Pfötchen geben als therapeutische Übung

Silke Meermann führt mit ihrem eigenen Hund Taff Tier-Physiotherapie auf dem Trampolin vor. - Fotot: Tatenhorst

BERGKAMEN -  Wenn Menschen Probleme mit den Knochen haben, hilft oft der Besuch beim Physiotherapeuten. Vor allem nach Operationen hat sich diese Form der Therapie seit Jahrzehnten bewährt. Vor rund 20 Jahren kamen die ersten auf die Idee, diese Behandlungsmöglichkeit auch bei Tieren anzuwenden – und auch Dr. Silke Meermann macht seit sieben Jahren gute Erfahrungen damit.

Gemeinsam mit ihrer Studienkollegin Britta Westermann betreibt die Tierärztin in Bergkamen eine Gemeinschaftspraxis für Kleintiere. 50 Prozent ihrer Arbeitskraft investiert sie in die klassische Veterinärmedizin, die andere Hälfte widmet sie der Physiotherapie. Ihre Patienten sind dabei so unterschiedlich wie deren Beschwerden verschieden. „Mit einem Tier muss man natürlich ganz anders arbeiten als mit einem Menschen. Der Hund kann nicht einen bestimmten Muskel anspannen oder bei bestimmten Übungen dagegenhalten“, erklärt Silke Meermann. Vom Hund spricht sie automatisch, denn 95 Prozent ihrer Physiotherapie-Patienten sind Hunde. „Mit Katzen kann man nicht ganz so viel machen“, erklärt die Tierärztin. Bei Pferden, Kühen und anderen Großtieren sieht das anders aus, aber Meermann entschied sich mit Blick auf die Praxisklientel auch in Sachen Krankengymnastik für den Kleintierbereich.

Kern dieser etwas anderen Tierbehandlung ist die operative Bewegungsarbeit. Ob nach Kreuzbandrissen oder Knochenbrüchen, bei Bandscheibenvorfällen oder der Dackellähmung: Silke Meermann lässt die Hunde spielerisch und mit vielen Streicheleinheiten und Leckerli Übungen machen, die ihre Muskulatur stärken oder das Ausbalancieren für das Gleichgewicht trainieren. Pfötchen geben ist eine dieser Aufgaben, oder auf zwei Beinen zu „tanzen“. „Das geht natürlich nicht sofort bei einem frisch operierten Hund“, betont Meermann, „aber es ist das Ziel, auf das die Tierbesitzer auch zuhause hin trainieren müssen. Wer zu Silke Meermann zur Therapiestunde kommt, erhält Hausaufgaben, die zwei bis dreimal am Tag gemacht werden müssen, einmal die Woche geht es in der Regel in die Praxis. Mindestens fünf Wochen lang.

Gedanklich hat Silke Meermann ihre Patienten in drei Gruppen aufgeteilt: in Senioren, die Arthrose oder andere Verschleißerscheinungen haben und wo zwar eine Heilung ausgeschlossen, aber das Tier zumindest möglichst lange fit gehalten werden kann, in die akuten Fälle der Rekonvaleszenten nach Operationen und die Sportler, die in sportphysiologischer Hinsicht behandelt werden. „Wer beispielsweise Agility betreibt, hat schon mal Zerrungen oder Muskelverhärtungen. Auch kann eine Fehlhaltung antrainiert worden sein, die dann Probleme macht.“

Um mit den Hunden zu arbeiten, hat Silke Meermann die unterschiedlichsten Hilfsgeräte. Ein Mini-Trampolin, eine weiche Matte, die Wiese im Garten oder den gepflasterten Hof – oder aber das Unterwasserlaufband. Das ist in einer Art großem Aquarium montiert, in das kleine Hunde hineingestellt und große mit Hilfe einer Hebebühne befördert werden. Das Wasser ist auf rund 25 Grad erwärmt, die Wassertiefe wird an die Beinlänge der Tiere angepasst. Eine nasse Angelegenheit für alle Beteiligten ist das nur selten. „Die wenigsten Hunde schütteln sich im Bassin. Und wenn sie fertig sind, werden sie gleich mit Handtüchern abgetrocknet.“

Ob Krankengymnastik, Massage, Bewegungstherapie oder Lymphdrainage – die meisten Hunde machen freiwillig mit. „Sie sind in einem anderen Raum als zur normalen Behandlung und merken schnell, dass es ihnen gut tut. Einen Maulkorb müssen wir sicherheitshalber nur ganz selten anlegen.“

Vor allem die älteren Hunde, so hat Silke Meermann beobachtet, machen gerne mit. „Bei denen ist das auch eine Kopfsache. Die Besitzer machen plötzlich etwas Neues mit ihnen, beschäftigen sich intensiver mit ihnen, das gefällt den Hunden. Sie stehen plötzlich wieder im Mittelpunkt. Dass es dafür auch noch Leckerchen gibt, ist das i-Tüpfelchen für den glücklichen Hund, der seine Schmerzen vergisst.“

So verlieren die Tiere auch die Scheu vor den ungewohnten Dingen, die Silke Meermann von ihnen erwartet. Die Übungen sind für sie nicht schmerzhaft – und von Mal zu Mal wird der Hund entspannter, wenn er zur Therapiestunde kommt. Dass Silke Meermann weiß, was sie tut, zeigen ihre Zertifikate. Sie investierte insgesamt sechs Jahre und viel Geld in die drei Zusatzausbildungen. Neben dem klassischen Medizinstudium in Hannover absolvierte sie die Weiterbildungen Physiotherapie und Physikalische Medizin bei Kleintieren, Veterinärchiropraktik und Osteopathie für Hunde. - tat

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