Schlimmstes Grubenunglück Deutschlands in Bergkamen

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Durch die Explosion am 20. Februar 1946 auf der Schachtanlage Grimberg 3/4 wurde das Fördergerüst 3 zerstört. - Foto: Archiv

BERGKAMEN -  405 Menschen kamen heute vor 68 Jahren zu Tode. Die Erinnerung an das Grubenunglück am 20. Februar 1946 auf der Bergkamener Schachtanlage Grimberg 3/4 ist bis heute lebendig. Nicht nur die noch lebenden Nachkommen der damals Verunglückten haben dieses einschneidende Erlebnis noch im Gedächtnis. Auch mit der jährlichen Gedenkfeier samt Kranzniederlegung am Denkmal auf dem Alten Friedhof in Weddinghofen wird der Opfer der größten Katastrophe im deutschen Steinkohlebergbau gedacht.

Viele Männer waren nach dem Krieg froh, diesen überlebt und anschließend auf den Zechen Arbeit gefunden zu haben. Da war das Grubenunglück , nicht ganz ein Jahr nach Kriegsende, eine Katastrophe mit besonderer Tragik. Die Hinterbliebenen seien in ein tiefes Elend gestürzt worden – sowohl in materieller als auch in seelischer Hinsicht, beschreibt Stadtarchivar Martin Litzinger die damalige Situation. „Kaum eine Familie war nicht betroffen“, sagt er. Wenn nicht der eigene Ehemann oder Vater auf der Zeche Grimberg – auch Kuckuck genannt – gearbeitet hatte, so waren es Nachbarn oder Freunde. Besonders tief eingeprägt habe sich dieser Schock über den Tod des Vaters bei den Kindern – noch heute sei das Grubenunglück im Bewusstsein der Bevölkerung.

„Die Solidarität und Betroffenheit unter den Bergleuten war groß“, sagt Litzinger. Aus dem gesamten Ruhrgebiet kamen Rettungsmannschaften. Jedoch waren die Schäden so groß, dass nur 64 Bergleute gerettet werden konnten. Einige schafften es, durch eine unterirdische Verbindung zum Schacht Grillo 3 an die Oberfläche zu gelangen. Der letzte Überlebende verstarb im vergangenen November.

Die Ursache für die Explosion konnte bis heute nicht ermittelt werden. Was den Zündfunken nämlich ausgelöst hatte, dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. „Es könnte beispielsweise ein Kurzschluss oder eine defekte Wetterlampe gewesen sein“, sagt Litzinger. Warum über die Ursache nichts herausgefunden werden konnte, liegt vor allem daran, dass die Untersuchungskommission aufgrund der Zerstörungen untertage nicht mehr zum eigentlichen Ausgangspunkt der Explosion vordringen konnte.

Nach der Explosion gab es auch viele Gerüchte

Lange Zeit waren auch Gerüchte im Umlauf, dass die Explosion durch eine Sabotage oder einen Blitzschlag ausgelöst worden sein soll. „Es gab ein starkes Wintergewitter am 20. Februar 1946“, sagt Martin Litzinger. Und damalige Beobachter brachten die Explosion und die schwarze Rauchwolke, die aus Schacht 3 emporschnellte, mit dem Unwetter in Verbindung. „Man suchte nach Erklärungen.“ Diese Überlegungen wurden dann jedoch verworfen, nachdem feststand, dass es sich um eine Grubengasexplosion mit nachfolgender Kohlenstaubexplosion gehandelt hatte.

Die Kettenreaktion lag vor allem daran, dass notwendige Vorsichtsmaßnahmen nicht eingehalten worden waren. Kuckuck galt damals als modernste Schachtanlage. Zudem war sie vom Krieg verschont geblieben. Bekannt war damals schon, dass die Zeche wegen der geologischen Gegebenheiten gefährlich war. „Denn das geruchlose Grubengas lagerte in den Schichten“, erklärt Litzinger.

Einen Spezialisten, der für die Grubenbewetterung verantwortlich ist, gab es damals nicht. Auch der herumliegende und zudem hochentzündliche Kohlenstaub wurde nicht beseitigt. „Jeder Mann wurde für die Kohleförderung gebraucht“, erklärt Litzinger. Fatal war schließlich die Kombination: durch das entzündete Grubengas fing auch der Kohlenstaub Feuer.

Schachtanlage komplett unter Wasser gesetzt

Um eine noch größere Katastrophe zu verhindern, nämlich, dass sich das Feuer untertägig zu Grimberg 1/2 durchfressen konnte, wurde das Grubengelände durch den umgeleiteten Kuhbach unter Wasser gesetzt. Von 1948 bis 1951 wurde die Anlage wieder förderbereit gemacht. Während der Aufbereitung wurden immer wieder unterirdisch lodernde Brände festgestellt – was das Ausmaß der Explosion besonders verdeutlichte. Kohle wurde schließlich noch bis 1995 auf Grimberg 3/4 gefördert. - vg

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