Die richtige Technik ist entscheidend: Unterwegs mit dem Rünther Drachenboot

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Keine Bummelfahrt: Das Drachenbootteam „Himmelsbooten“ aus Rünthe ist in ihrem erst vor Kurzem getauften Boot auf dem Kanal durchaus flott unterwegs.

Bergkamen - Vor Kurzem hat das Rünther Team "Himmelsbooten" ihr neues Drachenboot eingeweiht. WA-Reporter Markus Liesegang durfte nun mitfahren und die richtige Technik lernen. 

Die erwarteten Schmerzen in der Armmuskulatur vermisse ich natürlich nicht. Vielleicht liegt der fehlende Muskelkater am Morgen danach einfach an meiner „falschen“ Technik, nämlich der eines normalen Kanuten. Oder daran, dass ich die Rückfahrt im Drachenboot zuschauend auf dem erhabenen Trommelsitz verbracht habe. Die eine Stunde Training hat trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Es macht Spaß, ein Drachenboot gemeinsam mit 20 „Himmelsbooten“ – so heißt das Rünther Team – zum Fliegen zu bringen. 

Gegen 18.30 Uhr bin ich mit „Kapitän“ Martin Lehmköster an der Slipanlage in der Marina Rünthe verabredet. Ich habe wie gewünscht eng anliegende Kleidung an. Die geforderten Turnschuhe bleiben aber im Auto. 

Immer im Takt: WA-Reporter Markus Liesegang (blaues T-Shirt) saß zum ersten Mal in einem Drachenboot und hat Gefallen daran gefunden.

Es ist sonnig und warm, ich ziehe Trekkingsandalen vor. Erfolglos bleibt die Suche nach dem Drachenboot, das stünde noch in der Garage, erzählt mir ein Motorbootführer im Hafen. Richtig bin ich aber offensichtlich, es trudeln immer mehr Menschen mit Stechpaddeln in der Hand ein. 

Alle an Bord tragen "Spitznamen"

Kurz vor halb sieben ist dann auch „Lempi“ Lehmköster da. Und staunt über die Zahl der Paddler: „Ist ja heute ausverkauft.“ Das sei längst nicht immer der Fall, nicht im Training, auch nicht bei Regatten. Er tüftele dann stundenlang an der passenden Besetzung des Bootes. Schließlich sollen Gewicht der Paddler und Vortriebskraft der linken und rechten Reihe passen. „Wir brauchen schon einen großen Kader, so um die 30 Leute“, ergänzt Harald „Laang“ Grone. Er ist beinahe so lange wie Lehmköster im Team, seit 2006. „Es ist ein Boot der evangelischen Gemeinde hier in Rünthe und der damalige Pfarrer Uwe Rimbach meinte, ich hätte zwar nichts mit Kirche am Hut, aber was in den Armen. So bin ich dazu gekommen.“ 

Team-Kapitän Martin Lehmköster erklärt den Neulingen die richtige Technik.

Jeder im Drachenbootteam trägt einen Spitznamen wie „Lempi“ Lehmköster, selbstgewählt oder von den anderen verliehen bekommen. Der Mann aus Welver hat ein Carbon-Paddel für mich dabei, erklärt sogleich, wie ich es zu benutzen habe. Anders als beim „Letzten Mohikaner“ wirkt im Drachenboot idealerweise die Kraft des Oberkörpers, nicht die der Oberarme. „Du drehst die Schulter und Oberkörper nach vorne ein, stichst ein und ziehst zurück.“ Das Drachenboot wird zügig zu Wasser gelassen. Die Sitzordnung auf den zehn Bänken richtet sich nach dem Können der Paddler. Vorne sitzen die Erfahrenen, hinten die Anfänger. Vorne Lempis Frau, Bettina „Kräuterhexe“ Lehmköster, auf der rechten Seite und Sabine „Tucke“ Dutsch backbord. „Naja. Wir müssen alles ausgleichen“, meinen die Frauen auf die Frage, ob sie die besten Paddler seien. 

Intervalltraining auf dem Wasser

Richtige Neulinge sind wir an diesem Abend zwei. Fabrian Hatia Sefa aus Malaysia, den Lehmköster auf Englisch unterweist, und ich in der linken Reihe. Neu, aber schon mal im Boot gesessen, sind auch „Nachbar“ und Pfarrerin Sophie Ihne. „Nachbar“ sei ein Naturtalent meint Lehmköster. Der sitzt nämlich schon mittig. 

Los geht’s. Ich versuche, wie meine Vorderfrau einzustechen, als wir den Hafen verlassen. Ich solle auf den Rhythmus seiner Frau vorne achten, verlangt mein Trainer kurz darauf. Ich versuche es, treffe nun mit dem Paddelblatt das der Frau vor mir, nehme den Takt aber gleich wieder auf. Wir 20 mit „Laang“ am Steuer kommen ganz gut in Fahrt, paddeln weitgehend im Takt mit 60 Prozent Leistung, die Harald Grone für die ersten zwei Minuten vorgibt. Lehmköster bemerkt, dass ich zu sehr mit den Armen arbeite. 

Auch das rhytmische Klatschen mit den Paddeln gehört zum Training.

„Du musst mit dem ganzen Oberkörper nach vorne gehen, auf Oberschenkelhöhe des Vordermannes aggressiv einstechen, schnell bis zum Knie zurückziehen. Und die Arme gestreckt halten. Wenn du unter dem rechten Arm durchschaust, musst du mich sehen können.“ Aha. Kurze Zeit später, als Grone für eine Minute 100 Prozent ansagt, falle ich in den Kanustil zurück. Das sei normal, er hätte deswegen am Anfang ein Jahr lang einen schmerzenden Oberarm beklagt. 

Nach zwei Kilometern ist Wechsel des Steuermanns: Ralf „Fuxx“ Arndt übernimmt. Und er macht Dampf. „Erst 50 Schläge bei 60 Prozent, dann 20 bei 70, 80, 90 und 100 Prozent.“ Intervalltraining auf dem Wasser. Ich komme ins Schnaufen. Die Pause kommt passend. Das Boot wendet nach geschätzten vier Kilometern auf der ganzen Breite des Datteln-Hamm-Kanals. Eine weitere Intervalleinheit mache ich noch mit, bevor ich auf den erhabenen, etwas wackligen Trommlerplatz auf dem Bug des Boots wechsele. „Da kannst du besser Fotos machen“, heißt es. 

Mit 11 km/h in der Spitze

Ich genieße tatsächlich die Erholung, sehe die Anstrengung meiner Mitfahrer, fotografiere. Und ich bemerke, dass ich, aktiv am Paddel, nicht der einzige war, der seine Nachbarn ab und an nassspritzt. Nach der nächsten Pause muss dann noch jemand gerettet werden. „Joshi“ ist über Bord gegangen. Absichtlich. Sie wollte zeigen, dass das Boot nicht kentert, wenn einer plötzlich raus springt.

Ralf „Fuxx“ Arndt gibt den Takt vor.

 „Fuxx“ wirft ihr ein Tau zu. Das Boot nimmt Fahrt auf. Der Abschleppversuch schlägt fehl. „Joshi“ rettet sich ans Ufer und wird abgeholt. „Über Bord gegangen ist noch niemand, nur mal von der Bank gerutscht beim Start“, erklärt „Kräuterhexe“. Die enorme Beschleunigung lerne ich in der nächsten Übungseinheit kennen. Gottseidank hat der Trommlersitz eine Rückenlehne, die mich hält. „11,5 km/h“, verrät „Fuxx“ nach Blick auf die Sportuhr die Spitzengeschwindigkeit des Teams. 

In den Bereich Show gehören der kleine und der große Paradeschlag, die letzte Übung vor dem Einfahren in die Marina. Es ist ein rhythmisches Klatschen mit den Paddeln. „Bei der Vogalonga in Venedig gehen die Zuschauer da richtig mit“, erzählt Bettina Lehmköster. Mutig frage ich ihren Mann nach seinem Urteil. „Für das erste Mal war das Okay. Das Rhythmusgefühl ist da“, sagt Martin Lehmköster. Er betont, dass er das ernst meint. „Die Technik bekommt man mit der Zeit raus“, lädt er zu weiteren Übungseinheiten ein. 

Das Fazit: Drachenbootfahren ist anstrengend, aber ein schöner Wassersport. Fehler kann man keine machen, die Gemeinschaft der Paddler fängt diese auf. Es ist ein sehr gutes Fitnesstraining, denn man muss sich nicht selbst motivieren – wenn man im Boot sitzt, läuft alles wie von selbst, auch das Kitzeln der eigenen Leistung.

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