Wer will hinters Steuer?

Speditionen werben um Lkw-Fahrer: Offene Stellen auch in Bergkamen

Leere Regale, Schlangen vor den Tankstellen: Das ist die Situation in Großbritannien, verursacht durch einen Mangel an Lastwagenfahrern. Den gibt es aber auch hierzulande.

Bergkamen/Kreis Unna – Wir haben mit Speditionen in Bergkamen gesprochen, die lieber heute als morgen Jobs hinterm Steuer vergeben würden.

StadtBergkamen
LandkreisUnna
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Speditionen werben um Lkw-Fahrer: Offene Stellen auch in Bergkamen

Kein Toilettenpapier, das kennt der Kunde aus den Anfangswochen der Corona-Krise. Egal, da kam man durch, zur Not mit halbierten Rollen von Küchenkrepp. Schlimmer wäre ein Zustand wie derzeit in Großbritannien: keine „Nahrung“ für des Deutschen liebstes Kind, das Auto.

Der Grund für die Not auf der Insel ist ein Mangel an Lkw-Fahrern, die den Kraftstoff zu den Tankstellen transportieren. Auch hierzulande sieht man häufig die Annonce „Fahrer gesucht“. Bei den eher kleineren Speditionen in Bergkamen ist die Lage nicht so dramatisch. Aber Fahrer fehlen auch hier.

Lkw-Fahrer auch in Bergkamen gesucht: Viel Arbeit nach Flut im Ahrtal

„Wenn sie fünf Fahrer haben, die nehm' ich sofort“, gibt Eva Karl umgehend Antwort. Dabei ist ihr Arbeitgeber Mülders an der Industriestraße keine klassische Spedition, sondern ein sehr spezielles Unternehmen. „Wir transportieren Baustoffe und -maschinen, machen zum Beispiel die Ausbauten von Bahnübergängen für die Deutsche Bahn. Und wir haben somit gleich ein doppeltes Problem: Uns fehlen Fahrer und Baustoffe.“

Besonders schlimm sei die Situation in ihrem Geschäftsbereich wegen der Flutkatastrophe im Ahrtal. Dort sei die Schieneninfrastruktur arg beschädigt, Arbeit wäre ohne Ende zu machen. „Und wir zahlen gut, mit am besten in der Branche. Wir sind überregional tätig. Aber unsere Mitarbeiter machen keine wochenlangen Montagen, sind eher tageweise aus dem Haus.“

Ihre Position in der 16-köpfigen Mitarbeiterschar beschreibt Karl recht anschaulich. „Wer bei uns nicht fährt, ist Mädchen für alles“, sagt die Sekretärin. Sogar der inzwischen 84-jährige Seniorchef Eckhard Mülders säße noch regelmäßig auf dem Bock.

Mangel an Lkw-Fahrern: „Würden gerne mehr Geld zahlen“

Auch beim – nach eigenen Angaben – „Platzhirsch“ in Bergkamen, der WTL GmbH an der Erich-Ollenhauer-Straße, ist es „wie überall“. Schlechter als im letzten Jahr schätzt Geschäftsführer Danny Chmielewski die Situation aktuell immerhin nicht ein. Die Lage habe sich ja schon über die Jahre stetig verschlechtert. Aber Versorgungsengpässe wie in Großbritannien seien mittelfristig nicht zu befürchten.

Der Fuhrpark der WTL GmbH an der Erich-Ollenhauer-Straße kann aktuell nicht komplett bewegt werden, weil dem Unternehmen Lkw-Fahrer fehlen. So dramatisch wie derzeit in Großbritannien sei die Lage aber nicht, heißt es.

„Wir würden auch gerne diese Summen zahlen, die auf der Insel im Gespräch sind“, sagt Chmielewski, „wir müssen das Geld aber weitergeben können. Wenn bei uns mehr ankommt, wird auch beim Fahrer mehr ankommen.“ Einige Kunden in Deutschland seien aber nicht gewillt, mehr zu zahlen. „Das war immer schon das Leid der Spediteure.“

Dazu komme aber aktuell eine Erhöhung der Lkw-Maut um fünf Cent pro gefahrenem Kilometer und der hohe Dieselpreis. „Rechnen sie mal, was bei einer Tour von 500, 600 Kilometern zusammenkommt.“ Das Bergkamener Familienunternehmen fährt im innerdeutschen Fernverkehr zwischen Ruhrgebiet und Süddeutschland, befördert Palettenware für die großen Einzelhändler.

Politik soll mit Steuervergünstigungen helfen

„Einen von unseren zwölf Lkw können wir momentan nur im Nahverkehr einsetzen, weil uns Fahrer fehlen. Dabei bieten wir als kleines Familienunternehmen ein gutes Arbeitsklima. Die Fahrer können ihren Lkw, wenn sie wollen, mit Lampenbügeln ausstatten, wir zahlen auch Nachtschichtzulagen, auch mal einen Tankgutschein. Außerdem können unsere Fahrer alle zwei Tage zu Hause schlafen.“ Osteuropäische Fahrer anzuwerben, komme für Chmielewski nicht infrage. „Wir müssen uns ja unterhalten können, die Fahrer sollten des Deutschen in Sprache und Schrift schon mächtig sein.“

Um die Attraktivität des Jobs zu erhöhen, zum Beispiel durch ein höheres Einkommen, sei mit Blick auf die Randbedingungen die Politik gefordert. „Zum Beispiel durch steuerliche Vergünstigungen für die Spediteure. Wir investieren ja ständig in einen modernen und umweltgerechten Fuhrpark – und trotzdem wird einem in den Rücken getreten.“

Fahrschule: Auch Fahrlehrer fehlen

Noch etwas dramatischer schätzt Martin Gerold die Situation ein. „Ein Engpass ist auch in Deutschland zu befürchten“, so der Geschäftsführer der Spedition Lutter im benachbarten Bönen. „Es wird nicht so krass kommen wie in England“, glaubt er. „Es war aber noch nie so schwierig wie jetzt.“ Die Babyboomer-Generation würde in die Rente gehen. „Die können nicht ersetzt werden.“

Mit einem anderen Problem hat die Fahrschule Kepp in Bergkamen zu kämpfen, die auch Lkw-Fahrer ausbildet. Hier fehlen nicht die Schüler, sondern eher die Fahrlehrer. Stichwort: Wegfall der Wehrpflicht. Zum einen gebe es die klassisch bei der Bundeswehr ausgebildeten Lkw-Fahrer und -Fahrlehrer kaum noch. Zum anderen seien die Prüfungskapazitäten des TÜV immer noch sehr begrenzt. „Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, sagt Inga Kepp, „in beiden Bereichen – Busse und Lkw“.

2004 hatten sie und ihr Mann Michael sich selbstständig gemacht, mit einem Bus und einem Lkw. Inzwischen sind es zwei Personen- und vier Gütertransporter. Die zertifizierte Bergkamener Fahrschule wird von Firmen, zum Beispiel Denninghaus, aber auch von Privatleuten angefragt – „nicht nur durch Vermittlung der Arbeitsagentur“.

Abschlussprüfung auf Deutsch

Das Problem sei, dass der Job nicht gut bezahlt werde, die Beherrschung der deutschen Sprache aber durchaus wichtig sei. „Nicht so sehr bei der reinen Führerscheinausbildung, die Theorie kann man auch in der Muttersprache machen. Aber die Abschlussprüfung zum Berufskraftfahrer bei der Industrie- und Handelskammer ist auf Deutsch“, erklärt Inga Kepp. Für Quereinsteiger gibt es die beschleunigte Grundqualifikation.

Das heißt für Interessenten: fünf Wochen ganztags Unterricht bis zur Fahrerqualifikationskarte, die den 95er-Eintrag im Führerschein ab diesem Jahr ersetzt.

Rubriklistenbild: © Liesegang

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