Eine Bergkamener Institution

Drogist Wilhelm Lohmann steht mit fast 80 Jahren noch täglich im Geschäft

Wilhelm Lohmann führt seit 1978 die Nordberg-Drogerie in Bergkamen
+
Wilhelm Lohmann freut sich über die Unterstützung seiner Tochter Christina Desinger, die ihn an zwei Tagen in der Woche bei der Büroarbeit hilft.

Bergkamen – Die meisten Menschen sehen sich irgendwann im Ruhestand. Nicht so Wilhelm Lohmann. Seine Nordberg-Drogerie an der Ecke Präsidentenstraße/Platz von Gennevilliers will er so lange führen, wie es Körper und Geist erlauben. Auch von Corona lässt sich der Mann mit der optimistischen Grundhaltung und dem freundlichen Auftreten nicht abhalten. Mitte des Jahres wird er 80 Jahre alt.

Dabei ging es zunächst gar nicht darum, Menschen bei Fragen zur Gesundheit mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Lohmann hat Kfz-Mechaniker gelernt, reparierte Fahrzeuge beim Mercedes-Händler in seiner Geburtsstadt Hamm.

Dort arbeitete er auch noch als Geselle. Erst 1964 zog es ihn nach Bergkamen – der Liebe wegen. Er verlobte sich mit Mechtild Toenne, seiner späteren Frau. „Früher konnte man ja nur zusammenleben, wenn man mindestens verlobt war.“

Mechtilds Vater war Drogist. Lohmann stieg gleich mit ein ins Geschäft, zunächst als Angestellter. 1978 übernahmen er und seine Frau ganz – ein Schritt, den der 79-Jährige bis heute nicht bereut hat.

In einer zweiten Ausbildung lernte Lohmann, was Drogisten wissen müssen: etwa, wie die freiverkäuflichen Arzneien wirken und Tinkturen hergestellt werden. „Auch Lacke, Farben und Tabak haben Drogerien früher noch verkauft“, erzählt er. „Und es gab damals schon Fotoartikel.“ Nicht zu vergessen: Gifte und Chemikalien. Zeliopaste zur Bekämpfung von Ratten ging ebenso über die Ladentheke wie Weinsteinsäure zum Haltbarmachen von Konfitüre oder Entkalken von Wasserhähnen. „Dazu musste ich eigens einen Gifterlaubnisschein machen“, erzählt Lohmann.

In einer Nostalgieecke in seiner Drogerie bewahrt Wilhelm Lohmann die braunen Chemikalienflaschen aus früheren Tagen auf.

Alte, braune Chemikalienflaschen sind aus dieser Zeit übrig geblieben. Sie stehen in einem der Regale, für die Kunden sichtbar. Die Drogerie selbst ist klein, aber fein. Hier gibt es, was andere nicht haben – oder nicht mehr.

Wilhelm Lohmann ist eine Institution in Bergkamen. Ebenso wie sein Geschäft. Das wurde 1909 eröffnet, vor nunmehr 111 Jahren. Gegründet hat es Heinrich Jacobi, Drogist aus Kamen. Seine Bergkamener Filiale befand sich zunächst in angemieteten Räumen unweit des heutigen Stammhauses. Sie lagen ebenfalls an der Hohenzollernstraße, wie die Präsidentenstraße damals hieß.

1913 bezog Jacobi ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus. Er hatte es auf dem heutigen Drogerie-Grundstück errichtet. Im Gebäude war auch ein Uhrengeschäft untergebracht, wie eine alte Fotoaufnahme zeigt. Das Bild entstand noch vor dem Krieg, später wurden die Mauern von Bomben zerstört.

Zufriedenheit selbst erarbeitet

Der Wiederaufbau folgte, als Frieden einkehrte. Ab 1948 betrieben Jacobis Tochter Agnes und deren Ehemann Werner Toenne das Geschäft. Später schufen sie im Erdgeschoss Platz für ein Reformhaus, das noch immer Bestandteil der Drogerie ist. Die Tochter der Toennes hieß Mechtild – jene Mechtild, in die sich Lohmann verliebte.

„Für mich ist es gefühlt immer bergauf gegangen im Leben. Wir hatten Perspektive, wollten was tun“, sagt Lohmann. Jammern sei nicht seine Art. „Ich bin, vielleicht abgesehen von kleineren Ärgernissen rund ums Geschäft, rundum zufrieden.“ Diese Zufriedenheit, die Gewissheit, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, hat er sich zu großen Teilen wohl selbst erarbeitet.

An sechs der sieben Wochentage steht Lohmann im Geschäft, zweimal in der Woche hilft Tochter Christina Desinger (46 Jahre) im Laden aus. Sie kümmert sich vor allem um den Bürokram, steuert aber auch kreative Ideen für die kleine Geschenkeecke im Laden bei. So hat sie zum Beispiel Toilettenpapier-Hüllen aus Filz entworfen, die Aufschriften wie „Fugenkratzer“, „Geschäftspartner“ oder „Tatortreiniger“ tragen.

„Die gehen jetzt zu Corona natürlich sehr gut“, sagt Lohmann. Mit der Pandemie selbst geht er pragmatisch um. „Die Situation ist blöd, aber nicht aussichtslos“, konstatiert er. Und: „Ich wünsche mir, dass die Leute nicht hysterisch werden oder den Kopf in den Sand stecken.“

Kompetente Beratung und ein passgenaues, wechselndes Warenangebot

Er selbst hat es nie getan. Weder, als immer mehr Substanzen aus dem Drogerie-Sortiment apothekenpflichtig wurden und sich die klassischen Geschäfte mit dem Aufstieg der großen Ketten ein zweites Mal herausgefordert sahen, noch, als seine Frau vor einigen Jahren starb.

Gegen die Mitbewerber – auch im Internet – helfen aus Sicht Lohmanns eine kompetente Beratung sowie ein passgenaues und wechselndes Warenangebot. Und bei persönlichen Schicksalsschlägen die Einsicht, dass es ja weitergeht und auch weitergehen muss.

Einsamkeit jedenfalls kenne er nicht, sagt Lohmann. „Wenn ich die Treppe runtergehe, werde ich ja gleich von den Kunden begrüßt. Die bringen Gesellschaft und obendrein noch Geld mit.“ Zu seinen drei Geschwistern – 76, 88 und 92 Jahre alt und alle wohlauf – halte er regelmäßig Kontakt.

Lohmann hat viele Stammkunden. Sie greifen gern zum „Tannenblut“, einen Bronchialsirup aus dem Schwarzwald. „Den haben schon die Bergleute gekauft, die unter Silikose litten.“ Auch Manuka-Honig aus Neuseeland werde oft nachgefragt. „Er erhält eine Art natürliches Antibiotikum und stärkt das Immunsystem.“

Zudem hält er zum Beispiel noch Ätznatron parat, damit der Abfluss frei wird. Jäger haben lange Zeit Wasserstoffsuperoxid bei Lohmann geordert, um Geweihe und Gehörne zu bleichen. Sein reichhaltiges Wissen um gesunde Ernährung hat er unter anderem an der Reformhausakademie im hessischen Oberursel erworben.

Wichtige Standbeine Lohmanns sind der Goldankauf sowie die Fotografie. Aktuell fertigt er Pass- und Bewerbungsfotos an. Früher war sein Atelier noch größer, ganze Gruppen kamen zu ihm. Die Erlaubnis, gewerbsmäßig fotografieren zu dürfen, holte sich Lohmann zu Zeiten, als der Meisterzwang noch galt, über Umwege. Schon seine Schwiegereltern hatten einen Vertrag mit dem Rünther Fotografen Waldo Müller abgeschlossen. In dessen Auftrag arbeitete offiziell auch Lohmann, der später seine Fotokünste vor der Handwerkskammer Dortmund unter Beweis stellen musste.

Ein moderner Tante-Emma-Laden

Wilhelm Lohmann denkt nicht an Ruhestand, nicht an Rente. Zwar würde das Geld schon jetzt reichen, die Aufgaben in der Drogerie seien aber nicht Last, sondern Lust, betont er. „Ich will nicht zwei- oder dreimal um die Welt reisen, sondern ein geregeltes Leben haben.“ Er habe Freude am Dasein, sehe positiv in die Zukunft, auch wenn die heutige Zeit etwas überdreht sei.

„Es ist selten, dass jemand seinen Job so liebt“, sagt Tochter Christina Desinger über ihren Vater. Seine Drogerie sei eine Art moderner Tante-Emma-Laden, auch wenn die Räume zuletzt noch 2009 modernisiert worden seien. „Schade, dass solche Geschäfte langsam aussterben.“

Doch daran geht wohl kein Weg vorbei, denn weder sie noch ihr Bruder wollen die Drogerie übernehmen. Lohmann hat dafür Verständnis. „Die jungen Leute sind auch anders gepolt“, sagt er. „Man kennt das: Die erste Generation macht auf, die zweite verwaltet, die dritte macht platt“, sagt er eher scherzhaft denn sarkastisch.

Es ist zu hoffen, dass Lohmann seine Zufriedenheit noch lange leben kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare