Die Notfallseelsorger des Kreises stehen Menschen in der Krise zur Seite

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Willi Wohlfeil, Petra Kimm, Barbara und Bernd Deiting wissen nie, wann sie den nächsten Einsatz haben.

Bergkamen – Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt ein Sprichwort. Das bestätigen Barbara und Bernd Deiting. Das Ehepaar gehört zu den ehrenamtlichen Notfallseelsorgern im Kreis Unna – und arbeitet meist im Team. „Das ist für uns eher entlastend“, sagt Barbara Deiting, „denn wir können uns hinterher über das Erlebte austauschen.“

Notfallseelsorger werden immer dann gerufen, wenn schlimme Situationen eingetreten sind. Plötzlicher Kindstod, ein Unfall, ein Trauerfall. Wenn die Polizei eine Todesnachricht überbringen muss. Kommt es zu einem schweren Autounfall mit vielen Betroffenen und/oder Zeugen, sind die Notfallseelsorger zur Stelle. Mal allein, mal im Team. Sie bieten Gespräche an oder auch gemeinsames Schweigen. 

„Wichtig ist, dass die Menschen merken, sie sind erst einmal nicht allein in dieser unfassbaren Situation“, erklärt Bernd Deiting. Der 56-Jährige engagiert sich seit zwölf Jahren als Notfallseelsorger, seine Frau kam zwei Jahre später dazu. „Ich habe mir das erst mal angeguckt und bin dann so mit reingewachsen, dass ich meine Ausbildung direkt im Anschluss machte.“ Inzwischen haben die Deitings sogar einen Grundstein für eine Dynastie an Notfallseelsorgern gelegt, denn die Tochter folgte dem Beispiel der Eltern. 

Immer da, wenn etwas Schlimmes passiert ist

Frisch im Team ist Petra Kimm. Sie beendete im Sommer ihre Ausbildung und fährt als Einsatzpraktikantin mit. „Jetzt geht es darum, Erfahrungen zu sammeln“, sagt sie, denn im Umgang mit trauernden Menschen in Extremsituationen klaffen Theorie und Praxis oft weit auseinander. Doch da sich die Wernerin auch in der Hospizarbeit als ehrenamtliche Sterbebegleiterin engagiert, ist das Thema nicht neu für sie.

„Aber wir kommen, wenn etwas passiert ist“, sagt Willi Wohlfeil, der die Notfallseelsorge im Kreis organisiert. Angegliedert ist die zwar beim Evangelischen Kirchenkreis, aber gehandelt wird überkonfessionell und unabhängig von der Religion. „Wenn das Leben explodiert, ist der Mensch einfach Mensch“, sagt Bernd Deiting. „Und wir kommen als Mensch zu Menschen“, betont Wohlfeil. So können im ersten Moment auch muslimische Familien betreut werden – „aber mit einem muslimischen Notfallseelsorger kann ich leider nicht dienen“, sagt er. 

Dabei gibt es aktuell 25 aktive Notfallseelsorger, ausgebildet sind im Kreis Unna rund 70 Menschen. Die Seelsorger, die im Fall der Fälle kommen, sind Teil der Krisenintervention. Wenn die 14-Jährige vom Tod des Vaters erfährt, sind sie da. „Wir haben dann keinen Plan“, sagt Deiting. „Wir schauen, was gebraucht wird. Ein Glas Wasser, ein Auge, Ohr, Taschentuch. Wichtig ist nur, dass wir die Situation aushalten können.“ 

Über das Erlebte sprechen

Deshalb gibt es Situationen, denen sich die Deitings bewusst nicht stellen. Der „Plötzliche Kindstod“ gehört dazu. „Das geben wir an Kollegen ab“, sagt Barbara Deiting. Das könnte ihr sonst zu nah gehen. „Man darf zwar mitfühlen, aber nicht mitleiden. Wir müssen einen klaren Kopf behalten.“ Oft sind die Notfallseelsorger nämlich die einzigen, die das in der akuten Situation können. „Wir kommen, wenn noch niemand anderes da ist, wie Familie, Nachbarn oder Freunde.“ Sobald die da sind, ziehen sie sich zurück. 

Die Deitings fahren dann grundsätzlich in ein Schnellrestaurant oder gehen Eis essen. „Wir reden über das Erlebte, kommen raus aus unserer Rolle – und sind wieder einsatzbereit.“ Wann das nächste Mal ihre Hilfe gefragt ist, wissen sie nie. Es ist oft genug. 2018 forderten die Leitstellen von Polizei und Feuerwehr 186 Mal einen Notfallseelsorger an.

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