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Neue Testregelung bringt Grundschulen und Eltern ans Limit

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Von: Kira Presch

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Junge macht Lollitest
Den Lolli-PCR-Test machen Grundschüler weiterhin für den Pooltest. Ist das Ergebnis positiv, müssen sich die Kinder in der Schule ab sofort selbst mit einem Nasenabstrich testen. © Peter Kneffel

Wenn in den Grundschulen bisher ein Pooltest positiv war, testete das Labor weiter, um die Infizierten zu ermitteln. Über Nacht erhielt Heike Prochnow vom Schulministerium nun die Anweisung, dass die Schulkinder ab sofort selbst testen müssen. „Irgendwo ist jetzt mal ein Limit erreicht“, sagt die Leiterin der Ketteler-Grundschule in Rünthe.

Rünthe – Wieder einmal hat das Schulministerium in Düsseldorf den Schulen einen Schnellschuss beschert, den sie sofort umsetzen müssen. Ab sofort finden in Grundschulen nur noch Pooltests als Lollitests statt, die dann als PCR-Test ins Labor geschickt werden. Ist ein Pool positiv, wird nicht weiter im Labor getestet, das müssen die Kinder mit einem Schnelltest selber machen. Die Schule ist jetzt in der Verantwortung.

Dabei kritisiert die Schulleiterin auch die Kommunikation der Gebauer-Behörde mit den Schulen. „Ich habe von der neuen Regelung zunächst im Radio erfahren und später auf der Seite des Ministeriums. Aber das ist nicht weisend für mich. Als die Mail aus dem Ministerium mit der Dienstanweisung für den nächsten Tag gegen 22.30 Uhr am Dienstagabend kam, habe ich sie nicht mehr gelesen, denn wir hatten zwei positive Pooltestungen am Montag, die ich verwalten musste.“ Nach einer Dienstzeit von 6 Uhr morgens bis in den Abend, sei dann auch mal die Arbeitszeit ausgeschöpft. „Es müssen ja auch die Eltern umfassend von uns informiert werden.“

Jeder fünfte Pool ist positiv

Bislang wurden Grund- und Förderschüler in NRW im Rahmen von Pool-Tests zweimal wöchentlich getestet – als Gruppe und einzeln. Fiel der Gruppentest positiv aus, konnte mit den Einzel-PCR-Tests das betroffene Kind herausgefiltert werden. Nachdem aber Labore aus Kapazitätsgründen die Auswertung der Einzelproben gestoppt hatten, verkündete das Schulministerium am Dienstagabend eine Veränderung des Lolli-PCR-Testverfahrens an Grundschulen. Einzel-PCR-Rückstellproben an die Labore sind ab sofort nicht mehr vorgesehen. Schüler eines negativ getesteten Pools nehmen am Präsenzunterricht teil. Derzeit seien laut Schulministerium rund 80 Prozent aller Pools negativ. Im Umkehrschluss heißt das, jeder fünfte Pool ist positiv.

Rund 450 Kinder fehlen zurzeit in der Schule

Aktuelle Zahlen von den Bergkamener Schulen hat Andreas Kray, Leiter des Schulamtes Bergkamen: „Rund zehn Prozent der rund 4500 Bergkamener Schüler insgesamt, können die Schule aktuell nicht besuchen, sondern müssen zu Hause bleiben – entweder in häuslicher Isolierung, weil sie positiv getestet wurden, oder in Quarantäne als Kontaktperson.“ Dazu zählen alle Schulformen, also 1818 Kinder in den Grundschulen und 2705 Schüler der weiterführenden Schulen.

Die aktuelle Infektionsrate an der Rünther Grundschule entspricht den Bergkamener Zahlen. Da gebe es keine Ausreißer bei den Schulen, so Kray. Von 216 Schülern an der Ketteler-Grundschule sind aktuell 22 positiv, meldet Schulleiterin Heike Prochnow, 26 Kinder befinden sich in häuslicher Quarantäne als Kontaktperson. Kray stellt auch klar: „Die Schulen vor Ort sind diejenigen, die die Regelungen umsetzen müssen und die die Probleme damit haben. Sie sind nach unserer Einschätzung schon arg belastet, das alles hinzubekommen.“

Schüler eines positiven Pool-Tests müssen nach der neuen Regel am nächsten Tag zu Unterrichtsbeginn in die Schule kommen und sich selbst mit Antigenschnelltests durch einen Nasenabstrich testen. Alternativ können Eltern ihre Kinder auch in im Rahmen eines Bürgertests testen lassen und das Ergebnis der Schule vorlegen.

Nasenabstrich für viele Kinder schwierig

Zwar seien die Kinder mittlerweile vielfältige Testarten gewohnt, weiß Heike Prochnow. Es gebe aber auch viele Kinder, die Nasenabstriche gar nicht oder nur sehr ungern umsetzen, weil sie Probleme damit haben. „Da müssen wir jetzt schauen, was passiert.“ Die Lollitests dagegen würden gut funktionieren, so ihre Erfahrung. „Die haben wir hier natürlich nicht im Angebot für die Selbsttests, wenn ein Pool positiv ist. Notfalls müssen wir die Eltern bitten, mit ihren Kindern zum Testzentrum zu fahren und dort einen Lolli-Schnelltest zu machen und das Ergebnis der Schule vorzulegen, damit sie am Unterricht teilnehmen können.“

Das könnte für berufstätige Eltern eine Herausforderung sein. In einem Brief an die Eltern hat Heike Prochnow jetzt deutlich gemacht, wie sehr sie bedauert, dass die neue Regel noch mehr Flexibilität und Einsatzbereitschaft von den Eltern fordert. „Das tut mir einfach nur leid. Wenn ein Kind morgens positiv getestet wird, dann müssen es die Eltern sofort abholen. Sie können sich gar nicht mehr darauf verlassen, dass das Kind an diesem Tag in der Schule sein wird.“

Berufstätige Eltern müssen bereitstehen für den Positiv-Fall

Eltern bleiben also in Rufbereitschaft. Ist ein Pool positiv, muss täglich in der Schule getestet werden, so lange, bis das Ergebnis in der Klasse negativ ist. Da stellt sich die Frage, wie sensibel ist das Testmaterial, das den Schulen zur Verfügung gestellt wird? Zeigen die Tests verlässlich, wenn ein Kind an der Omikron-Variante erkrankt ist? „Wie zuverlässig die Tests sind, die wir erhalten, kann ich nicht sagen. Wir selber können die nicht aussuchen, das ist ein standardisiertes Verfahren. Wir haben ausreichend Tests vor Ort und die werden wir nutzen. Was anderes können wir auch nicht tun.“

Natürlich sei die Beibehaltung der einzelnen PCR-Testungen sicherer gewesen, sagt Prochnow. „Aber durch die Überlastung der Labore war die Lieferung der Ergebnisse nur noch unübersichtlich. Wenn jetzt Lehrer und Kinder nach einem positiven Pooltest in einem Klassenraum zum Testen mit einem oder mehreren infizierten Kindern zusammen kommen, dann begeben sie sich in Gefahr, sich anzustecken.“ Unsicherheit herrsche bei der neuen Verordnung auch noch, wer bei einem positiven Schnelltest das Gesundheitsamt informieren muss, die Eltern als Erziehungsberechtigte oder die Schule? „Das geht aus der Mail des Schulministeriums nicht hervor.“

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