Wo der Hahn kräht

Geflügelzucht wird auch in Bergkamen immer mehr zum Trend

Die Bergkamenerin Astrid Prein hat sich auf die seltenen Deutschen Langschan-Hühner spezialisiert
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Seit 2016 züchtet Astrid Prein aus Bergkamen Hühner

Bergkamen – Die Pandemie nimmt uns viel. Tatsächlich gibt sie aber auch, mehr freie Zeit zum Beispiel. Und das führt dazu, dass sich manche Menschen anderen Dingen zuwenden, neue Interessen entdecken. Einen echten Trend haben jetzt die Mitglieder des Rassegeflügelzuchtvereins Edle Rasse Rünthe ausgemacht: Immer mehr Leute kommen derzeit aufs Huhn. Seit das Corona-Virus bei uns wütet, steigt die Zahl ihrer Mitstreiter stetig. Der Verein hat im vergangenen Jahr zwölf neue Geflügelfreunde gewonnen, 49 erwachsene Mitglieder plus zwölf Kinder und Jugendliche sind inzwischen bei Edle Rasse aktiv.

Den stellvertretenden Vorsitzenden, Artur Dasbeck, freut das sehr. Er hat sich zeit seines Lebens mit dem Federvieh beschäftigt und kann sich kaum ein schöneres Hobby vorstellen. „Zu sehen, wie die Küken aus dem Ei schlüpfen, sich entwickeln, das ist einfach toll“, sagt der 79-Jährige. Bereits als Kind ging er seinem Vater, einem begeisterten Geflügelzüchter, bei der Hege und Pflege der Tiere zur Hand. „Ich bin schon als kleiner Junge mit zu den Ausstellungen gegangen“, erzählt Dasbeck. Früh besaß er dann eigene Tiere, um die er sich natürlich selbst kümmern musste. Bis zu 140 Hühner versorgte der zweite Vorsitzende von Edle Rasse zwischenzeitlich. Damals nutzte er die Ställe und Auslaufflächen auf Gut Keinemann.

Nach dem Verkauf des Hofes brachte Dasbeck seine Tiere im eigenen Garten unter und reduzierte den Bestand. Heute hat er noch 18 Hühner der Rasse Zwerg-Australorp. „Mehr geht nicht. Sonst werden die Nachbarn nicht nur durch den Hahnenschrei überfordert“, sagt der Rünther. Und der sei schließlich schon laut genug. Nicht zu unterschätzen sei zudem der Arbeitsaufwand: Je mehr Tiere, desto mehr Zeit müssten die Halter investieren. Eine Stunde bis eineinhalb Stunden bringt Dasbeck etwa täglich für seine Zöglinge auf, für den Urlaub braucht er einen verlässlichen Vertreter. Aber ein Garten ganz ohne Federn – das kann sich Artur Dasbeck nicht vorstellen.

Langjährige Züchter geben ihre Erfahrungen weiter

Christoph Kemke geht es ganz genauso. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er Mitglied des Rünther Zuchtvereins und ist damit in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters, einem der Mitbegründer, getreten. Was für ihn völlig normal war, musste er seiner Frau Heike hingegen anfangs erst mal näher bringen. „Als wir uns kennengelernt haben, war ich 23 Jahre alt, und für einen jungen Mann war das wohl eher ein ungewöhnliches Hobby“, berichtet Kemke. Mittlerweile ist aber nicht nur seine Frau, sondern ebenso sein dreijähriger Sohn Veit vom „Federvirus“ infiziert. „Als wir unser Haus gebaut haben, war mir am wichtigsten, wo der Taubenschlag hinkommt. Meine Frau wollte aber auch Hühner haben.“

Das Haus, das die Familie bewohnt, ist ein ganz normales Einfamilienhaus in einer Wohnsiedlung. Es steht allerdings auf einem 1400 Quadratmeter großen Grundstück – genug Platz also für das gefiederte Hobby. Neben sechs Zwerg-Cochin-Hennen und zwei -Hähnen, flattern dort momentan 150 Altholländische Tümmler, eine eher ausgefallene Taubenrasse, in den Volieren.

Im Gegensatz zu den beiden Männern ist Astrid Prein nicht mit dem Hahnenschrei am Morgen groß geworden. In ihrer Familie gab es weder Bauern noch Geflügelzüchter, sie selbst kam erst 2016 dazu. Seitdem pflegt sie ihr Hobby jedoch mit viel Leidenschaft und Erfolg. „Ich habe damals überlegt, was ich mit meiner freien Zeit anfangen könnte und bin irgendwie auf Hühner gekommen“, sagt sie. Ihren Mann überraschte sie mit dem Vorschlag. „Er dachte wohl so an fünf Tiere“, schildert Astrid Prein und schmunzelt beim Blick auf den selbst gebauten, geräumigen Stall mit Voliere und den 1000 Quadratmeter großen „Hühnergarten“. Aktuell leben dort 136 Küken und zehn Alttiere.

Der Deutsche Langschan-Hahn mit seinem imposanten Äußeren hat es der Bergkamenerin angetan.

Passenderweise konnte das Ehepaar dieses Grundstück, das unmittelbar an ihren Einfamilienhausgarten grenzt, 2015 übernehmen. Und Astrid Prein hatte auch direkt konkrete Pläne für ihr künftiges Leben als Geflügelzüchterin. „Zum einen ging es mir darum, mich selbst mit Eiern und Fleisch zu versorgen, zum anderen wollte ich beim Artenerhalt helfen“, so die Bergkamenerin. Deshalb hat sie sich für eine Rasse entschieden, die auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Nutztierrassen steht.

Den einfachsten Weg hat die Neueinsteigerin damit nicht gewählt. „Als ich mich beim Verein vorstellte und gesagt habe, dass ich Deutsche Langschan braunbrüstig züchten wolle, ging ein Raunen durch die Menge“, berichtet die studierte Finanzwirtin. „Damit gute Zuchtstämme zu bekommen, ist auch wirklich nicht einfach. Das ist eigentlich keine Rasse für Anfänger“, bemerkt Christoph Kemke. „Doch sie hat sich schnell reingefuchst“, lobt Artur Dasbeck.

Das ist ganz typisch für Astrid Prein: Was sie anfängt, hat garantiert Hand und Fuß. Noch bevor die erste Kralle in ihrem Rasen scharrte, hat sie sich intensiv mit der Rasse, der Haltung und der Zucht auseinandergesetzt. „Die Rasse hat mir am meisten zugesagt.“ Die Hühner seien ruhig, flögen nicht über den Zaun, legten Eier und hätten zudem ein gutes Schlachtgewicht. Und sie sehen richtig gut aus: Gerade der stattliche Hahn mit seinem roten Kamm entspricht dem, was sich Astrid Prein schon als Kind unter einem Hahn vorgestellt hat.

Tatsächlich könnte ihr Berlusconi direkt einem Märchenbuch entstiegen sein. Seinen außergewöhnlichen Namen verdankt der Gockel Robert Prein. „Mein Mann sucht die Namen für die Hähne aus“, erzählt sie. So hatte sie schon einen Stammvater Abraham, einen kleinen, schwarzen Sarkozy und einen stimmkräftigen Caruso. Die Anfangsbuchstaben stehen aber fest. Sie folgen der Hennenlinie, die Vornamen der Nachkommen von Amalia beginnen demnach beispielsweise alle mit A. Damit Astrid Prein weiß, welches Küken von welcher Mutter stammt, markiert sie die Eier und verpasst den frischgeschlüpften Nachwuchs flugs einen farbigen Ring.

Gefährdete Haustierarten erhalten

Drei Hähne hält sie zurzeit für die Zucht. Die haben in diesem Jahr immerhin für 136 Nachkommen gesorgt. Die Hennen brüten indes nicht nur den Nachwuchs aus, sondern legen darüber hinaus fleißig Eier – 196 je Henne waren es im vergangenen Jahr. Das sind deutlich mehr als üblich für diese Rasse, weiß die Besitzerin. Aber bei der Bergkamenerin haben die „Produzentinnen“ eben beste Bedingungen: viel Auslauf, einen trockenen und hellen Stall sowie ausreichend Futter. „Ich achte darauf, dass das nicht genverändert ist“, erklärt Astrid Prein. Da Legemehl und -körner kein entsprechendes Siegel tragen, darf sie die Eier und das Fleisch ihrer Tiere nicht als „Bio“ verkaufen. Aber um Einnahmen geht es der 51-Jährigen ohnehin nicht. „Es ist ein Hobby“, betont sie.

Ihre Zöglinge sind bei anderen Züchtern dennoch sehr begehrt. Prein verkauft sie mittlerweile deutschlandweit und sogar ins europäische Ausland. Die bildhübschen Tiere aus Bergkamen bringen gutes Erbmaterial in die Ställe. Frisches Blut ist in der Zucht übrigens noch aus einem anderen Grund wichtig: Lebt ein Hahn längere Zeit mit den selben Hennen zusammen, werden die „Damen“ für ihn langweilig. Er denkt dann nicht mehr daran, sie mit Nachwuchs zu beglücken. „Er muss dann vier Wochen getrennt gehalten werden, danach kennt er die Hennen nicht mehr“, weiß Astrid Prein einen Trick alternativ zum Umzug in einen fremden Stall, der das amouröse Verlangen der Hähne wieder weckt.

Sobald ihre Küken groß genug sind, versucht die 51-Jährige, sie an andere Halter zu vermitteln, damit sie nicht beim Schlachter landen. Alle behalten kann Astrid Prein schließlich nicht. „Einen Hahn und drei Hennen sind jetzt in den Zoo nach Karlsruhe gegangen“, erzählt sie stolz. Auch dort versuchten die Betreiber, gefährdete Arten zu erhalten.

Das, so die Bergkamenerin, sei gleichfalls Motivation vieler neuer Geflügelzüchter, die jetzt zu ihrem und zu anderen Vereinen dazustoßen. „Viele Einsteiger erkundigen sich bei uns danach, welche Rassen besonders bedroht sind.“ Die Deutschen Langschan-Hühner kann sie darüber hinaus empfehlen, weil sie besonders friedlich und zutraulich sind. Gerade hat die Halterin etwa eine junge Henne, die auf ihren Arm hüpft, sobald sie ins Gehege kommt. Der neun Wochen alte Halbling, wie die Hühner in dieser Entwicklungsphase heißen, sucht offenbar ihre Nähe.

Eier von glücklichen, eigenen Hühnern

Dass sie einige Vögel, die unter ihrer Obhut aus dem Ei geschlüpft sind, schlachten muss, gehört für Astrid Prein dazu. „Zu den Jungtieren baue ich bewusst keine Beziehung auf“, erklärt sie. Ein bisschen weh tue es natürlich dennoch. Das sei aber ebenso der Fall, wenn sie Küken töten muss, die nicht lebensfähig sind. „Ein Huhn ist aber etwas anderes als ein normales Haustier“, stellt Christoph Kemke fest. „Es gibt jedoch auch Halter, die behalten ihre Tiere, bis diese einen normalen Tod sterben.“

Von allen Hühnern trennen kann sich auch Astrid Prein nicht immer. Fiona etwa ist ihr besonders ans Herz gewachsen. „Sie ist mit einem Zehenfehler geschlüpft. Normalerweise werden solche Tiere aussortiert, weil sie sich nicht für die Zucht eigenen.“ Fiona hat sich hingegen zu einem wunderhübschen Vogel gemausert, ihre Zehen sind inzwischen fast gerade, und keines ihrer Küken hat bisher diesen Schönheitsmakel geerbt.

Der Verein

Der Rassegeflügelzuchtverein (RZGV) Edle Rasse Rünthe hat sich der Zucht und Erhaltung von verschiedenem Rassegeflügel, insbesondere von Hühnern und Tauben, verschrieben. Gegründet wurde er 1938. Neben dem Austausch untereinander, der gegenseitigen Unterstützung, der Teilnahme und dem Ausrichten von Geflügelschauen wollen die Mitglieder alte Nutzgeflügelrassen erhalten und fördern. Ansprechpartner für alle Interessierten ist Artur Dasbeck unter der Telefonnummer 0 23 89/24 47. Weitere Informationen stehen zudem auf der Facebookseite Edle Rasse Rünthe.

Nichtsdestotrotz spielt das Aussehen bei den Vögeln eine wichtige Rolle. Immerhin stellen Prein, Dasbeck und Kemke ihre Zöglinge bei Ausstellungen vor und haben schon einige bedeutende Preise eingeheimst. „Das ist eine schöne Bestätigung“, freut sich Astrid Prein beispielsweise über den silbernen Siegerring, den sie 2018 bei der Deutschen Junggeflügelschau in Hannover für ihre Zucht gewonnen hat.

Den Neulingen gehe es aber in der Regel zunächst nicht um Pokale oder Urkunden, haben die drei Edle-Rasse-Mitglieder ausgemacht. Sie wollen Eier von eigenen und glücklichen Hühnern, Tieren eine artgerechte Haltung bieten und sich an ihnen erfreuen. Zum Verein kommen die meisten, weil sie dort auf fundiertes Fachwissen zurückgreifen können und ihre Tiere durch die Fachleute kostengünstig geimpft werden. „Einige können wir dann aber doch für die Zucht gewinnen“, freut sich Artur Dasbeck. Es sei gut, zu sehen, dass der Verein wächst und die neuen Mitglieder ein schönes Hobby mit ihm teilen.

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