Pflegekräfte in Bergkamen fordern mehr Unterstützung

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Ohne körperlichen Kontakt funktioniert Pflege nicht. Das wissen auch die Mitarbeiter im Seniorenheim Haus Lessing. Sie wünschen sich deshalb mehr Sicherheit für sich und die Bewohner.

Bergkamen – Ein warmer Applaus schützt nicht: Vor ein paar Wochen waren sie noch die Corona-Helden, doch wenn es um ihre Sicherheit und die der von ihnen betreuten Menschen geht, werden die Pflegekräfte in den Seniorenheimen übergangen. Das Gefühl haben zumindest die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft stationäre Pflege Kreis Unna, zu der auch die Bergkamener Einrichtungen zählen. Sie fordern in einer Online-Petition auf der Internetseite www.openpetition.de, dass Mitarbeiter in Pflegediensten regelmäßig und kostenfrei Coronatests vornehmen lassen können.

Seit dem Ausbruch der Pandemie im März arbeiteten die Seniorenheime im Dauerstress. Aufgrund der meist zur Risikogruppe gehörenden Bewohner könnte Sars-Cov-19 in den Einrichtungen verheerend wirken. In den Heimen sind eine Weiterverbreitung und schwere Folgen zu befürchten, so wie es etwa im Schmallenbachhaus in Fröndenberg mit einigen Todesfällen passiert ist. Schließlich kann Pflege nicht auf Abstand durchgeführt werden. Körperkontakt ist alltäglich.

„In der Hochphase von Corona haben einige meiner Mitarbeiter ihre Kinder nicht gesehen, sie verzichten auch auf einen Urlaub im Ausland“, sagt Hanna Schmidt, Geschäftsführerin des Seniorenstifts Haus Lessing in Overberge. Ihrem Team sei bewusst, das diese Krankheit besonders für die älteren Menschen eine Gefahr bedeutet.

Dass ausgerechnet diese Mitarbeiter nun bei der Zurverfügungstellung von kostenlosen Testgelegenheiten außen vor bleiben, während Lehrern und Reiserückkehrern dies von der Politik ermöglicht wird, stößt bei den Betroffenen auf Unverständnis. „Ist die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeitenden in der Pflege und der Senioren, die von ihnen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr betreut und versorgt werden, weniger wichtig?“, heißt es in der Veröffentlichung. Mit dem Titel „Corona: Sicherheit für die Pflegenden nah am Menschen“ sollen alle Pflegeberufe mit ins Boot geholt werden. 50 000 Namen sollen am Ende an NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann übergeben werden.

Senioren sind besonders gefährdet

Hanna Schmidt vom Haus Lessing und Stephanie Humpert-Schöße als Geschäftsführerin des Seniorenglücks in Rünthe unterstützen die Aktion, haben diese in der eigenen Einrichtung ausgelegt und sprechen auch die Angehörigen darauf an. „Unsere Sicherheit ist uns wichtig“, sagt Humpert-Schöße, die Listen auch an Vereine und Apotheken verteilt hat. „Die Mitarbeiter in der Pflege sind mittendrin und müssen um jede Testung kämpfen“, ärgert sie sich. Schmidt meint, dass ja gerade die alten Menschen, die von den Mitarbeitern gepflegt werden, am meisten von dem Virus und dessen Folgen betroffen seien. Und ausgerechnet die Senioren würden nun bei der Förderung übergangen.

„Wir können nicht verstehen, warum sich bis heute darum gestritten wird, wer Testungen im Pflegeheim bezahlt und wieso sie nur anlassbezogen durchgeführt werden“, heißt es in der Petition weiter. Zumal das Robert-Koch-Institut und das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales nach Angaben der Antragsteller empfehlen, in Pflegeheimen auch ohne Anlassbezug Abstriche vorzunehmen.

Derzeit sind die Betroffenen selber gefordert. „Wenn jemand den Test nicht zahlen kann, zahle ich ihn freiwillig“, sagt Schmidt. Sie regt sich darüber auf, dass die Einrichtungen wieder Besuch hineinlassen müssen. So sehr sie den Austausch mit den Angehörigen befürwortet, wäre ihr mehr Abstand lieber gewesen. Deshalb hat sie auch die eingerichteten Besucherfenster weiter bestehen lassen und rät für den alltäglichen Kontakt zu digitalen Lösungen. Besucher müssen das Haus Lessing mit Mund- und Nasenschutz und Handschuhen betreten. Bei stark gefährdeten Bewohnern ist ein Kittel anzuziehen.

Humpert-Schöße ist zwischen Schutz vor dem Virus und der Ermöglichung sozialer Kontakte im Zwiespalt. „Wir versuchen, den Bewohnern die Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Wir wollen nicht, dass sie auf den letzten Metern ihres Lebens ausgebremst werden“, sagt sie. Gleichzeitig steht sie den immer weiterführenden Lockerungen skeptisch gegenüber. Mittlerweile dürfen die Menschen die Einrichtungen sechs Stunden am Tag verlassen. „Da habe ich keine Kontrolle mehr drüber“, meint Humpert-Schöße. Wird die Zeit überschritten, muss derjenige übrigens in Quarantäne. Immerhin, so berichten beide Leiterinnen, würden sich die Angehörigen zum größten Teil an die Vorsichtsmaßnahmen halten.

Unterschriften reichen noch nicht aus

Die Petition haben Stand Donnerstagmittag 4249 Personen unterschrieben. Fünf Wochen läuft sie noch. „Leider läuft es nicht so, wie wir dachten“, sagt Michael Haustein, Leiter des Marie-Juchacz-Seniorenzentrums in Unna und einer der Initiatoren der Bittschrift. Deshalb soll sie nun über den Kreis hinaus bekannt gemacht werden. Die Listen sollen trägerweit ausgelegt werden, um mehr Reichweite zu erzielen. Eng möchte die Arbeitsgemeinschaft auch mit dem Kreis zusammenarbeiten. „Andere Kreise übernehmen die Kosten und legen sie auf den Corona-Deckel um“, sagt Haustein. Landrat Michael Makiolla hat bereits ein Gespräch zugesagt. Erste Parteien im Kreis unterstützen die Forderung der Pflegedienstler.

Schmidt ist aber skeptisch. „Die Petition ist gut, aber ich glaube nicht, dass sie gehört wird. Wir sind gut, wenn Wahlkampf ist. Sonst müssen wir uns um alles selber kümmern“, sagt sie empört. Schon bei der Öffnung der Seniorenzentren sei über die Betroffenen hinwegentschieden worden. „Wir sind seit Anfang der Krise alleingelassen worden. Eigentlich müsste man viel weiter gehen als die Petition. Doch die Pflegekräfte tun sich schwer, wenn es um ihr Recht auf Streiken geht, weil der erste Satz, der dann kommt, lautet: Wer kümmert sich um die Leute?“

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