Einsatzkräfte mehr als 24 Stunden im Einsatz

So schlimm wie noch nie: Stadt und Feuerwehr ziehen Bilanz zum Hochwasser in Bergkamen

Unwetter Hochwasser in Bergkamen Petra und Hedi Lauster
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Petra und Hedi Lauster wissen nicht, wie sie den Schlamm aus dem Garten bekommen.

Einen Tag nach den starken Regenfällen mit Überflutungen in Oberaden, haben Stadt und Feuerwehr Bilanz gezogen. Alle sind sich einig: Bergkamen hatte noch Glück.

Bergkamen – Schlimmer als am Mittwochabend hat noch kein Sturzregen die Stadt Bergkamen getroffen. Wie viel Wasser seit dem Einsetzen des Unwetters gegen 16 Uhr sich auf diese Stadt binnen weniger Stunden ergossen hat, konnte die Runde um Bürgermeister Bernd Schäfer in ihrer Bilanz am Mittag danach noch nicht beziffern. Es genügte unterm Strich die Feststellung: Es war zuviel, um der Wassermassen noch Herr zu werden.

„Wenn Sie so etwas haben, dann sind Ihnen praktisch die Hände gebunden“, zeigte Thomas Staschat vom Stadtbetrieb Entwässerung die Grenzen auf. „Das war schlimmer als die Hochwasser in März und September 2014. Alle unsere Anlagen sind 100 Prozent gelaufen. Aber wenn die Vorflut voll ist, also Seseke, Bever und Kuhbach, dann kann das Wasser nicht weg.“ Er schätze, dass hier ein Hochwasser aufgelaufen ist, wie es statistisch alle 150 oder 200 Jahre passiert.

Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach

Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach
Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach
Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach
Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach
Hochwasser in Bergkamen - der Tag danach

Nach der Erfahrungen in 2014 seien mit der Ruhrkohle AG Kanäle saniert, Rückhalte- und Pumpkapazitäten erweitert worden. „Aber für solch ein Ereignis kann man sich technisch nicht mit finanziell vertretbarem Aufwand rüsten“, so Staschat. „Unser Pumpwerk in Heil liegt 8,50 Meter tief und das Wasser stand 1,50 Meter darüber. Das ist die einzige Anlage, die wir verloren haben. Was im Übrigen aber nichts ändert, weil es eine Schmutzwasserpumpe ist.“

318 Kräfte ohne Pause im Einsatz

Die Bilanz von Feuerwehrchef Dirk Kemke machte noch einmal deutlich, dass es nur Oberaden so arg getroffen hat. 280 Einsätze standen zu Buche. Höchsten zehn in Rünthe, einer in Overberge, zwei bis drei in Heil und Mitte. Alles andere: Oberaden. Dem Ortsteil wurde auch zum Verhängnis, dass er in Folge des Bergbaus Poldergebiet ist.

Die sechs Bergkamener Einheiten waren mit ihren 20 Fahrzeugen gefordert. Dank Verstärkung aus Werne, Hamm, Bönen, Selm und Schwerte sowie des THW waren 318 Kräfte im Einsatz und hart an der Grenze. Die neue Unterstützungseinheit sorgte mit Verpflegung dafür, dass alle bei Kräften blieben. Einige waren mehr als 24 Stunden auf den Beinen. Der Bauhof schaffte mit Kanistern Sprit heran, damit den Trupps die Stromaggregate nicht ausgingen.

Als wäre nichts passiert: Am Morgen nach der Überschwemmung war die Kehrmaschine schon durch die Senke der Rotherbachstraße gefahren. Erst auf den zweiten Blick in die schlammigen Gärten und gefluteten Keller zeigte sich der Schaden an der Ecke zum Heiler Kirchweg.

Die Energieversorgung war für etliche Betroffene ein Problem. Die Keller waren teils bis unter die Decke abgesoffen, folglich auch die gesamte Installation. Ganzen Straßenzügen und einzelne Objekten musste der Strom abgestellt werden. Am bedrohlichsten war das für eine WG mit Beatmungspatienten an der Markstraße, wie Feuerwehr-Arzt Dr. Arne Krüger berichtete. „Die Geräte liefen nur noch mit dem Akku. Mit dem Leitenden Notarzt des Kreises haben wir dafür gesorgt, dass die Patienten in andere Einrichtungen und Krankenhäuser gebracht wurden. Dafür waren acht Krankenwagen im Einsatz.“

Nur ein Bürger in der Notunterkunft

Mit Hilfe von 49 DRK-Helfern schuf die Stadt in der Römerberghalle ein freiwilliges Aufnahmeangebot auch für die Nacht, wie Sachgebietsleiter Marc Lamparski berichtete. Das habe aber nur ein einziger Bürger genutzt. Flexibel reagieren will die Verwaltung, wenn einige Häuser längere Zeit nicht bewohnbar sind. Die Stadtwerke prüfen in jedem Einzelfall, ob die Häuser wieder Strom erhalten oder wo zuerst die Installation erneuert werden muss.

Am Römerberg mussten gut 250 Menschen ohne Strom auskommen. Dr. Krüger betonte, wie gefährlich das Zusammentreffen von Wasser und Strom ist. „Wir haben großes Glück, dass es hier, im Unterschied zu anderen Orten in NRW, keine Toten und Verletzte gibt. Gerade die Gefahr von Stromschlägen ist groß. Sie wird für die meisten in der Bevölkerung auch noch Gefahr und Belastung bleiben, wenn der Blick sich wieder wendet.“

Die Kuhbachsenke auf der Jahnstraße: Mindestens einen Meter hoch hat das Wasser hier gestanden, zwei Autos waren darin versunken. Dieses stand noch am Rand, der Fahrer war mitten auf der Straße liegen geblieben.

Der Feuerwehrarzt lobte die „hervorragende Selbsthilfefähigkeit der Bergkamener Bürger.“ Den Zusammenhalt und die Nachbarschaftshilfe zu würdigen, war Bürgermeister Bernd Schäfer ebenfalls ein Bedürfnis. Noch im selben Atemzug, mit dem er Dank und Anerkennung für alle Einsatzkräfte bekundete, sprach er den Betroffenen sein Mitgefühl aus und den zupackenden Mitbürgern seinen Dank. „Toll, wie die Bergkamener sich gegenseitig geholfen haben.“

Barbara Thom zeigt, wie hoch das Wasser vor ihrem Wohnzimmer an der Rotherbachstraße stand.

Bürgertelefon freigeschaltet

Die Stadt Bergkamen hat noch am Mittwochabend ein Bürgertelefon eingerichtet, dass auch in den nächsten Tagen noch genutzt werden kann, um sich wegen der Schäden zu melden: 02307/965-444.

Geplant ist zudem eine kostenlose Sperrmüllabfuhr in den betroffenen Bereichen. Dazu folgt eine gesonderte Ankündigung.

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