Kopfschütteln über Kampagne der Agrarindustrie

Ernte in Gefahr?  Bio-Bauer Willeke widerspricht These vom mickrigen Ertrag

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Jungbauer Karsten und Mutter Birgit Willeke ackern mit der Hacke hinterm Trecker und ohne Chemie. Sie wehren sich gegen das Zerrbild der Agrarindustrie, auf Öko-Äckern wuchere mehr Kraut als sonst was.

Heil - Schau aufs Feld - Bio gedeiht gut. So kontern Öko-Bauern die hiesige Kampagne "Ernte in Gefahr" der Agrarindustrie.

Seit 1480 haben Generationen der Familie Willeke ihren Lebensunterhalt mit dem Boden unter ihren Füßen bestritten und über die Jahrhunderte unzählige hungrige Mäuler satt bekommen. Nicht nur die eigenen, sondern auch die der wachsenden Schar von Menschen um den Hof in den Lippeauen. In dieser Tradition beackert nun Karsten Willeke nach der Stabübergabe durch Mutter Birgit die Heiler Scholle. Nur mit einem Erbe vorheriger Jahrzehnte haben die beiden vor vier Jahren gebrochen: Hier kommt keine Chemie mehr zum Einsatz. 

Birgit Willeke: "Es geht auch ohne"

„Man braucht es nicht.“ So simpel und unideologisch beschreibt die Senior-Chefin, was zu dem Sinneswandel geführt hat. Der führte mit Brief und (Öko)-Siegel unter das Dach des Verbandes Naturland. „Das Spritzen hat mir noch nie gefallen“, betont Willeke ihre Haltung. Nur widerwillig habe sie das hingenommen, weil der Einsatz von Unkrautvernichtern für den Ernteerfolg geboten erschien. „Wir haben es dann reduziert und festgestellt: Es geht auch ohne“, schildert die „Bekehrte“ am Ackerrand ihre endgültige Läuterung. 

Liegen lassen hat mit Öko-Landbau nichts tun

Mit der Einladung zur Besichtigung des Maisfeldes bei Klein Heide reagieren die Willekes mit dem benachbarten Bio-Bauern Vitus Schulze Wethmar auf das Bild, das der WLV-Kreisvorsitzende Hans-Heinrich Wortmann mit Georg Laurenz vom Hof Schulze Blasum als Initiator mit dem Kollegen Karl Heinrich Schuchtmann von der Bio-Landwirtschaft gezeichnet haben. „Totaler Unsinn“, urteilt Jungbauer Karsten (25) über deren Aktion unter dem Slogan „Ernte in Gefahr“. Willeke: „Öko-Landbau heißt doch nicht, dass man sät und nichts dann mehr tut.“

Image-Kampagne der Agrarindustrie

Darauf beruht aber, wie berichtet, der „Feldversuch“ ohne jeden wissenschaftlichen Standard, mit dem die konventionell ackernden Bauern ein Szenario der Unterversorgung für den Fall an die Wand malen, dass alle nur noch „bio“ sein dürfen. Dazu wurde auf Schuchtmanns Maisacker neben der Ökostation die Einsaat auf einem „Nullparzelle“ genannten Teilstück sich selbst überlassen: Kein Unkrautgift, kein Kunstdünger, keine Bodenbearbeitung. Da schaut nur hier und da ein Maisblatt aus dem verkrauteten Kamillebeet. Die Idee und die Tafel „Ernte in Gefahr“ stammen aus dem Repertoire der PR-Kampagne „Schau ins Feld“, für die der Industrieverband Agrar e.V. (IVA) konventionell ackernde Bauern über eine Werbeagentur als Multiplikatoren ausstattet. In der IVA haben sich über 50 Unternehmen der Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie zusammengeschlossen, etwa Bayer und BASF.

Naturdünger aus dem eigenen Kreislauf 

„Ohne Dünger geht es auch bei uns nicht. Nur kommt der aus der Natur“, rückt Birgit Willeke das Bild zurecht. Der Betrieb hält eine Mutterkuhherde Limousin-Rinder, da fällt Strohmist an – keine Gülle – der untergepflügt werde. Außerdem betreibt der Hof eine Biogas-Anlage, gleichsam eine Biodünger-Fabrik: „Daraus stammt das Gärsubstrat, das wir mit dem Schleppschlauch bodennah an den Pflanzen ausbringen“, erläutert der Junior. Dabei kommt dann hinterm Traktor zum Einsatz, was nach Schilderung des Kreisvorsitzenden Wortmann des Westfälischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) teure Plackerei von Hand und ergo den Einsatz billiger Arbeitskräfte aus Rumänien bedeutet: die Hacke. So werde der Stickstoff gleich ohne Verlust eingearbeitet. Die ersten Bearbeitungsgänge, Blindstriegeln noch ohne Keimling und frühes Hacken aktivierten zudem den natürlichen Stickstoff.

Im Erscheinungsbild kein Unterschied

Nun stehen hier aber keine fünf Saisonarbeiter in Reih und Glied, sondern fünf stählerne Zinken des Ackergerätes. Mit dem dezimiert Willeke das störende Kraut, bis es im Schatten des in die Höhe schießenden Mais’ keine Konkurrenz mehr darstellt. Kein Problem, den Boden maschinell zu bearbeiten. Das soll hier die Botschaft sein. „Unser Maisacker sieht doch nicht anders aus als der an der Ökostation,“ stellt die Altbäuerin fest. Wo bitte ist hier beim bloßen Anblick der Unterschied? Kopfschütteln über die Nullparzelle. 

Umweltbilanz: Was zahlt die Allgemeinheit mit?

Bei einer Bodenuntersuchung und in der Veränderung der Pflanzenzellen durch Herbizid- und Kunstdüngereinsatz ließe sich der Unterschied belegen, ergänzt Nachbar Schulze Wethmar. Dass die Bio-Betriebe einzig auf Naturdünger setzten, habe in der Umweltbilanz viel damit zu tun, „dass enorme Energie aufgewendet wird, um hier Stickstoff zu gewinnen“. Nicht eingepreist in die Rechnung der konventionellen Kollegen seien zudem Folgekosten der Allgemeinheit, etwa wenn in Klär- und Trinkwasseranlagen Schadstoffe aus Düngung und Spritzvorgängen herausgefiltert werden müssen. 

Saisonarbeiter: Über Anspielung auf Tönnies erbost

Und dann war da ja noch der Satz über Ökobauers Rumänen, mit dem Wortmann nicht nur diese drei aufgebracht hat: Das sei kaum anders als in der Fleischindustrie. „Diese Gleichsetzung mit Tönnies, das hat uns schwer getroffen“, sagt Schulze Wethmar. Weil er, hauptsächlich zur Spargelsaison, gut 50 meist rumänische Kräfte einsetzt, wolle er das so nicht hinnehmen. „Wir haben feste Quartiere für die Arbeiter und pflegen ein sehr persönliches Verhältnis. Mittlerweile kommt die Kindergeneration zum Arbeiten.“ Kontrollen von vier Behörden habe es infolge der Coronalage gegeben, aber keine Beanstandung, sondern Lob. 

Betrieb will mit Bio raus aus dem Preisdruck 

An einem Kampf der Systeme ist hier aber niemand interessiert. „Ich behaupte mal: Alle Landwirte wollen grundsätzlich gute Lebensmittel produzieren“, so Schulze Wethmar. „Unser Weg muss nicht der einzig richtige sein. Aber wir versuchen, die Bio-Nachfrage zu bedienen und so mit regionalen Produkten unseren Beitrag zur Ernährung zu leisten.“ Dass viele Kollegen mit dem Rücken zur Wand stehen, ist den dreien bewusst. Für Willekes war das mit ein Grund, neue Wege zu beschreiten. Deswegen haben sie sich in der Bio-Sparte etwa mit Hanf und Buchweizen neue Märkte erschlossen, produzieren nun auch Nahrungsergänzungsmittel. Jungbauer Karsten bringt es so auf den Punkt: „Du musst raus aus der Situation, in der andere dir sagen, was du für dein Produkt kriegst."

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