Der Rechtsradikalismus verändert sein Gesicht

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Referenten der Diskussion über Rechtsradikalismus, von links: Michael Thews, Veith Lemmen, Thomas Semmelmann und Ludger Kortendiek. J

RÜNTHE ▪ 640 Aktive in rechtsradikalen Kameradschaften und rechtspopulistischen Gruppen gibt es derzeit nach Schätzungen des Verfassungsschutzes in NRW. Bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer.

„Waren in 2010 beispielsweise in der Nachbarkommune Lünen noch 30 rechtsradikal motivierte Straftaten zu verzeichnen, sind es 2011 bislang 24“. Das berichtete Michael Thews, SPD-Stadtverbandsvorsitzender in Lünen, einer der drei Referenten bei der Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Rünthe, zum Thema Rechtsradikalismus. Neben Thews hatten die Rünther Sozialdemokraten den NRW-Landesvorsitzenden der JuSos, Veith Lemmen, und Ludger Kortendiek vom Jugendamt der Stadt Bergkamen zu einer Diskussion zu dem Thema eingeladen.

Nicht zuletzt nach den rechtsradikal motivierten Brandstiftungen in Bergkamen hat man bei der SPD das Thema wieder aufgegriffen. Auch die Zahl der Aufmärsche in größeren Städten wie Hamm oder Dortmund, Übergriffe auf Parteibüros oder die Gewalt bei rechtsradikalen Demos wie in Dresden, brachten das Thema wieder in den Fokus der Rünther Sozialisation.

Der Rechtsradikalismus verändere sein Gesicht. Waren es früher die Glatzen und Springerstiefel, so versuchten die Rechten heute eher Jugendtrends aufzugreifen und auch das Internet für ihre Werbung junger Menschen zu nutzen. Besonderes Augenmerk gelte hier auch den Frauen.

Eine Gruppierung wie „Pro-Köln“ etwa, habe mittlerweile einen höheren Zulauf als die NPD. Dabei mache man sich beispielsweise auch Themen wie die Staats- und Finanzkrisen zu eigen, um sie für eigene Ziele zu nutzen. „Wir müssen wieder mehr hinschauen, den Anfängen wehren, jede rechtsextremistisch motivierte Tat benennen. Denn die Dunkelziffer der nicht angezeigten Straftaten, teils aus Angst der Geschädigten, ist vermutlich hoch“, so Michael Thews.

„Jugendliche müssen von uns wieder für die Demokratie eingefangen werden, wenn sie in die rechtsextreme Szene abzugleiten drohen. Das funktioniert auch, besonders dann, wenn Mitschüler, Lehrer aber auch die Berufswelt diese jungen Menschen direkt auf ihr Fehlverhalten ansprechen“ , so Ludger Kortendiek. Hätten Anfang 2000 noch rund 60 Bergkamener versucht, ein Konzert im Wasserpark zu stören, könne man heute die Zahl der Rechtsextremen in Bergkamen an zwei Händen abzählen, fügte er hinzu.

Einhellig waren sich die Referenten darüber einig, dass die Politik, Verbände und Organisationen in den letzten Jahren in den Bereichen Prävention und Integrationspolitik zu wenig getan habe. 40 Prozent der Bevölkerung gäben an, Probleme mit Migranten zu haben. Rechtsradikales Gedankengut sei nicht nur ein Problem junger oder benachteiligter Menschen. „Rechtsradikale gibt es in allen Bevölkerungsgruppen, vom Jugendlichen bis zum Rechtsanwalt oder dem Geldgeber im Hintergrund. Auch bei Zuwanderern gibt es rechtes Gedankengut“, sagt Veith Lemmen. Ob denn die große Aufmerksamkeit, die Presse und Öffentlichkeit den Rechtsradikalen schenkten, sie nicht eher beflügele, beantworteten die Referenten einhellig mit nein. „Auch wir im Ortsverein werden an dem Thema bleiben, es werden weitere Veranstaltungen zu dieser Thematik folgen“, kündigte Moderator Thomas Semmelmann an. ▪ jk

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