Finsterer Schatten der Corona-Pandemie

Frauenforum und Polizei alarmiert: Sexuelle Gewalt steigt an, Hilfeersuchen nehmen aber rapide ab

Gefangen in den eigenen vier Wänden: In der Pandemie haben Frauen noch größere Probleme, häuslicher Gewalt zu entkommen.
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Gefangen in den eigenen vier Wänden: In der Pandemie haben Frauen noch größere Probleme, häuslicher Gewalt zu entkommen.

Die Statistik zur Gewalt gegen Frauen sei trügerisch, warnen das Frauenforum und die Polizei. In der Pandemie trete weniger davon zu Tage.

Kreis Unna – Auf eine gute Zusammenarbeit mit der Polizei in Bezug auf Partnerschafts- und Sexualisierte Gewalt im Jahr 2020 blickte das Frauenforum des Kreises Unna zurück. Soweit der erfreuliche Teil einer Pressekonferenz mit Vertretern beider „Parteien“ sowie Landrat Mario Löhr im Kreishaus.

Fälle sexualisierter Gewalt haben zugenommen

Erschreckend sind allerdings zwei Tendenzen, die Birgit Unger, Geschäftsführender Vorstand des Forums, im Jahr der Pandemie aufzeigte. Zum einen stieg die Beratung mit Bezug auf Vergewaltigung und sexuelle Nötigung rapide von 31 im Vorjahr auf 42, die höchste Zahl in den vergangenen fünf Jahren. Zum anderen ging die Bereitschaft von Frauen, sich helfen zu lassen offensichtlich zurück. Während die Polizei im abgelaufenen Jahr 73 Polizeiliche Wegweisungen aussprach, wurde die Frauen- und Mädchenberatungsstelle nur 37 Mal informiert. Das sei eine enorme Diskrepanz, meinte Unger.

Polizei bietet bei Einsätzen Kontaktvermittlung an

Dabei sei der Kreis in diesem Bereich gut aufgestellt. „Die Akzeptanz unserer Einsatzkräfte gegenüber dem Frauenforum ist groß“, betonte Polizeichef Peter Schwab. Bei Einsätzen werde auf diese Möglichkeit der Hilfe hingewiesen. Das Problem war demnach die mangelnde Bereitschaft vieler Frauen, sich beraten zu lassen. Insgesamt meldete die Polizei vergangenes Jahr 88 Fälle von Gewalt ans Forum weiter, ein leichter Rückgang gegenüber 2019 (93). „Dabei setzen wir da sehr niederschwellig an“, betonte Tanja Weber, seit Oktober Leiterin des Kommissariats Kriminalprävention/Opferschutz. Ein Schubser vorm Eiscafé reiche, Frauen diese Beratungsmöglichkeit aufzuzeigen.

Im Lockdown ist die Schwelle noch mal höher

„Die Frauen kamen im Lockdown im vergangenen Frühjahr aber nicht zu uns“, berichtete Frauke Huwald, Beraterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle. Erst nach der Öffnung zum Sommer hin seien die Beratungen wieder erfolgt. Eine Begründung lieferte Christoph Strickmann. „Ich denke, viele Frauen haben sich nicht gemeldet, weil sie Sorge hatten, irgendwo unterzukommen“, erklärte der Leiter der Direktion Kriminalität. Im Lockdown eine Wohnung zu suchen sei schwierig, ein Hotelzimmer zu nehmen ebenso, bei manchen auch aus finanziellen Gründen.

Wenn die Polizei kommt

Bei Häuslicher Gewalt können Polizisten Ort ohne richterliche Anordnung eine so genannte Polizeiliche Wegweisung aussprechen. Das heißt für die Täter ein Verweis aus der Wohnung und ein bis zu zehn Tagen währendes Rückkehrverbot. Bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen werden die Betroffenen gefragt, ob sie damit einverstanden sind, dass die Polizei ihre Kontaktdaten an die Frauen- und Mädchen-Beratungsstelle weiterleitet. Aus Datenschutzgründen geschieht dies per Fax. Daraufhin wird den Opfern meist telefonisch eine Beratung angeboten. Andererseits bekommen die Betroffenen einen mehrsprachigen Brief mit Ansprechpartnern und Adressen, die sie aufsuchen können. www.frauenforum-unna.de.

Viele hätten keinen Bezug zum Frauenhaus. Es sei oft noch eine Tabuzone, ergänzte Weber. Die Vorstellung, „das Frauenhaus sei ein kalter Raum mit Bett“, sei nicht selten. Dazu käme die Scham, besonders in sozial höher gestellten Schichten, „dass der ,tolle Ehemann’ ein Gewalttäter ist.“ Jene, die den Schritt ins Frauenhaus wagten, äußerten durchgehend ein positives Feedback, erklärte die Leiterin der Einrichtung Michelle Taubert. Eben das müsse mehr an die Öffentlichkeit, damit Frauen sich trauen, den Schritt weg vom Gewalttäter zu wagen. „Denn diese erschreckenden Zahlen sind ja nur die gemeldeten Fälle“, merkte Landrat Mario Löhr an. Die Dunkelziffer bereitet Unbehagen. Unterstützung bei seiner Vermutung erhielt er von Strickmann: „Unsere Zahlen im Kreis Unna sind zwar niedriger als der Landesschnitt, aber das täuscht. Wegen des Lockdowns gibt es wahrscheinlich ein noch größeres Dunkelfeld.“

Beratungen konstant, aber die Dunkelziffer?

452 Beratungsgespräche hat das Forum 2020 insgesamt durchgeführt, 455 waren es in 2019 gewesen. Auch der Anteil der Kontakte zum Thema körperliche und psychische Gewalt blieb fast konstant: 247 im vergangenen Jahr, 256 im Jahr davor. Bei den Beratungen wegen Sexualisierte Gewalt bedeuten 64 statt zuvor 53 Beratungen einen Anstieg um über 20 Prozent.

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