Pläne für Gelände der Turmarkaden: Neues Rathaus statt Einkaufscenter?

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Was entsteht auf diesen Trümmern? Der Blick aus dem Rathaus auf die Ex-Turmarkarden ist nun ein anderer.

Bergkamen - Bis die vom Abbruchunternehmen zermalmten Reste der Turmarkarden aus Bergkamens Mitte gekarrt worden sind, kann es augenscheinlich nicht mehr lange dauern. Dass im Anschluss auf dem Areal vis-à-vis des Rathauses Neues aus Beton gegossen wird, dürfte sich noch hinziehen.

Erkennbar will eine politische Mehrheit in Übereinstimmung mit der Verwaltung die bisherigen Investorenpläne für das dann vierte Einkaufscenter an dieser zentralen Stelle nicht (mehr?) mittragen. Gibt’s dort vielleicht ein neues Rathaus? 

Nun, der Reihe nach: Es läuft darauf hinaus, dass die Stadt mit der Einleitung eines Bauleitverfahrens die Notbremse zieht, um sich Luft und Zeit für die gerade eröffnete Diskussion um „Bergkamens neue Mitte“ zu verschaffen. Der Blick auf die „City“ ist nicht mehr derselbe, seit vergangenen Donnerstag der Entwurf des Innenstadtkonzeptes „Bergkamen mittendrin“ im Stadtentwicklungsausschuss auf den Tisch gekommen ist. 

Wohnen statt Einzelhandel

Denn konzentrierter Einzelhandel Marke Karstadt-Plaza-Walmart-Weißderkuckuck ist nicht mehr favorisiert. Im Gegenteil: Das Papier der Planungsgruppe Stadtbüro sieht keine tragfähige Basis für die Vorstellungen der von „Interra“ vertretenen Investoren und setzt, wie berichtet, andere Akzente in puncto Wohn- und Lebensqualität neben zentralen Einrichtungen. 

Noch ist das nicht beschlossene Sache, aber es wäre nach dem ersten Stimmungsbild sehr verwunderlich, wenn es in der geplanten Verabschiedung des Konzepts am 25. Juni keine Mehrheit dafür gäbe. Die Sitzung des Hauptausschusses am Mittwoch ist Prüfstein dafür. Fachlich konsequent wäre es, die Entwicklungsziele mit einem Bebauungsverfahren verbindlich zu machen und die Umsetzung mit diesem Instrument zu steuern. 

Konzept des Investors überzeugt nicht

Denn dafür hat das Rathaus auf dem Areal der geschleiften Turmarkarden derzeit nichts in der Hand. Käme etwas auf den Tisch, was baurechtskonform ist – die Stadt dürfte gar nichts anderes tun, als dem Antrag zu entsprechen. Schon mit der Einleitung des Bauleitverfahrens sähe das anders aus. Das rechtfertigt bereits im Ansatz eine Rückstellung von Baubegehren, später eine Ablehnung von allem, was den Zielen nicht entspricht. 

Da aber drängt die Zeit. Eine Bauvoranfrage hat „Interra“ gestellt, die ist nach dem Gesetz „unverzüglich“ zu bearbeiten. Aber: „Die Anfrage war bezüglich der Parkplätze und der Erschließung nicht überzeugend“, sagte Bürgermeister Roland Schäfer dem WA. Der Investor wisse, dass er in den Punkten nachbessern müsse. Tut er’s, wäre mit positivem Bescheid die Tür geöffnet für den entsprechenden Bauantrag.  Es sei denn... 

Roland Schäfer mag den B-Plan nicht selbst propagieren, hat aber „den starken Eindruck, dass es in der Politik eine Mehrheit für einen Aufstellungsbeschluss“ gibt. Und sein Namensvetter an der Spitze der SPD-Mehrheitsfraktion, Bernd mit Vornamen, kann der Vorstellung viel abgewinnen, sich in Ruhe mit „mittendrin“ und den Konsequenzen daraus befassen zu können – erst recht, nachdem das Gutachten der alten Idee widerspricht. 

Neubau oder Sanierung des Rathauses

Wie der Projektentwickler die Kehrtwende beurteilt und welche Optionen er sieht, wollte die Redaktion von Interra-Vorstand Alexander Dold erfahren, doch die Reaktion auf inzwischen zwei Anfragen steht noch aus. Im Detail sind dazu zwei Fragen spannend: Was ist dran an dem halblauten Gemunkel hinter vorgehaltener Hand, von dem anfangs präsentierten Entwurf mit ansprechender Gestaltung und einem Ladenbesatz auf gehobenerem Niveau sei nicht mehr viel übrig als schlichte Architektur mit Mietern, die dem Nordbergcenter einen Exodus bescheren würden – wenn nicht gar den Exitus? 

Und: Da nun schon öffentlich – bei Facebook unter Beteiligung des SPD-Stadtverbandsvorsitzenden André Rochol – spekuliert wird, ob anstelle der Turmarkarden das neue Bergkamener Rathaus stehen könnte: Was hält denn der Investor davon? Wäre das ein Burgfrieden? Zumal der Bürgermeister sagt, diese Option sei dem Entwickler zumindest unverbindlich angetragen worden. 

Wohl in Gesprächen, das Konzept zu überdenken, beim Einzelhandel mit einem Nahversorger kürzer zu treten und stattdessen Wohnungen zu errichten – was freilich die Rendite mindert. Das „mittendrin“-Papier eröffnet in diesem Punkt Wege. Darin ist der Erhalt des Ratstraktes gesetzt, schon in baukultureller Hinsicht, und weil er als Veranstaltungsstätte in die soziale Idee vom Rathausviertel passt. Auf den Verwaltungsbau hat der Gutachter die Frage „Neubau oder Sanierung?“ gepappt. 

Coronakrise beeinflusst Planungen

Bis neulich hatte der Bürgermeister noch Sympathien für einen Neubau, der von Grund auf nach heutigem Maßstab den Bedarf der nächsten zehn Jahre erfüllt. „Vor zwei Monaten hätte ich noch gesagt: Ein Neubau ist das Beste“, sagte Schäfer über die Abwägung zur Sanierung, die solche Gestaltungsmöglichkeiten im Altbau nicht eröffnet. 

Aber dann kam Corona. Bei in Rede stehenden Kosten von 45 Millionen Euro (und weiteren Großprojekten in der Pipeline) bei absehbar einbrechenden Finanzen sind gleich beide Schäfers vorsichtig geworden: „Passt das noch in die Zeit und können wir uns das überhaupt noch leisten?“, fasste es der Fraktionschef zusammen. 

Für die Antwort soll als Nächstes eine Bedarfserhebung beauftragt werden. Außerdem ist ein Gutachten zur Sanierung fällig. Was die Kosten würden, hängt maßgeblich davon ab, ob sie abschnittsweise erfolgen kann oder das ganze Haus geräumt werden muss, weil in der Fassade Asbest schlummert. Wie gesagt: Es dauert wohl.

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