Poetry Slam eröffnete Woche des Buches

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Bas Böttcher war Gast in der Freiherr-vom-Stein-Realschule.

Bergkamen - Seine Zuhörer hängen noch den letzten „verkuppelten Wörtern“ nach, da schiebt Bas Böttcher schon die nächsten sprachlichen Kuriositäten hinterher. Schweinehund verkürzt er zu Schwund, aus Rollmops macht er Mopsrolle, Wollust dreht er zu Lustwolle um – und liefert damit den Beweis: „Wörter lassen sich wie Legosteine zusammenbauen.“

Zumindest, wenn man über so viel kreatives Potenzial und Sprachgefühl verfügt wie Böttcher. Er zählt zu den Mitbegründern der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. Heute Vormittag eröffnete der Bühnendichter, mit Mikro in der Hand und Käppi auf dem Kopf, die traditionelle „Woche des Buches“ an der Freiherr-vom-Stein-Realschule und fand dabei zu den Neunt- und Zehntklässlern einen Draht, um den Schiller, Goethe und Eichendorff ihn wohl beneidet hätten. Dass einige Schüler sich bereits im Internet Poetry-Slam-Videos angesehen hatten, freute Böttcher. „Denn diese Gedichte muss man hören und sehen.“

Der Live-Poet kleidet seine Texte in rhythmischen Sprechgesang ein, jongliert mit Lauten, Betonungen, Silben und Zungenbrechern in einem Tempo, dass den Zuhörern schwindelig wird. Er spielt mit Mehrdeutigkeiten, bildet Alliterationen, schafft Reime, tauscht Buchstaben aus, setzt Wörter zusammen, führt Klischees ad absurdum und erfindet neue Wörter. So sind Tomaten in seinem Vokabular nicht erhältlich, sondern „bekommbar“. Den Inhalt seiner Stücke zusammenzufassen, grenzt an Unmöglichkeit, nach den einzelnen Vorträgen erinnern sich die Realschüler oftmals nur noch an Wortfetzen. Das ist durchaus in Böttchers Sinn. Gleich über sein erstes Stück, das von einem Sprachchaos handelt, sagt er: „Wer dieses Gedicht nicht versteht, der hat’s verstanden.“ So viel Großzügigkeit mögen sich die Schüler da insgeheim auch von ihren Lehrern bei der Korrektur von Klassenarbeiten wünschen.

Bei seinem Auftritt zeigt Böttcher, dass Poesie nicht nur zwischen Buchseiten anzutreffen ist, sondern auch in den Fangesängen im Fußballstadion steckt. In seinen Gedichten greift er Alltägliches auf, huldigt den Punkten in all ihren Variationen und demonstriert, dass Zeilen über Blumen nicht vor Schmalz triefen müssen. Und wenn Böttcher von Äpfeln redet, können damit auch ganz inoffiziell Chancen gemeint sein. „An der Poesie mag ich besonders, dass man über kleine Dinge schreiben und darin doch Großes verpacken kann“, sagt er.

Nebenbei erzählt Böttcher den Schülern von seinem Werdegang und seinen „Bühnenticks“ und bindet sie immer wieder ins Geschehen ein, indem er sie ermuntert, Sprachrätsel zu lösen. Die wichtigste Lektion nach 90 Minuten lautet dann: Lyrik muss nicht staubtrocken sein.

Die „Woche des Buches“ an der Freiherr-vom-Stein-Realschule geht weiter mit Autorenlesungen, Lesewettbewerb und Poetry-Slam. „Wir wollen die Schüler so zum Lesen anregen“, sagt Kerstin Schulz, die die Woche gemeinsam mit Annette Steinau organisiert hat. Und wenn sich danach der ein oder andere dazu berufen fühlt, die eigenen Gedanken zu Papier zu bringen – die Lehrer hätten wohl nichts dagegen.

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