Die Lehren aus dem Unwetter

„Starkregen Stufe 8“: Kann sich die Stadt besser vorbereiten?

Beim Unwetter am 14. und 15. Juli wurden vor allem in Oberaden Straßen und Grünflächen überflutet, zig Keller liefen voll. Die Feuerwehr fuhr rund 300 Einsätze, um die Wassermassen abzupumpen.
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Beim Unwetter am 14. und 15. Juli wurden vor allem in Oberaden Straßen und Grünflächen überflutet, zig Keller liefen voll. Die Feuerwehr fuhr rund 300 Einsätze, um die Wassermassen abzupumpen.

Der Stadtbetrieb Entwässerung (SEB) hat erste Konsequenzen aus dem Starkregen vor gut einem Monat gezogen. Zugleich appelliert er an die Bürger, beim Hochwasserschutz bestmögliche Eigenvorsorge zu betreiben. In der Politik hat derweil die Aufarbeitung der Ereignisse begonnen. Das Thema ist in der Ratssitzung am Donnerstag, 30. September, aufgerufen.

Bergkamen –Nach den neuesten Berechnungen sind beim Unwetter in Bergkamen binnen 24 Stunden 80 bis 100 Liter Regenwasser pro Quadratmeter niedergegangen, allein am 14. Juli zwischen 16 und 18 Uhr waren es 70 bis 80 Liter. „Solche Mengen in so kurzer Zeit kann keine Kanalisation aufnehmen“, sagt Kai Lübke, beim SEB für Bau- und Kanalbetrieb sowie die Wasserwirtschaft zuständig.

Auf Bergkamener Stadtgebiet gibt es – wegen der Bergsenkungen – vergleichsweise viele Pumpwerke. Das zeigt die Übersichtskarte in den Händen von SEB-Betriebsleiter Marc Alexander Ulrich (links) und Bauleiter Kai Lübke.

Die Folgen sind bekannt: zig überflutete Straßen und vollgelaufene Keller. Die Feuerwehr verzeichnete rund 300 Einsätze. Mittlerweile hat die Stadt 345.000 Euro Soforthilfe an rund 180 Hochwassergeschädigte ausgezahlt, darunter drei Firmen (Stand: 12. August).

„Das war höhere Gewalt“, sagt SEB-Betriebsleiter Marc Alexander Ulrich. Und dass es vor allem Oberaden getroffen habe, reiner Zufall. „Das Gleiche hätte sich in jedem anderen Ortsteil abspielen können.“ Auf der zwölfstufigen Starkregen-Skala rangiert das Ereignis auf Stufe acht – in der Kategorie extremer Starkregen. Dass nicht noch mehr Schäden verzeichnet oder gar Menschen verletzt wurden, ist laut Ulrich der Topografie der Stadt zu verdanken. Es gebe nur wenige Hanglagen, dafür viel ebene Fläche.

Arbeiten an zwei Pumpwerken

Mit Blick auf den SEB sagt Ulrich, dass man „keine größeren Schwachstellen“ entdeckt habe. Vor dem Unwetter seien aufgrund der Wetterprognose noch Regenrückhaltebecken und Stauraumkanäle gereinigt worden, beim Unwetter selbst habe die Technik weitgehend funktioniert, auch wenn sie stark überlastet gewesen sei.

Im Nachgang sollen derweil noch geringe Schäden an zwei kleineren Schmutzwasser-Pumpwerken am Gut Velmede (Weddinghofen) sowie im Bereich Königslandwehr/Nördliche Lippestraße (Heil) beseitigt und diese für den Hochwasserfall baulich besser geschützt werde. Kostenpunkt: etwa 50.000 Euro.

Ratssitzung: Wie kann man’s besser machen?

Zum Thema Hochwasser und Hochwasserschutz hat es jüngst ein interfraktionelles Gespräch im Rathaus gegeben. Mit dabei waren Vertreter verschiedener Ämter und auch der Feuerwehr und anderer Kräfte, die beim Unwetter im Einsatz waren. Die „selbstkritische Nachbetrachtung“ habe rund zweieinhalb Stunden gedauert, berichtet Beigeordneter Marc Alexander Ulrich. Dabei sei auch vereinbart worden, den Sachverhalt zunächst öffentlich in der kommenden Ratssitzung am Donnerstag, 30. September, ab 17.15 Uhr zu erörtern und später – je nach thematischem Aspekt – in den jeweiligen Ausschüssen weiter zu beraten. „Was lässt sich aus dem außergewöhnlichen Ereignis lernen, um für die Zukunft optimal aufgestellt zu sein?“ Um diese Frage geht’s aus Sicht Ulrichs.

Alle anderen rund 30 Sonderbauwerke des SEB sollen eingehend überprüft werden. Gleichzeitig wird auch geschaut, ob die städtische Tochter mit ihren gerade einmal zehn Mitarbeitern (darunter drei gewerbliche) personell und technisch optimal aufgestellt ist. Unter anderem wäre ein Spülwagen mit mehr Bodenfreiheit wünschenswert, der auch stärker überflutete Straßen passieren könnte, sagt Ulrich.

Seinen Worten nach will der SEB noch eine Nachbetrachtung mit Lippeverband und RAG durchführen, die eigene Pumpwerke in Bergkamen betreiben. Die RAG unterhält am Wieckenbusch in Oberaden auch einen Teich, der im Zuge von Bergsenkungen durch den Kohleabbau entstanden war. Im Stadtgebiet gibt es vergleichsweise viele Polder – und Pumpwerke, damit das niedriger gelegene Areal nutzbar bleibt und nicht „absäuft“.

Kanäle dürfen „planmäßig überstauen“

Im Bergkamener Boden liegen rund 240 Kilometer Abwasserkanäle. „Auch wenn sie größer dimensioniert wären, hätte uns das nicht gerettet“, verdeutlicht Ulrich. Die Vorfluter wie Seseke, Kuh- und Beverbach seien ausgelastet gewesen – und die Mengen, die an die Kläranlagen abgegeben werden konnten, weiterhin begrenzt. Wohin also mit dem vielen Nass?

Es gebe nicht ansatzweise einen wirtschaftlich vertretbaren Weg, sich technisch gegen solche Mengen an Wasser zu schützen, wie sie beim Unwetter aufgetreten seien, unterstreicht Ulrich. Bautechniker Lübke ergänzt, dass Kanäle von Gesetzes wegen auch „planmäßig überstauen“ dürfen – rechnerisch zweimal in 20 Jahren. „Dann kommt das Wasser von unten aus den Gullys.“

All das mache Eigenvorsorge wichtig, verdeutlicht Ulrich. Tatsächlich seien nach dem Hochwasser die Anfragen nach Beratung zur Entwässerung von Privatgrundstücken gestiegen. Mögliche Maßnahmen seien immer abhängig von den jeweiligen Verhältnissen vor Ort.

„Lichtschächte erhöhen“: Kleine Mäuerchen am Gebäude sähen zwar nicht unbedingt schön aus, könnten aber ein Volllaufen des Kellers bei Hochwasser verhindern, heißt es. Bei Neubauten wäre ein Verzicht auf Kellerräume zu prüfen. Sollten sich dort Wohnräume befinden, könne der mögliche Sachschaden umso größer ausfallen.

„Rückstauklappe einbauen“: Viele Hausbesitzer wissen gar nicht, ob eine solche vorhanden ist. „Hier kann man Kanalinspekteure fragen“, sagt Lübke. Im Idealfall sind solche Ventile – mechanische oder elektrische – am Revisionsschacht angebracht. Als Trennung zwischen Privat-Leitungen und öffentlicher Kanalisation verhindern sie einen Rückfluss ins Gebäude. Wichtig: Die Zuleitungen von den Fallrohren am Haus sollten sich vom Gebäude gesehen hinter der Rückstauklappe befinden. Lübke: „Sonst landet das Regenwasser in den eigenen vier Wänden.“

„Flächen entsiegeln“: Das hätte die Schäden infolge des Starkregens im Einzelfall vielleicht nicht verhindert, aber vielleicht ein wenig reduziert. „Rasen etwa speichert ungemein viel Wasser“, sagt Ulrich. In der Regel wüssten die Hauseigentümer, wo sich auf ihrem Grundstück das Wasser staue.

Ulrich und Lübke betonen, dass bei der Neubau-Planung mögliche Hochwasserereignisse immer mitgedacht werden sollten. Das sei Sache von Architekten und Bauingenieuren. Die Hauseigentümer selbst sollten den Abschluss einer Elementarversicherung (Wohngebäude, Hausrat) in Erwägung ziehen. Beim SEB (seb-bergkamen.de) gebe es Flyer zum Rückstauschutz.

Die Starkregen-Skala kennt zwölf Stufen in vier Kategorien. Das jüngste Unwetter war demnach ein „extremes“ – Stufe acht in der obersten Kategorie.

Zur Einschätzung des jeweiligen Hochwasserrisikos und der Gefahrenlage steht laut Ulrich online unter flussgebiete.nrw.de Kartenmaterial zur Verfügung. Die Bergkamener Stadtverwaltung habe darüber hinaus schon im vergangenen Jahr die Erstellung noch detaillierterer Karten in Auftrag gegeben – als Handreichung für Einsatzkräfte, aber auch zur Information der Bürger. Ende des Jahres sollen sie zur Verfügung stehen. „Davon darf man sich aber keine Wunder erwarten“, sagt Ulrich. „Eine Hochwasserkarte schützt noch nicht vor Hochwasser.“

Für rund 17.000 Grundstücke werden in Bergkamen Abgaben bezahlt. Ulrich spricht von „Zielkonflikten“, wenn man etwa Flächen nutzen und versiegeln möchte, dadurch aber das Hochwasser-Risiko steige, oder wenn man aufgerufen sei, flächenschonend in die Höhe zu bauen, obwohl einem das klassische Einfamilienhaus lieber sei. Diese Konflikte müssten im Einzelfall gelöst werden. Als Stadt müsse man überdies mögliche Katastrophen ins Auge fassen, die etwa durch Hitze und Brände ausgelöst werden, sagt Ulrich, seines Zeichens auch Beigeordneter und Kämmerer.

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