In Rünthe ist keiner näher betroffen als Marita Weber

Zwischen Bagger und Blechlawine: So lebt es sich mit dem Bau der Lippebrücke gleich nebenan

Mit dem Laser gemessen: 4,25 Meter sind es vom Fuß der Umleitung auf die Behelfsbrücke bis zur Hausecke.
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4,25 Meter sind es vom Fuß der Umleitung auf die Behelfsbrücke bis zur Hausecke. Hinter dem Fenster liegt das Schlafzimmer. Marita Weber glaubt aber nicht, dass sie dort noch Ruhe findet, sie will ihre Schlafstätte verlegen.

Besuch an der Werner Straße 416: Das letzte Haus vor der Lippe, niemandem kommt die Brückenbaustelle mit ihrem Getöse so nah wie den Bewohnern hier.

Rünthe – B 233, Blechlawine, Baustelle: Zigtausende können ein (Klage-)Lied davon singen. Gut 20 000 Fahrzeuge täglich (letzte Erhebung 2015) schieben sich, mit Staugarantie am Morgen und am Abend, über den wörtlich zu nehmenden Verkehrsknoten namens Jockenhöfer-Kreuzung, mithin über die Lippebrücke. Gut 10 000 weitere queren die Werner Straße dort via Westen-/Ostenhellweg. Am Steuer mögen die meisten fluchen, dass es seit Beginn des Brückenbaus noch zäher vorangeht. Aber was soll erst Marita Weber sagen? Sie bekommt all das täglich hautnah zu spüren.

4,25 Meter von der Umleitung bis zum Haus

4,25 Meter sind es vom Fuß der aufgeschütteten Umleitung zur Behelfsbrücke bis zu der Ecke des Hauses, hinter der Webers Schlafzimmer liegt. Noch bewegt sich auf der frisch asphaltierten Rampe nichts, aber übernächste Woche soll sich das ändern. Dann wird der immense Verkehr zwischen Rünthe und Werne über diese scharfe Kurve auf die zuerst errichtete Behelfsbrücke geleitet, damit die alte Konstruktion auf der B 233/Werner Straße für den Neubau abgerissen werden kann. Immerhin: Die „schweren Jungs“ werden umgeleitet, nur Wagen bis 3,5 Tonnen dürfen noch durchs Nadelöhr der kommenden Monate; außerdem die Linienbusse sowie Feuerwehr und Rettungsdienst.

Im eigenen Schlafzimmer bald mulmiges Gefühl

„Ich bin mal gespannt, wie das wird. Hier fährt ja der Gelenkbus durch“, spricht Weber beim Hausbesuch des WA ihre aktuellen Sorgen an. „Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, in dem Raum weiter zu schlafen. Da habe ich wirklich Angst, dass nachts ein Auto ins Haus kracht“, berichtet die engste Anwohnerin der Baustelle. „Ich überlege noch, mir eine Couch zu besorgen, damit ich im Haus ausweichen kann.“

Der Blick auf die Asphaltierung der Umleitung zur Behelfsbrücke verdeutlicht, wie nah schweren Maschinen und bald auch die Blechlawine ans Haus kommen.

An die Bundesstraße vor dem Elternhaus gewöhnt

Mit der Straße vor der Tür ist die Marktfrau aufgewachsen. Ihr Wohnzimmer war einmal das elterliche Tapetengeschäft Voss, von Papa Paul 1951 gegründet. Nebenan war Büschers Fahrradgeschäft, Konny Büscher, Schwiegertochter der früheren Inhaber, sitzt in gebührendem Abstand mit am Tisch. Ihre heutige Garage, das der Lippe und der Zechenbahnbrücke am nächsten gelegene Bauwerk in dem Ensemble zwischen Bundesstraße und ehemaliger Zechenbahntrasse, war einmal Schwiegermutter Elli Büschers Heißmangel.

Mit den Verhältnissen vor der Tür und dem massiv gestiegenen Verkehrsaufkommen haben sich die Nachbarn über Jahrzehnte arrangiert. Aber mit der Brückenbaustelle bis in die eigene Hofeinfahrt ist es noch einmal anders geworden.

Mit dem Teilabriss im Januar wurd‘s ernst

Das Vorgeplänkel störte zunächst kaum. Ehe das Rodungsverbot greift, wurde Anfang 2019 zunächst abgeholzt, was dem Vorhaben im Weg stand. Dem mächtigen Ahorn trauert Webers Tochter Carolin im Obergeschoss als Sicht- und Schallschutz nach. Im Sommer ‘19 waren die Versorger am Zug, ernst wurde es Anfang dieses Jahres mit der ersten Vollsperrung übers Wochenende. Da wurde auf der Westseite, also vor der Nase der Anrainer, die Kragplatte mit dem Geh- und Radweg der alten Brücke abgerissen. Nur so reicht der Platz bis zur Zechenbahnbrücke gleich daneben, um die Behelfsüberquerung zu bauen, über die bald alles rollt.

Dafür mussten in den Lippegrund tiefe Löcher gebohrt werden, um die Widerlager auf Betonpfählen zu gründen. „Da hatte ich zum ersten Mal ein bisschen Angst“, beschreibt Marita Weber ihre Begegnung mit dem Ungetüm von Bohrgerät. „Die kam mir vor wie der Power-Tower“, zieht sie einen Vergleich zur respekteinflößenden Kirmes-Attraktion. Nachbarin Konny war das Gerät auch nicht geheuer: „Ich hab’ gedacht, wenn das Ding in die Erde knallt, dann rappelt hier aber alles.“

Marita Weber (l.) mit ihrer Nachbarin Konny Büscher an ihrer Behelfseinfahrt zur Umleitung der B233. Über die steile Rampe geht‘s nur rechtsrum in den dichten Verkehr.

Erschütterungen lassen Geschirr im Schrank wandern

Überhaupt: Rappeln, da kann Büscher mitreden. Spätestens, seit die Telekom ihre Leitung in der Straße verlegt und das Loch eher provisorisch wieder verfüllt habe, weil „die richtige Straße“ ja noch folgt. „Da ist eine Kuhle entstanden. Und jedes Mal, wenn ein schwerer Lkw darüber fährt, vibriert das ganze Haus.“ Neulich, als mal wieder Staubwischen fällig war, „habe ich im Schrank an den Rändern auf den Glasböden gesehen, dass die Eierbecher von allein an eine andere Stelle gewandert sind.“

Wackelnde Wände, das kennt auch Caro Weber. Im Obergeschoss, wo sie eingezogen ist, wirkten die Erschütterungen noch ärger als in Mutterns guter Stube. Der neue Ausbau unterm Dach weist einige Risse auf. Doch Straßen.NRW sehe kein Zusammenhang mit den Arbeiten. Immerhin gab’s vor Baubeginn eine Beweissicherung über den Zustand des Hauses, falls da noch etwas kommt.

Plötzlich bei den Ämtern in der Pflicht

Dass die Mauern schon lange stehen, macht noch eine Angelegenheit verzwickt. Mit der Hauptverkehrsader quasi auf der Fensterbank hat Marita Weber Anspruch auf Lärmschutz am Haus. Die Fenster sind noch die alten vom Tapetengeschäft und dem bis in die 1980er daneben betriebene Schuhladen Gilla. Lärmschutzfenster soll es vom Straßenbauherrn geben.

Nur muss Marita Weber dafür einige bürokratische Hürden meistern. Die Eltern haben um derlei Dinge beim damaligen Umbau nicht viel Aufhebens gemacht, da muss auf dem Bauamt nachgebessert werden, damit die teuren Fenster auf Rechnung des Landes ins Haus kommen.

So fiel auch auf, dass die seit Jahrzehnten genutzte Einfahrt der Nachbarn einer wegerechtlichen Sicherung bedarf. „Ich habe hier praktisch jeden Tag mit irgendwem etwas zu regeln, seit die Baustelle da ist“, berichtet Weber. Wenn sie nicht mit ihrem Reibekuchenstand auf dem Wochenmarkt steht oder den Teig dafür vorbereitet, dann kümmere sie sich neuerdings „um Dinge, von denen ich im ganzen Leben noch nichts gehört habe.“

Gutes Verhältnis mit den Leuten auf der Baustelle

Mit den Ämtern ist’s halt so eine Sache, aber mit den Männern auf der Baustelle hadert sie nicht. „Der Bautrupp redet nicht viel, ist aber in Ordnung. Und der Projektleiter von Straßen.NRW und der Bauleiter sind wirklich sehr nett“, weiß die Rüntherin Gutes zu berichten. Überhaupt sei es schon etwas Besonderes, das imposante Werk vom Logenplatz aus beobachten zu können. „Als die riesigen Kräne da waren, um die 60 Meter langen Brückenträger einzusetzen, das war schon spannend.“

Der Logenplatz hat auch seinen Reiz

So gesehen, kommt auch hier das Beste zum Schluss: Wenn die Widerlager für den Neubau auf der Bundesstraße fertig sind, hat irgendwann in Mitte 2021 auch die Behelfsbrücke samt der Kurve vor Martina Webers Schlafzimmer ausgedient. Dann wird die Brückenplatte mit hoher Ingenieurskunst in den Neubau verschoben. Das Schauspiel wollen sich die beiden Nachbarinnen auf keinen Fall entgehen lassen. Und sie sind nicht die Einzigen: „Ich habe schon einige Anmeldungen für den Tag“, sagt Weber und lacht verschmitzt. „Wir grillen dann am Carport.“

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