten auf „Ersatzräume“ zurückgreifen könnten. Und sich jetzt in der kalten Jahreszeit den ganzen Tag mit den Kleinkindern draußen aufzuhalten, werde gleichfalls schwierig, insbesondere ohne einen geschützten Platz für den Mittagsschlaf.

Die Tagesmütter behelfen sich nun zum Teil damit, dass sie die Tage aufbrauchen, in denen das Jugendamt der Stadt ihnen Lohn fortzahlt. Sechs Wochen jährlich stehen ihnen demnach insgesamt für Urlaub und Krankheit zu. Da noch niemand absehen kann, ob es nicht auch 2021 Quarantäne-Fälle geben wird, würde das bedeuten, dass sie im kommenden Jahr eventuell gänzlich auf Urlaub oder Krankheitstage verzichten müssten.

Dennoch müssen die Betroffenen wohl oder übel zunächst diese Tage „aufbrauchen“, bedauert die für das Jugendamt zuständige Dezernentin Christine Busch von der Stadtverwaltung. „In den Verträgen mit den Tagesmüttern ist geregelt, dass es in der Zeit, in der es einen Ausfall gibt – entweder durch eigene Krankheit oder durch die Krankheit eines zu betreuenden Kindes – für sechs Wochen eine Lohnfortzahlung gibt. Das gilt unabhängig von Corona. Ausfälle durch Quarantäne-Anordnungen sind darin nicht vorgesehen, weil niemand eine solche Situation vorher im Blick hatte.“

Nichtsdestotrotz bleibe das Jugendamt dabei, den betroffenen Tagesmüttern diese Lohnfortzahlung im Quarantäne-Fall zu gewähren – auch über die sechs Wochen hinaus – bis das Landesjugendamt eine Regelung getroffen hat. „Wir bemühen uns zudem, innerhalb des Kreises eine einheitliche Regelung für alle Tagesmütter zu finden“, berichtet Busch. Die Dezernentin geht davon aus, dass das Problem noch bis weit ins kommende Jahr akut bleibt.

Betreuungssituation könnte sich verschlimmern

„Einfacher wäre alles, wenn während der Quarantäne ein Tätigkeitsverbot ausgesprochen werden würde“, überlegt Heike Ritterswürden. Dann wäre ein Antrag bei LWL auf jeden Fall möglich. „Es hängt scheinbar mit dieser Vokabel zusammen“, vermutet sie. Ganz so sei es nicht, weiß dagegen Christine Busch. „Es fühlt sich vielleicht für die Tagepflegepersonen an wie ein Berufsverbot, aber das ist es nicht. Hier geht es um den Schutz der zu betreuenden Kinder.“ Dass die Tagesmütter unter der Situation leiden, ist ihr absolut bewusst. „Ich kann mir schon vorstellen, wie groß der finanzielle Druck für einige ist.“ Ebenso wie Ritterswürden und ihre Kolleginnen wünscht sich Busch, dass für das Problem so schnell wie möglich eine Lösung gefunden wird. Vom Landesjugendamt habe sie aber ebenso wie die Tagesmütter bislang keine Antwort auf die drängende Frage bekommen.

„Zurzeit weiß keiner von uns, ob gezahlt wird, wie viel und wann. Das macht es sehr schwierig“, sagt Heike Ritterwürden. Deshalb würden einige der Tagespflegerinnen nun darüber nachdenken, ihren Job an den Nagel zu hängen und sich etwas „Sichereres“ mit einem verlässlichen Einkommen zu suchen. Das würde die Betreuungssituation in der Stadt allerdings weiter verschärfen. „Dann werden im nächsten Sommer nicht genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, und die Stadt müsste mit einer Klagewelle rechnen. Schließlich haben die Familien einen Rechtsanspruch“, so die Arbeitskreis-Sprecherin.

Die Eltern, die ihren Nachwuchs in die Obhut der Tagesmütter geben, müssen jetzt schon zittern. Fällt ihre Tagesmutter aufgrund von Quarantäne-Anordnungen aus, haben sie kaum Alternativen. Die Kitas können ihren Nachwuchs selbst für eine kurze Überbrückung nicht aufnehmen. Berufstätige haben also schnell ein dickes Problem. „Sie können es bei anderen Tagesmüttern probieren, doch die Betreuungssituation ist schwierig. Es gibt kaum Plätze. Und wenn jetzt Tagesmütter aufgrund von Corona ausfallen, wird es noch viel schwieriger“, befürchtet Heike Ritterswürden.

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