In Wohngebieten in Bergkamen

PCB-Belastung: Erste Hinweise schon Monate früher als bislang bekannt

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Die Anwohner in den beiden markierten Bereichen sind nach wie vor dazu aufgerufen, kein Blattgemüse aus dem eigenen Garten zu verzehren.

Die NRW-Regierung hat auf die Anfrage des Abgeordneten Rüdiger Weiß (SPD) zur PCB-Belastung im Umfeld des Industriegebietes nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße geantwortet. Brisante Neuigkeit: Erste Hinweise auf das Gift gab es nicht erst im Oktober 2019, sondern schon fünf Monate zuvor, Ende Mai.

Bergkamen – Dem Papier nach wurde das PCB eher zufällig entdeckt – und zwar im Zuge einer landesweiten Untersuchung auf Immissionen nach Polybromierten Diphenylethen (PBDE). Diese hatte das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) durchgeführt.

Dazu war bereits 2018 ein Container mit Grünkohl in dem Industriegebiet aufgestellt worden – jenen Pflanzen also, mit deren Hilfe nun auch in zwei nahe gelegenen Wohnsiedlungen PCB-Aufkommen ermittelt werden soll. Diese liegen nördlich der Fritz-Husemann-Straße (mit Buchenweg, Nußbaumweg, Zum Großen Holz, Körnerstraße und einem Teilabschnitt der Gartensiedlung) sowie nördlich und südlich der Erich-Ollenhauer-Straße im Bereich östlich der Einmündung Binsenheide.

„Analytik wurde nicht priorisiert“

Nach Auskunft der Landesregierung war die LANUV-Untersuchung 2018 „nicht darauf ausgerichtet, bestimmten Verdachtsfällen – etwa auf PCB-Emittenten – nachzugehen“. Daher sei die Analytik auch nicht priorisiert und erst 2019 durchgeführt worden. Aus LANUV-Sicht habe sich auch nicht die Notwendigkeit ergeben, unverzüglich zu handeln, „da der untersuchte Messpunkt mitten in einem Industriegebiet lag und sich in Hauptwindrichtung erst in sehr großer Entfernung Wohnhäuser anschließen“.

Am Ende sei der PCB-Hinweis auch erst mit dem Gesamtbericht der Studie Ende Oktober 2019 kommuniziert worden, heißt es. Kurze Zeit später, Mitte November, sei dann die zuständige Bezirksregierung Arnsberg unterrichtet worden.

Erst Löwenzahn, jetzt wieder Grünkohl

Was folgte, ist bekannt: Die Bezirksregierung beauftragte das LANUV, in der Vegetationsperiode 2020 ein Screening von Löwenzahnpflanzen durchzuführen, in denen sich PCB für gewöhnlich anreichert. „Aus der sich anschließenden Auswertung ergaben sich erste Hinweise auf immissionsbedingte Einträge von PCB in zwei Gebieten von Bergkamen“, heißt es in der Antwort der NRW-Regierung.

Der Endbericht ging der Bezirksregierung den Angaben nach am 11. August 2020 zu. Am gleichen Tag sei die Stadt Bergkamen über erhöhte PCB-Werte und über die geplante vorsorgliche Verzehrempfehlung von Blattgemüse im Umfeld des Industriegebiets informiert worden.

„Erst jetzt Gesundheitsrelevanz nicht ausgeschlossen“

Aus Düsseldorf heißt es: „Erst zu diesem Zeitpunkt lagen hinreichend bewertete und repräsentative Untersuchungsergebnisse vor, aufgrund derer eine gesundheitsrelevante Belastung von Nahrungspflanzen nicht ausgeschlossen werden konnte.“ Dann dauerte es aber noch sechs Tage, bis die Verzehrempfehlung per Pressemitteilung öffentlich wurde.

Jetzt werden erneut Grünkohlpflanzen ausgebracht, um die PCB-Belastung zu messen. Sie absorbieren den krebserregenden Stoff noch besser als Löwenzahn. Mit den Untersuchungsergebnissen ist laut LANUV im Frühjahr 2021 zu rechnen.

Weiß sieht Vorgehensweise kritisch

Bergkamens Bürger sollten in einer der nächsten öffentlichen Sitzungen des Umweltausschusses der Stadt von der Bezirksregierung über die weiteren relevanten Schritte informiert werden, heißt es.

Rüdiger Weiß wollte in einer ersten Stellungnahme zwar nicht von einem Skandal sprechen. „Man kann aber geteilter Meinung darüber sein, ob die Landesbehörden eher hätten informieren müssen“, sagt er. Merkwürdig sei es schon, dass das LANUV 2019 noch mehrere Monate gewartet habe – und „sehr mutig“, zum damaligen Zeitpunkt Risiken für die Bürger auszuschließen. 

Nun müssten Verwaltung und Politik in Bergkamen die Sachlage bewerten und schauen, wie es weitergeht.

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