Zweiter Bildungsweg

Schulabschlüsse an der Volkshochschule Bergkamen: Zwei Absolventen berichten

VHS-Leiterin Sabine Ostrowski mit zwei ihrer erfolgreichen Schüler: Mevlüt Özden (links, 44 Jahre) und Maikel Leisner (19 Jahre) hatten ganz unterschiedliche Gründe, für den Realschulabschluss zu lernen.
+
VHS-Leiterin Sabine Ostrowski mit zwei ihrer erfolgreichen Schüler: Mevlüt Özden (links, 44 Jahre) und Maikel Leisner (19 Jahre) hatten ganz unterschiedliche Gründe, für den Realschulabschluss zu lernen.

Lernen im Huckepack: Als seine Tochter sagte, sie wolle die Schule mangels Motivation schmeißen, bot ihr Mevlüt Özden einen Deal an: „Wenn Du weitermachst, drücke auch ich wieder die Schulbank.“ Der Handel funktionierte: Sie hat nun das Abitur, ihr 44-jähriger Vater den Realschulabschluss. Den hat er an der Volkshochschule Bergkamen gemacht, wo auch Maikel Leisner (19 Jahre) erfolgreich war. Er stand bis dato ganz ohne Schulabschluss da.

Bergkamen – Schule, Ausbildung, Beruf – die Vita ist bei den meisten Menschen geradlinig und wenig spektakulär. Doch das Leben schlägt manchmal Kapriolen. 15 Lernende im Alter zwischen 17 und 44 Jahren haben in diesem Jahr an der VHS und damit über den sogenannten zweiten Bildungsweg einen Haupt- oder Realschulabschluss erreicht. Es sind Menschen, die ein konkretes Ziel vor Augen haben, für das sie einen großen Einsatz zeigen. „Und Menschen, die ganz unterschiedliche Päckchen mitbringen“, wie VHS-Leiterin Sabine Ostrowski sagt.

„Und die Lehrer sind immer für einen da“

Maikel Leisner blickt auf seine Realschulzeit in Münster zurück. „Ich war im Unterricht immer sehr abgelenkt, mit den Noten ging’s hoch und runter, die Klasse acht habe ich wiederholen müssen.“ Dann stand nach der Neun ein Umzug der Familie nach Bergkamen an, berufsbedingt, wegen des Vaters. Der junge Mann wollte auf einer Berufsschule seinen Abschluss machen, entschied sich dann aber für die VHS. „Hier arbeiten wir in kleineren Gruppen, man wird nicht ins kalte Wasser geschmissen, und die Lehrer sind immer für einen da.“

Sogar mit Q-Vermerk

Das positive Lernumfeld ist Leisner wichtig. Ihn begleiten leichte Prüfungsängste, denen er sich in dieser Art Unterricht erfolgreich stellen konnte. An diesem Donnerstag erhält er nach zwei Jahren Mühen das Zeugnis. 2,0 ist sein Notendurchschnitt, zum Realschulabschluss gibt’s den Q-Vermerk obendrein, die Qualifizierung für die gymnasiale Oberstufe.

Nächstes Ziel: Bundeswehr

Zwei Jahre hat Leisner gebüffelt. Von 16.30 bis 21.15 Uhr, immer nach seinem harten Job in einer Abbruchfirma, sowie nachts und an den Wochenenden. Er wusste, wofür. „Im November mache ich meine Grundausbildung bei der Bundeswehr.“ Ein Hauptschulabschluss sei Voraussetzung fürs Soldatendasein, sein höherer Abschluss die Chance, in der Truppe aufzusteigen, schildert Leisner. Noch größere Lernmotivation aber sei seine Tochter, die von zehn Monaten zur Welt kam.

Kinder halten ihn auf Trab

Dass Vater und Kind im selben Jahr den Schulabschluss machen, kommt nicht alle Tage vor. Mevlüt Özden bewegte mit seinem Deal auch eine zweite Tochter mit Durchhänger zum Weiterlernen, damit sie ihr Ziel, das Fachabitur, erreicht. Insgesamt hat er vier Kinder und ein Pflegekind. Die Familie hält ihn auf Trab.

„Damit hätte ich nie gerechnet“

Stolz“ sei er, dass sich seine Töchter aus ihrem Schultief wieder herausgearbeitet hätten, sagt der Unnaer – und ebenfalls „stolz“ sei der Nachwuchs auf den Papa. „Wir waren uns in diesem Jahr gegenseitig eine Hilfe“, meint der 44-Jährige. Dass es neben einem Notenschnitt von 2,5 auch den Q-Vermerk bekommen hat – „damit hätte ich nie gerechnet“.

Wenn nötig, wird weitergelernt

Özden besuchte in jungen Jahren die Hauptschule, schaffte den Abschluss. Danach hat er sich in der Holzverarbeitung und im Kfz-Gewerbe versucht, dann in einer Spedition einen Job als Disponent angetreten und sich im Betrieb in eine Führungsposition hochgearbeitet. Plötzlich machte die Gesundheit nicht mehr mit. Offiziell sei er Rentner, berichtet Özden. Zur Not würde er aber noch weitere Ausbildungen machen, wenn er seinen Töchtern dadurch wieder unterstützen könnte. „Auch mit 60 oder 70.“

Mit Englisch schwergetan

Dabei sei es durchaus „ein Kraftakt“ gewesen, in seinem Alter wieder durchzustarten. Vor allem mit Englisch habe er sich schwergetan. „Ich konnte hier nur noch auf die Grundkenntnisse zurückgreifen.“ Die weiteren fünf Fächer aber – Deutsch, Mathematik, Geschichte, Biologie und Politik/Wirtschaft – habe er „genießen“ können, vor allem sein Lieblingsfach Mathe.

Ein großer Zusammenhalt

Özden lobt wie Leisner den vorbehaltlosen Umgang untereinander, den Zusammenhalt unter den VHS-Schülern, auch wenn die Altersunterschiede groß gewesen seien. „Wir standen in den Pausen immer in der Gruppe zusammen, konnten über jedes Thema sprechen, keiner war ausgeschlossen.“ Das habe er früher in der Regelschule nicht erlebt. Mit den Lehrern und ihrem Verständnis für die Belange der Schülerschaft sei er ebenfalls „total zufrieden“ gewesen.

Unterricht als Herzensangelegenheit

Den Erfolg der Bildungsgänge führt VHS-Leiterin Ostrowski nicht zuletzt darauf zurück, dass alle Beteiligten aus eigener Motivation handeln: die Schüler, die sich ein persönliches Weiterkommen versprechen, und die Lehrer, denen die Wissensvermittlung eine Herzensangelegenheit sei und großen Spaß bereite. Sie unterrichteten zumeist nach ihrer Tätigkeit an einer Regelschule, teils seien sie bereits pensioniert, wollten aber auf jeden Fall aktiv bleiben.

Zum Nachmachen

Im Schatten von Maikel Leisner hat im Übrigen auch sein jüngerer Bruder einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht und seinen Hauptschulabschluss mithilfe der VHS deutlich verbessert – im Schnitt um eine ganze Note in jedem Fach.

Schon 23 Anmeldungen für das kommende Schuljahr

Zum neuen Schuljahr liegen der Volkshochschule Bergkamen bereits 14 Anmeldungen für den Realschulabschluss und neun für den Hauptschulabschluss (bis Klasse neun und erweitert) vor. „Wir nehmen bis zum Start nach den Sommerferien noch weitere Anmeldungen entgegen“, sagt VHS-Leiterin Sabine Ostrowski. Pro Bildungsgang gebe es bis zu 25 Plätze. Die seien in der Regel schnell belegt, sodass es Wartelisten gebe. Corona habe die Nachfrage aber zuletzt schrumpfen lassen. An den Lehrgängen teilnehmen kann, wer die zehnjährige Schulpflicht erfüllt und das 16. Lebensjahr erreicht hat, die deutsche Sprache beherrscht und Grundkenntnisse in der englischen Sprache nachweisen kann. Es gibt keine Altersbegrenzung nach oben. „Unsere bisher älteste Teilnehmerin war 76 Jahre alt“, berichtet Ostrowski. Die VHS der Stadt Bergkamen im Gebäude Lessingstraße 2 ist unter der Telefonnummer 02307/284950 sowie per E-Mail an vhs@bergkamen.de erreichbar.

Internet: vhs.bergkamen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare