Diskussion um Einleitung in die Lippe

PCB im Grubenwasser: RAG belässt es im Zweifel wohl dabei

Der Bau der Grubenwasserleitung zur Lippe hat begonnen. Sie soll 2024 in Betrieb gehen.
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Der Bau der Grubenwasserleitung zur Lippe hat begonnen. Sie soll 2024 in Betrieb gehen.

Giftiges PCB muss aus dem Grubenwasser auf der früheren Zeche Haus Aden entfernt werden, ehe es in die Lippe geleitet wird. Das fordern Politik und Bürger in Bergkamen gleichermaßen. Ob sie bei der RAG als Verantwortliche Gehör finden, bleibt spannend.

Bergkamen – Die RAG scheint im Zweifel auf eine Entfernung von PCB aus dem Grubenwasser von Haus Aden verzichten zu wollen, ehe es – den neuesten Angaben nach ab 2024 – in die Lippe geleitet wird. So jedenfalls lässt sich ein Schreiben des Bergbau-Unternehmens interpretieren, das der „Aktionskreis Wohnen und Leben in Bergkamen“ in Umlauf gebracht hat. Die RAG beteuert auf Nachfrage gleichwohl, dass weiterhin an Lösungen zur Aufbereitung des Wassers gearbeitet werde.

PCB-Elimination aktuell nicht vorgesehen

Besagter Brief ist an die Bürgermeisterin der Gemeinde Mettingen nördlich von Ibbenbüren gerichtet, wo die RAG Anthrazit GmbH bis 2018 Kohle förderte. Darin schreibt das Unternehmen, dass weder in Ibbenbüren noch am Standort Haus Aden in Bergkamen „der Bau einer Anlage zur PCB-Elimination aktuell vorgesehen“ sei.

Das Schreiben gelangte über die Grubenwasser-AG der „Bürgerinitiative Bergbaubetroffener im Ibbenbürener Steinkohlerevier“ zum hiesigen Aktionskreis. Es steht deutlich im Widerspruch zu den Erwartungen, die der Stadtrat jüngst einstimmig an das Unternehmen gerichtet hat: nämlich alles dafür zu tun, dass eine gut funktionierende PCB-Eliminierungsanlage mit Beginn der Grubenwasser-Einleitung zur Verfügung steht.

Verdünnung bei Eintritt in die Lippe

Eine solche Anlage existiere schlicht noch nicht, hatte jüngst RAG-Sprecher Christof Beike im Kontext zu unserer Berichterstattung über den Beginn des Leitungsbaus für das Grubenwasser wissen lassen – und damit zumindest angedeutet, dass es – Stand heute – wohl nichts wird mit der gewünschten Maßnahme. Jetzt kann man es schwarz auf weiß lesen.

Aus Sicht des Unternehmens ist eine Beseitigung des Giftstoffs im Zweifel wohl auch nicht zwingend notwendig, weil das Grubenwasser nur begrenzt belastet sei und bei Eintritt in die Lippe ausreichend verdünnt werde: „An keinem der beiden Standorte werden die Umweltqualitätsnormen überschritten“, heißt es im Schreiben der RAG Anthrazit an die Bürgermeisterin.

„Der RAG geht‘s nur um Geld“

Die hochgiftigen PCB (Polychlorierte Biphenyle) sind über Schmierstoffe ins Grubenwasser gelangt, die einst unter Tage eingesetzt wurden. Zwar hat die RAG eine Pilotanlage zur Filterung bauen lassen und in Bergkamen und Ibbenbüren getestet, diese arbeitete aber weniger effektiv als erhofft. So konnten zwar zum Großteil Schwebstoffe aus dem Grubenwasser beseitigt werden, darin befindliches „gelöstes PCB“ aber nicht. Das Gift befindet sich aber wohl vor allem in der Flüssigkeit selbst.

Aktionskreis-Sprecher Karlheinz Röcher glaubt, dass bei der Frage der PCB-Eliminierung die Kosten für die RAG entscheidend sind und sich das Unternehmen daher scheut, in neue Verfahren zu investieren. Dabei gebe es eine effektive Technik, betont er. Das habe die gutachterliche Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft IWW/Spiekermann von 2016 eindeutig ergeben. Für den Standort Haus Aden wurden dabei – je nach Variante – Gesamt-Investitionskosten von 7,2 beziehungsweise 11,3 Millionen Euro errechnet und Betriebskosten zwischen 400.000 und 790.000 Euro im Jahr.

Flächen werden vorgehalten

Aus Sicht Röchers muss alles getan werden, damit das PCB nicht in die Umwelt gelangt. „Das würde auch gar nicht in das Konzept der Wasserstadt Haus Aden passen, die auf dem Gelände entstehen soll.“ In der Politik hatte vor allem die Fraktion von BergAUF immer wieder darauf hingewiesen, dass PCB nicht in Gewässer eingeleitet werden dürfe. Doch Fakt ist: Falls die RAG eine wasserrechtliche Genehmigung dafür bekommt, wäre das legal. Das Verfahren bei der Bezirksregierung läuft.

Im Brief der RAG Anthrazit wird darauf verwiesen, dass vorsorglich Flächen für eine eventuell erforderliche Wasseraufbereitung vorgehalten würden. Weiter heißt es: „Sollte sich in Zukunft die Notwendigkeit und technische Möglichkeit ergeben, eine PCB-Aufbereitung durchzuführen, wird RAG ihrer Verantwortung nachkommen.“ Das gelte für Ibbenbüren und alle anderen Standorte des Unternehmens.

Forschungen gehen weiter

RAG-Sprecher Beike betont, dass weiterhin daran geforscht werde, wie sich PCB aus Grubenwasser entfernen lässt. Sein Unternehmen unterstütze entsprechende Projekte. Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass zur Untersuchung von PCB im Spurenstoffbereich ein neues Analyseverfahren entwickelt werden müsse. „Wenig PCB aus unendlich viel Grubenwasser herauszuholen, ist nicht trivial. PCB ist überall in der Umgebung – das sorgt für Ergebnisschwankungen.“

Der PCB-Expertenkreis mit Mitgliedern aus Ministerien, Bezirksregierung, Wissenschaft und RAG hat dem Vernehmen nach weitere Maßnahmen zur Bearbeitung festgelegt. Die Technische Hochschule Georg Agricola Bochum erarbeite im Rahmen einer Promotion die Weiterentwicklung eines Analytikverfahrens und berücksichtigt auch die Hintergrundbelastung von PCB in den Oberflächengewässern.

Beike bescheinigt seinem Unternehmen eine größtmögliche Transparenz in Sachen PCB. „Wir waren schon zweimal in Bergkamen und haben unsere Ergebnisse vorgestellt.“ Bis 2024 sei noch eine lange Zeit.

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