Sechs Stunden in Bergen-Belsen

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Am Modell im Maßstab 1:300 erhielten die Schülerinnen und Schüler des städtischen Gymnasiums eine erste Vorstellung von der Größe des einstigen KZ-Geländes und der heutigen Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Bergkamen/Bergen-Belsen - Tief hängt der Himmel über der Gedenkstätte von Bergen-Belsen. Aus der Ferne sind Gewehrsalven und Explosionen zu hören. Die Nähe des Truppenübungsplatzes der Bundeswehr mag unpassend erscheinen, aber dennoch verleiht die Geräuschkulisse der Gedenkstätte eine eindringliche Atmosphäre. „So etwas darf nie mehr passieren“, sagt eine Schülerin und streicht sich über die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben.

Es ist Dienstagmorgen in den Herbstferien. Während etliche Mitschüler noch in ihren Betten liegen, steigen 21 Gymnasiasten um 7.15 Uhr in den am Busbahnhof wartenden Reisebus. Zweieinhalb Stunden dauern Hin- und Rückfahrt jeweils. Dazwischen liegen sechs Stunden Studientag in einer Gedenkstätte, die an die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs erinnert. „Man muss so etwas mal gesehen haben“, meint Luise Weidlich. „Man kann sich nicht genug mit der Geschichte befassen“, sagt Clara Stams. Sie hat Geschichte Leistungskurs, Luise Grundkurs. Einen Ferientag zu opfern, macht ihnen nichts aus. 

Schicksale anhand von Todesanzeigen

Lisa-Marie Kardatzki weiß genau, was auf sie zukommt. „Ich war schon einmal mit dem Orchester da, aber damals konnten wir das Außengelände nicht besuchen, weil das Wetter zu schlecht war.“ Das spielt dieses Mal einiger Maßen mit. Der Studientag ist in vier Teile unterteilt: Erst gibt es eine theoretische Einführung von einem Mitarbeiter an einem Modell, dann werden anhand von Todesanzeigen in Zeitungen Schicksale aufgearbeitet. Dann geht es dorthin, wo einst die Baracken standen und der Appellplatz war. Viel zu sehen gibt es nicht mehr, doch die Schüler erhalten eine Vorstellung von der Größe des Konzentrationslagers.

Geschichte von Zeitzeugen

 Nach einer kurzen Mittagspause geht es in die Ausstellung. Die beginnt 1939, als Bergen-Belsen Kriegsgefangenenlager war, beschreibt die Umstände, als das Lager von 1943 bis 45 als KZ genutzt wurde und die Zeit danach, als es als Unterkunft für die staatenlosen, als Displaced Persons Camp (1945 bis 1959) diente. Die Schüler beschäftigen sich mit den Geschichten von Zeitzeugen, hören kopfschüttelnd, was Dorfbewohner beobachtet hatten. Die Zeit drängt, die Ergebnisse sollen zusammengetragen werden, doch die Schüler erbitten sich mehr Zeit. Lehrer Groesdonk gibt sein Okay. „Ich kann Euch verstehen.“ Doch die Zeit reicht nicht aus. „Sechs Stunden sind zu wenig“, sagt Katharina Schulz. 

Zum Abschluss zu Massengräbern und Gedenksteinen

Vor der Vitrine, die sich Yvonne Schulz widmet, bleibt sie länger stehen. „Wenn man das live direkt von ihr hört, ist das mega-berührend. Man wusste einfach nicht, was man sagen sollte.“ Ihrer Freundin steigen die Tränen in die Augen. „Sollen wir rausgehen?“, fragt Katharina. Die andere kann nur nicken. Kurz vor der Abfahrt geht es nochmals hinaus ins Gelände. Ziel sind die Massengräber und Gedenksteine. Vor einem Massengrab bleibt eine Schülerin länger stehen: „Ich musste noch ein Gebet sprechen“, sagt sie, als sie sich der Gruppe wieder anschließt.

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