Mit Schuljahresende

Schulleiterin Bärbel Heidenreich verlässt das Städtische Gymnasium - und übt auch Kritik

Acht Jahre lang war das der Arbeitsplatz von Bärbel Heidenreich im Städtischen Gymnasium. Ab dem kommenden Schuljahr wird die Schule zunächst kommissarisch von Maria von dem Berge geleitet.
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Acht Jahre lang war das der Arbeitsplatz von Bärbel Heidenreich im Städtischen Gymnasium. Ab dem kommenden Schuljahr wird die Schule zunächst kommissarisch von Maria von dem Berge geleitet.

Nach acht Jahren in der Schaltzentrale ist Schluss. Mit Ende des Schuljahres verlässt Schulleiterin Bärbel Heidenreich das Städtische Gymnasium, geht in den Ruhestand. Was bleibt, sind die lieb gewonnenen Erinnerungen an die Arbeit mit den Schülern und Kollegen. Und eine Portion Ernüchterung, hervorgerufen durch ein System, das Visionen unter Bürokratie erstickt.

Bergkamen – „Es ist ein spannender Beruf“, sagt Heidenreich. „Eigentlich führe ich ja ein mittelständisches Unternehmen – mit 760 Mitarbeitern und 70 Abteilungsleitern.“ Den Kontakt zu den Schülern, zu den Kollegen – sie hat ihn genossen. „Und wie ich ohne Matheunterricht leben soll, weiß ich noch nicht“, sagt sie lachend.

Trotzdem: Sie findet, es ist Zeit zu gehen. „Die Entscheidung ist vor mehr als einem Jahr gefallen“, erzählt sie. Da war sie 63 und Corona noch kein wirkliches Thema. „Aber es war schon klar, dass ich den vielfältigen Anforderungen, die die Leitung einer Schule mit sich bringt, nicht mehr über Jahre gerecht werden kann.“

2013 erste inklusive Klasse

Die erste große Herausforderung kam direkt mit der Übernahme der Schulleitung 2013. „Das war das erste Schuljahr mit einer inklusiven Klasse.“ Danach kam die Optimierung von G8. 2015 stand im Zeichen der Flüchtlingskrise. „Wir hatten natürlich bereits Schüler mit Zuwanderungsgeschichte und ein gutes Konzept. Aber die Größenordnung war eine ganz andere.“

Die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten und die Rückkehr zu G9 hieß: Alles umkrempeln, neue Stundentafeln erstellen, die Lehrpläne umstellen. Und dann Corona. „Das hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt.“

60-Stunden-Wochen gehören zum Alltag

Die 63-Jährige mag ihren Job und seine Abwechslung. „Aber es war so zeitaufwendig, dass das private Leben zu kurz gekommen ist.“ Noch mehr seit Beginn der Corona-Pandemie. 60-, 65-Stunden-Wochen gehören seitdem zum Alltag. „Da spielt auch das Alter eine Rolle. Je älter man wird, desto mehr Zeit braucht man zur Erholung.“ Sie freut sich, bald wieder Zeit für sich zu haben. Für Theater- und Konzertbesuche. Den Tatort am Sonntagabend. „In der Zeit habe ich zuletzt immer die neuesten Corona-Schutzverordnungen gelesen.“ Allein dieses Jahr hat sie 30 Eltern-Emails und 38 Lehrer-Emails verfasst. Bald folgt die 31., weil das Ministerium mal wieder kurzfristig verkündet hat, wie es nach den Ferien weitergehen soll. „Die Infopolitik zwischen Ministerium, Behörden und Schulen muss sich ändern“, sagt sie.

„Visionen im Alltagsgeschäft verblasst“

Auch an anderer Stelle sieht sie Handlungsbedarf, um es den Schulleitern leichter zu machen. Als Beispiel führt sie Kritik an den bürokratischen Hürden an, die vor Fördergeldern aus dem Digitalpakt stehen und die Zeit für die eigentliche Arbeit rauben. Das Gymnasium würde mit den Fördermitteln beispielsweise gern weitere Beamer anschaffen. „Aber dafür müssen wir erst ein pädagogisch-technisches Einsatzkonzept erstellen“, kritisiert sie. Beim Kauf neuer Tafeln bedürfe es schließlich auch keines ausgearbeiteten Konzepts.

Dazwischen bleibt oft nicht viel Zeit für das, was Heidenreich als ihre eigentliche Aufgabe angesehen hat – die Weiterentwicklung der Schule und des Unterrichts. „Vor den Anforderungen des Alltagsgeschäfts sind meine Visionen verblasst.“ Zur zertifizierten MINT-freundlichen Schule hätte sie das Gymnasium gern gemacht. Kollegen, die innovativ arbeiten möchten, mehr Zeit dafür verschafft. Die Digitalisierung vorangetrieben.

Erst nach Lissabon, dann aufs Boot

Pläne, die nun ihre Nachfolger angehen können. „Wer das wird, steht noch nicht fest“, bedauert sie. Kommissarisch wird die Leitung Maria von dem Berge übernehmen. Deren vermutlich größte Aufgabe hat Heidenreich, die 2007 als Lehrerin und Mittelstufenkoordinatorin ans Gymnasium kam, schon ausgemacht: „Es gilt, die Rückstände im schulischen und auch emotionalen Bereich aufzuarbeiten, sodass alle Schüler eine Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn haben.“

Ihre eigene Laufbahn im Schuldienst endet am 31. Juli. Pläne für die Zeit danach hat Heidenreich reichlich. „Studium im Alter“ ist ein Stichwort.

Als leidenschaftliche Mathematikerin will sie sich weiter mit der Materie beschäftigen. „Und ich möchte meine Kenntnisse in Biologie ausbauen.“ Sobald ihr Mann, ebenfalls im Schuldienst, in den Ruhestand geht, zieht es sie für einige Wochen nach Lissabon. Und aufs Wasser. Es gebe noch viele Segelreviere, die sie erkunden wollen. Und wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, plant sie den ein oder anderen Besuch an ihrer alten Wirkungsstätte. „Ich habe die Termine für Konzerte und Theateraufführungen schon im Kalender eingetragen.“

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