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Kraftwerk Bergkamen: Doch kein Kohle-Aus? Anlage bleibt zumindest Reserve

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Von: Bernd Kröger

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Doch (vorerst) kein Kohle-Aus am Kraftwerk Bergkamen: Es bleibt zumindest Reserve - wenn es nicht sogar weiter läuft, weil Deutschland weg vom Gas will.

Bergkamen – „Das Kraftwerk in Bergkamen-Heil wird spätestens am 31. Oktober 2022 keine Kohle mehr verfeuern.“ Dieser Eröffnungssatz unseres Aufmachers vom 15. Juli 2021 ist nicht mehr haltbar. Die Bundesnetzagentur hat die Anlage mit 717 Megawatt Erzeugungsleistung vorletzte Woche als „systemrelevant“ eingestuft.

Sie bleibt damit Reserve für den Fall, dass die Stabilität im Netz mit Strom aus Bergkamen gestützt werden muss – mindestens: Denn auch eine Laufzeitverlängerung bis Frühjahr 2024 ist denkbar.

Kraftwerk Bergkamen: Doch kein Kohle-Aus? Anlage bleibt zumindest Reserve

Mit dem „Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz“ will die Bundesregierung unter dem Eindruck der Verwerfungen durch den russischen Angriff auf die Ukraine den Gasverbrauch in diesem Sektor – und weiteren – drosseln. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat dafür als Grüner den Tabu-Bruch gewagt und trotz Klimakrise eine verstärkte Stromproduktion durch Kohlekraftwerke auf Zeit vorgeschlagen. Nach den ersten Eckpunkten der Gesetzesinitiative der Ampelkoalitionäre entspricht das Steag-Kraftwerk formal den skizzierten Anforderungen.

Eine Reaktivierung von Altanlagen schließt der Entwurf aus, infrage kämen Anlagen, die nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz in diesem oder dem kommenden Jahr vom Netz gehen sollen. Das ist beim hiesigen Kraftwerk mit dem Zuschlag in der dritten Stilllegungsauktion vor knapp einem Jahr der Fall. Ende September sollte der Ofen aus sein. Dafür sind mit dem Betriebsrat längst die Maßnahmen für einen sozial verträglichen Arbeitsplatzabbau vereinbart.

Bleibt Kraftwerk Bergkamen am Netz? Konzern hält sich bedeckt

Gelten soll der verlängerte Marktzugang zudem für Kohleblöcke, die als Netzreserve relevant sind. Auch das träfe hier nun zu. Eine Beteiligung an der Regelproduktion bis längstens 31. März 2024 wäre nach aktuellem Stand „freiwillig und von den Gremien im Konzern zu prüfen“, sagt Steag-Sprecher Daniel Mühlenfeld. „Ich bitte aber um Verständnis, dass wir uns zum Sachverhalt nicht weiter äußern können, solange kein Gesetz beschlossen ist.“

Das Verfahren im Bundestag soll am 8. Juli eröffnet werden. Auf dem Tisch liegt gegenwärtig nur ein „Entwurf der Formulierungshilfe der Bundesregierung“ – und die politische Ansage von Minister Habeck.

Dampf überm Kühlturm wird es in Heil nun länger geben, als im Kohleausstieg bisher geplant. Das Kraftwerk bleibt Netzreserve und kommt als Ersatz für die Drosselung der Gaskraftwerke infrage.
Dampf überm Kühlturm wird es in Heil nun länger geben, als im Kohleausstieg bisher geplant. Das Kraftwerk bleibt Netzreserve und kommt als Ersatz für die Drosselung der Gaskraftwerke infrage. Von der jüngsten Revision abgesehen, ist es in der anhaltenden Hochpreisphase am Strommarkt seit dem Herbst ohnehin wieder regelmäßig gelaufen. © Robert Szkudlarek

Beschlossen und verkündet ist indes, dass der Kohleblock am Kanal in Heil nicht ganz und gar entbehrlich ist. Mit der Einstufung als systemrelevant muss er weiter vorgehalten und dafür nicht mehr allein vom Betreiber finanziert werden. Ein Teil der Kosten kann die Steag dem Netzbetreiber Amprion in Rechnung stellen, der den Aufwand seinerseits durchreichen dürfte, sodass auch dies beim Verbraucher landet.

Kraftwerk Bergkamen: Stellenabbau für Reservebetrieb ausgesetzt

Unabhängig davon muss die Steag nun das Steuer herumreißen, den Stellenabbau zurückstellen, wo dies noch möglich ist, um den Anforderungen an den nun gewährleisteten Reservebetrieb bis zunächst Oktober 2024 zu entsprechen. Immerhin: Die Einzelvereinbarungen zum Anpassungsgeld sind nach Auskunft des Betriebsratsvorsitzenden Bernd Hagemeier noch nicht getroffen. „Mit dem Zuschlag vor einem Jahr war der Rahmen ja gesichert. Mit der Umsetzung haben wir darauf gewartet, was die Netzagentur entscheidet.“

In Erwartung der Stilllegung hätten sich etwa 20 bis 25 Prozent der ehedem 140 Mann einen neuen Job gesucht, jüngere meist. Die Resonanz in der Belegschaft sei geteilt: Die Älteren würden gern mit gesicherter Anpassung bald gehen, diejenigen mit einer Lücke bis zur Rente freuten sich, so Hagemeier, über die „Nachspielzeit“.

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