Ursache bis heute ungeklärt

Schwerstes Grubenunglück Deutschlands: Vor 75 Jahren starben 405 Menschen auf Grimberg 3/4

Der Druck der unterirdischen Schlagwetterexplosion war so gewaltig, dass selbst die Schachthalle über Tage zerstört wurde.
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Der Druck der unterirdischen Schlagwetterexplosion war so gewaltig, dass selbst die Schachthalle über Tage zerstört wurde.

Bergkamens Bergbaugeschichte ist mit viel Licht und mit viel Schatten verknüpft. Mehr als 100 Jahre lebte die Kommune vom schwarzen Gold und stieg mit ihm zur größten Bergbaustadt Europas auf. Zugleich steht sie für die dunkelsten Stunden, die der Steinkohlebergbau hervorgebracht hat: Am 20. Februar vor 75 Jahren ereignete sich auf dem Schacht Grimberg 3/4 im Ortsteil Weddinghofen das schwerste Grubenunglück der deutschen Bergbaugeschichte.

Bergkamen – Durch eine gewaltige Schlagwetterexplosion verloren 405 Bergmänner ihr Leben. Das schreckliche Ereignis hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Bergkamener eingebrannt, viele Familien waren damals vom Unglück betroffen und verloren Ehemann, Vater oder Sohn. Bis heute ist der Auslöser für die Schlagwetterexplosion, die sich um Punkt 12.05 Uhr auf der zweiten Sohle in 930 Meter Tiefe ereignete, nicht geklärt.

Der Druck war so gewaltig, dass selbst die Schachthalle über Tage zerstört wurde. In der Folge kam es zu einer Kohlenstaubexplosion, die breit die Grube durchlief und den gesamten Bau zerstörte.

Rettungsteams mussten durch die benachbarten Schächte Kiwitt und Grillo vordringen, weil die Schächte III und IV durch die Beschädigungen nicht mehr befahrbar waren. Von den 466 Bergleuten der Frühschicht wurden nur 64 lebend geborgen, die letzten acht Kumpel drei Tage nach dem Unglück. Der Historiker Dr. Michael Farrenkopf sagt, viele hätten gerettet werden können.

Damals unterstand die Zeche der englischen Besatzung.

Brände waren nicht unter Kontrolle zu bringen

Sämtliche Grubenwehren der benachbarten Zechenanlagen wurden in Weddinghofen zusammengezogen, insgesamt waren 269 Retter im Einsatz. Weil die vielen Brände im Grubengebäude nicht unter Kontrolle zu bringen waren, wurde die komplette Grube am 25. Februar 1946 abgedämmt und zweimal mit Wasser geflutet.

405 Menschen kostete die Katastrophe das Leben. Die meisten konnten nicht geborgen werden.

Mehr als 380 tote Bergleute konnten deshalb nicht geborgen werden und blieben für immer in der Tiefe. Tagelang standen die Angehörigen der Bergmänner vor den Toren der Anlage und hofften auf ein Wunder. Doch das Unglück machte 283 Ehefrauen zu Witwen und nahm 433 Kindern den Vater. Der Verlust des Ernährers in der schlechten Nachkriegszeit führte viele Familien in die Verzweiflung.

2,8 Millionen Reichsmark an Spenden

Im Kreisarchiv in Unna zeugen historische Akten von einer Welle der Hilfsbereitschaft, die das Unglück auf Grimberg 3/4 auslöste. Viele Bewohner des Kreises Unna und weit darüber hinaus folgten einem Spendenaufruf des damaligen Landrats Moenikes. Auf diesem Weg kamen 2,8 Millionen Reichsmark für die Hinterbliebenen der Katastrophe zusammen.

Durch Spendenaufrufe kamen 2,8 Millionen Reichsmark für die Hinterbliebenen der Katastrophe zusammen. Weil ein Bergmann erst später im Krankenhaus starb, wurde zunächst von 404 Opfern ausgegangen.

Die Spendenlisten belegen auch die legendäre Solidarität unter den Bergleuten. Die Belegschaften vieler Zechen aus dem ganzen Ruhrgebiet beteiligten sich mit hohen Spendensummen. Als Soforthilfe erhielt jede Witwe 500 Reichsmark, außerdem wurden für jedes Kind weitere 100 Reichsmark gezahlt.

Langfristig sollte das Spendengeld angelegt und so die finanzielle Versorgung der Hinterbliebenen sichergestellt werden. Doch mit der Währungsreform 1948/1949 verlor das Kapital seinen Wert und machte die Planungen zunichte. Im Jahre 1955 wurde der Grimberg-Spendenfond deshalb endgültig abgewickelt.

Sachspenden veruntreut

Ein trauriges Kapitel ist der Umgang mit Sachspenden, die in großer Zahl gestiftet wurden. Ein betriebseigenes Komitee der Schachtanlage Grimberg sollte für die Verteilung an die Hinterbliebenen sorgen, aber einige der Organisatoren wirtschafteten in die eigene Tasche. Die Bergmänner aus Bergkamen, Rünthe und Weddinghofen wurden vor Gericht ihrer Taten überführt und zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.

Ein Jahr nach dem Unglück auf Grimberg 3/4 wurde die abgedämmte Grube noch einmal geflutet und die zweite Sohle komplett aufgegeben. Erst im Sommer 1952 lief auf der Schachtanlage wieder die Kohleförderung an. Zu dieser Zeit wurde am Waldfriedhof in Weddinghofen eine Gedenkstätte für die Opfer des Unglücks eingeweiht. Die Hinterbliebenen erhielten damit einen Ort für ihre Trauer. Bei Teufarbeiten im Jahre 1958 wurden im Schacht die sterblichen Überreste von fünf Bergleuten gefunden, die nicht mehr identifiziert werden konnten. Die Gebeine wurden an dem Ehrenmal beigesetzt.

Gedenkveranstaltung fällt wegen Corona aus

Dort traf sich am Samstag eine kleine Abordnung des Knappenvereins Weddinghofen mit Bürgermeister Bernd Schäfer, um der Toten zu gedenken und einen Kranz niederzulegen. Eigentlich hatte Knappen-Chef Uli Matzke zum 75. Jahrestag eine große Gedenkveranstaltung geplant.

Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren

Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren in Bergkamen
Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren in Bergkamen
Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren in Bergkamen
Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren in Bergkamen
Gedenkfeier zum Grubenunglück Grimberg III/IV vor 75 Jahren

„Das wären wohl weit über 200 Teilnehmer geworden, aber durch Corona geht das nicht. Ich habe allen befreundeten Knappenvereinen absagen müssen“, erklärt er. In Weddinghofen fühlt man sich dem Gedenken an die 405 toten Bergmänner verpflichtet: „Das ist für uns eine Ehrensache.“

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