Nach vorsorglicher Warnung vor Blattgemüse

PCB-Belastung in Bergkamen: Bis Frühjahr 2021 bleiben Fragen offen

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Die„M&R Recycling Solutions GmbH“ gilt als Quelle der erhöhten PCB-Belastung, erwiesen ist dies aber nicht.

Bergkamen – Wie hoch ist die PCB-Belastung im Umfeld des Industriegebietes nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße und von welchem Betrieb geht sie aus? In dieser Frage gibt es laut Birgit Kaiser de Garcia erst im Frühjahr 2021 Gewissheit.

Dann lägen voraussichtlich die Messergebnisse zu den geplanten Untersuchungen von Grünkohlpflanzen vor, sagt die Sprecherin des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) NRW.

Bekanntlich haben sich nach Analyse von Löwenzahnpflanzen Hinweise auf eine möglicherweise erhöhte Belastung durch „Polychlorierte Biphenyle“ (PCB) in zwei benachbarten Wohnsiedlungen ergeben. Daher erging an die Anwohner die „vorsorgliche“ Empfehlung der Bezirksregierung Arnsberg, bis auf Weiteres kein Blattgemüse wie etwa Mangold oder Spinat aus dem eigenen Garten zu verzehren. Die Untersuchung des Löwenzahns war nicht standardisiert, die des Grünkohls soll es sein.

Grünkohl-Container mit gereinigter Erde

Dazu werden laut Kaiser de Garcia in zwei Bereichen Container mit gereinigter Erde aufgestellt und bepflanzt. Ende Oktober, Anfang November würden die Pflanzen dann geerntet, aufbereitet und im Labor untersucht. „Es geht darum, herauszufinden, wie viele PCB aus der Luft in die Pflanzen gelangt.“

Grünkohl mit seiner großen Oberfläche und seiner Wachsschicht sei ideal zu Aufnahme der fettlöslichen PCB, so die LANUV-Sprecherin. Mit der Nutzung gereinigter Erde solle ausgeschlossen werden, dass derlei Stoff auch über die Wurzeln aufgenommen wird.

Hinter den drei Buchstaben PCB verbergen sich mehr als 200 giftige und krebsauslösende Einzelsubstanzen. Anhand der genauen Zusammensetzung könne man in der Regel auch auf die Quelle schließen, sagt Kaiser de Garcia. „Das ist wie ein Fingerabdruck.“ Gleichwohl sei es aktuell noch nicht erwiesen, ob die „M&R Recycling Solutions GmbH“ – wie bis dato vermutet – auch wirklich der Emittent ist.

„Technisch ausgereifte und hochwertige Anlage“

Die Firma befindet sich an der Rathenau Straße, verarbeitet Elektroschrott und gehört seit Kurzem zur Remondis-Gruppe. Deren Sprecher Michael Schneider sagt, dass es bei den turnusmäßigen Immissionsmessungen im Betrieb bislang zu keinen Auffälligkeiten gekommen sei und alle Grenzwerte eingehalten würden. Man betreibe in Bergkamen eine „technisch ausgereifte und hochwertige Anlage“ und habe aktuell keine Anhaltspunkte dafür, dass PCB entweichen.

Ausschließen könne man dies aber auch nicht, räumt Schneider ein. Zwar sei die Verarbeitung des Stoffes in Elektrogeräten seit Mitte der 80er-Jahre verboten, doch gelange er womöglich über Umwege in das Recyclingmaterial, etwa über Ölreste. Ein Teil der verwerteten Altgeräte stamme sicherlich auch aus früheren Jahrzehnten.

„M&R Recycling“ will kooperieren

Man sei „definitiv überrascht“ gewesen, als es hieß, M&R sei möglicherweise, aber nicht zwingend Verursacher etwaiger Umweltschäden. Auf das Ergebnis der zu erwartenden Grünkohl-Analysen sei man genauso gespannt wie alle anderen Beteiligten. Den Behörden sicherte Schneider jegliche Unterstützung zu. „Wir gehen offen und transparent mit der Sache um und haben ein großes Interesse, dass das Problem beseitigt wird.“

Nach dem Hinweis des LANUV seien die technischen Anlagen bei M&R vorsorglich überprüft worden, schildert Schneider. Zudem würden noch die Reinigungszyklen der Filter verkürzt. Diese seien mit hochmodernen elektronischen „Wächtern“ ausgestattet. „Falls Grenzwerte überschritten werden, stellt sich die Anlage automatisch ab.“ 

Mögliche Altlasten im Erdreich

Schneider schließt nicht aus, dass die mögliche PCB-Belastung auch mit der Historie des Betriebsgeländes zusammenhängt, es vielleicht vom Vorbesitzer unentdeckte Altlasten im Boden gibt. All das müsse untersucht werden. Dass PCB zum Thema wurden, ist laut LANUV-Sprecherin Kaiser de Garcia Folge von Routineuntersuchungen des Landesamtes. Das Screening von Löwenzahnblättern finde stets im Umfeld möglicher Verursacherbetriebe statt.

Für die Grünkohl-Container sollen Standorte gewählt werden, die in Hauptwindrichtung zur möglichen Quelle der Belastung liegen. Außerdem werden sensible Bereiche in den Blick genommen, etwa Kindergärten, Schulen sowie Hausgärten.

Die Verzehr-Warnung: Nach wie vor gilt für die Bewohner zweier Siedlungen die Empfehlung, vorsorglich auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse zu verzichten. Betroffen sind die Stadtgebiete nördlich der Fritz-Husemann-Straße im Bereich Buchenweg, Nußbaumweg, Zum Großen Holz, Körnerstraße mit einem Teilabschnitt der Gartensiedlung sowie nördlich und südlich der Erich-Ollenhauer-Straße im Bereich östlich der Einmündung Binsenheide. Zu den Blattgemüsen zählen Grünkohl, Mangold, Spinat, Pflücksalat, Feldsalat, Rucola, Rübstiel, Staudensellerie, Kräuter und weitere Gemüse, von denen die Blätter verzehrt werden. Nicht betroffen sind etwa Kopfsalat, Weiß- und Rotkohl, Möhren, Radieschen und Kartoffeln sowie Fruchtgemüse wie Tomaten, Salatgurken, Erbsen und Bohnen. Grundsätzlich sollten alle Obst- und Gemüsesorten vor dem Verzehr oder der Weiterverarbeitung sorgfältig gewaschen werden.Polychlorierte Biphenyle (PCB): Zur Stoffgruppe der Polychlorierten Biphenylen (PCB) zählen 209 Einzelsubstanzen. Sie breiten sich über den Luftweg aus, reichern sich in der Nahrungskette an und gelten als krebserregend. In der Mitte des 20. Jahrhundert wurden sie weltweit in großem Umfang hergestellt. Mit Verbot der Produktion in den 1980er-Jahren gingen die Belastungen hierzulande stark zurück. Dennoch gelangen PCB weiterhin über technische Produkte, aus Fugenmassen sowie Anstrichen oder auch durch Grubenabwässer in die Umwelt. Insbesondere im Umfeld von Schrottaufbereitungsanlagen würden vereinzelt erhöhte PCB-Immissionen festgestellt, heißt es beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW in Düsseldorf. Die Behörde hat vor vielen Jahren ein Wirkungsdauermessprogramm aufgelegt.

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