Überfallartige Vergewaltigungen sind "totale Ausnahme"

Polizei warnt nach Sexualdelikt: Meisten Übergriffe passieren im sozialen Umfeld

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Gewaltsame und sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein gesellschaftliches Problem. Daher ist auch die gesamte Gesellschaft gefragt, Opfer zu schützen.

Bergkamen – Zwei Sexualdelikte innerhalb weniger Wochen erschüttern Bergkamen: Doch es sind nur zwei Fälle, die aufgrund der Umstände an die Öffentlichkeit kamen. Im Kommissariat Prävention/Opferschutz der Kreispolizeibehörde Unna kümmert man sich um den Schutz vor Gewalt und sexuellen Übergriffen. 

Kommissariatsleiterin Heike Redlin kann die aktuell vorherrschenden Ängste vieler Frauen auf der einen Seite verstehen, wertet sie nüchtern betrachtet aber als überzogen. „Überfallartige Vergewaltigungen wie im Juli in Oberaden sind die totale Ausnahme“, erklärt die Fachfrau. „Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Autounfalls zu werden, ist 400 Mal höher.“ 

Ein größeres Problem sind solche perfiden Übergriffe wie am Wochenende in Overberge. „Die meisten Übergriffe passieren im sozialen Nahbereich, wo sich Täter und Opfer kennen“, weiß Redlin und ergänzt: „Die meisten Grenzverletzungen passieren im sozialen Umfeld.“ 

Kommissariatsleiterin Heike Redlin

"Das Opfer hat niemals Schuld"

Um sich davor schützen zu können, müssen gesetzte Grenzen vom Gegenüber akzeptiert werden. „Das Opfer hat niemals Schuld“, betont Heike Redlin. „Es ist der Täter, der Grenzen überschreitet und eine massive Straftat begeht.“ Deshalb fandet die Polizei bei Kenntnis von Übergriffen auch intensiv nach den Tätern – und kümmert sich parallel begleitend um das Opfer. Das könne die Polizei aber nicht allein. „Wir arbeiten ganz gezielt mit Fachleuten zusammen, mit Opferschutzverbänden wie dem Weißen Ring, mit Frauenberatungsstellen, mit der Gerichtsbetreuung. Das ist ein riesiges Netzwerk.“ Opfer sei dabei ein weit zu fassender Begriff. „Auch Zeugen oder Angehörige werden schnell zum Opfer.“ 

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Bei der Präventionsarbeit kann die Polizei nur aufklären, nur mögliche (Aus-) Wege aufzeigen – und das Selbstwertgefühl stärken. Frauen, die ein ungutes Gefühl haben, rät Redlin vor allem eines: „Angst ist der schlechteste aller Begleiter. Man sollte sich nur eine gesunde Skepsis bewahren.“ Alles müsste sich auf ein gesundes Maß reduzieren, zieht Redlin einen Vergleich zur Verkehrserziehung: „Niemand würde sich doch nicht mehr hinters Steuer setzen, nur weil er rein theoretisch in einen schweren Unfall verwickelt werden könnte.“ 

Gesamte Gesellschaft ist gefragt

Um Frauen ein besseres Sicherheitsgefühl vermitteln zu können, sei die gesamte Gesellschaft gefragt: „Wir dürfen nicht gleichgültig durch die Gegend laufen, sondern müssen hinschauen“, sagt Redlin. „Man kann als Unbeteiligter helfen, als Zeuge einfach nur die Polizei rufen. Es muss niemand den Helden spielen. Ein Anruf genügt.“ 

Begleitapp und Heimwegtelefon

Wer jedoch einschreiten wolle, müsse sich immer an das Opfer wenden und fragen, ob alles in Ordnung sei, niemals an den mutmaßlichen Täter, denn dann könne eine Situation eskalieren. Wer alleine unterwegs sei, könne eine Begleitapp nutzen oder ein Heimwegtelefon. Eine echte Bewaffnung sei kontraproduktiv, weil die Waffe gegen einen selbst gerichtet werden könne. 

„Aber Trillerpfeifen, Alarm-Geräte, Stinktieröl oder hochlumige Taschenlampen, die das Gegenüber blenden können, helfen. Es geht darum, den Täter aus dem Konzept zu bringen – und der will eines auf jeden Fall vermeiden: Öffentlichkeit.“

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