Neue Verhältnisse nach der Wahl: SPD verliert absolute Mehrheit

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Im Kreise von Ehefrau Petra und seinen Kindern blickte SPD-Kandidat Bernd Schäfer gestern auf sein Abschneiden. In die Stichwahl in zwei Wochen geht er zuversichtlich.

Bergkamen –  Die SPD hat im Bergkamener Rat erstmals seit Gründung der Republik keine absolute Mehrheit mehr. Wer neuer Bürgermeister wird und Nachfolger von Roland Schäfer, entscheidet sich erst bei der Stichwahl in zwei Wochen.  

Bei dieser Wahl ist nichts, wie es einmal war.Das vermittelt schon das befremdliche Szenario der Ergebnispräsentation im Ratssaal ohne das trubelige Durch- und Miteinander der Zuschauer und Politiker, die diesmal keinen Einlass finden. Auch hier regiert vor allen anderen Corona.

Die historische Dimension ist aber auch politisch drei Stunden nach Schließung der Wahllokale amtlich: Die SPD hat im Bergkamener Rat erstmals seit Gründung der Republik keine absolute Mehrheit mehr.  Bernd Schäfer muss als zweiter Genosse in die Stichwahl ums Bürgermeisteramt.

Der scheidende Amtsinhaber Roland Schäfer begann seine nachfolgende Ära mit unangefochtenen Wahlsiegen vor 21 Jahren genauso. 1999, als erstmals der Bürgermeister direkt gewählt wurde, behauptete sich „Schäfer 1“ erst in der Stichwahl gegen Elsbeth Kiel (CDU).

CDU-Kandidat Heinzel verfolgte die Ergebnisse bei seinen CDU-Parteifreunden in einer Gaststätte.

Nun heißt es also am 27. September „Schäfer 2“ (46,47 Prozent) gegen Thomas Heinzel (CDU; 31,08). Grünen-Kandidat Thomas Grziwotz (15,41 Prozent) und BergAUF-Bewerber Werner Engelhardt (7,03 Prozent) haben mit dieser Entscheidung nichts mehr zu tun. Gleichwohl sind beide mit ihrem Abschneiden sehr zufrieden.

„Bei vier Kandidaten war es nicht überraschend, dass es so kommt“, reagierte Bernd Schäfer in der ihm eigenen Sachlichkeit auf die Zäsur in der Bergkamener Politik. Er gehe mit breiter Zustimmung in die Stichwahl, „und dann warten wir, was in 14 Tagen dabei herauskommt“. Der Trend auf Bundes- und Landesebene habe erwarten lassen, dass die Verluste der Genossen auch die Hochburg Bergkamen erreichen. „Man muss sich auch vor Ort noch mal anschauen, ob hier Fehler gemacht wurden, aber es ist noch zu früh dafür.“

Schäfer geht mit der Zuversicht in die Stichwahl, diese für sich entscheiden zu können.

Auf die Frage nach den Konstellationen für eine Regierungsmehrheit im Rat hielt er sich bedeckt. Es gelte, funktionierende Bündnisse zu schließen. „Wir haben keine absolute Mehrheit mehr. Der Wähler hat das so entschieden und wir haben das zu akzeptieren.“

„Ich bin rundum zufrieden“, sagte Thomas Heinzel in seiner ersten Bewertung: „Mein Ziel war es, den SPD-Kandidaten in die Stichwahl zu zwingen. Das ist gelungen. Jetzt schauen wir mal, was in zwei Wochen dabei herauskommt. Ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass ich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erringe, aber nun werden die Karten neu gemischt.“ Es gelte, aufs Neue Wähler zu mobilisieren. Zu denken gebe aber die „erschreckende“ Wahlbeteiligung von 44 Prozent.

Als Gewinn wertet er, „dass offene Kommunalpolitik jetzt möglich ist in Bergkamen, weil es keine absolute Mehrheit mehr gibt und wir inhaltlich neue Felder aufmachen können.“ In Koalitionsfragen sei er offen. Einer engen Zusammenarbeit mit den Grünen stünde aber, wie bei der SPD, faktisch die konträre Position zum Bau der umstrittenen Umgehungsstraße L821n entgegen.

Trotz der skeptischen Blicke können Bürgermeisterkandidat Thomas Grziwotz, seine Frau Elke und Vorsitzende Anita Greinke mit dem Ergebnis der Grünen zufrieden sein.

Anita Greinke, Sprecherin des Grünen-Ortverbandes sieht im Widerstand gegen die teils fertiggestellte Straße einen Grund für die Zugewinne. Und so kann sich Spitzenkandidat Grziwotz allenfalls Zweckbündnisse in einzelnen Sachfragen vorstellen: „Wir werden sehen, mit welchen Partnern unsere Positionen im Einzelfall umsetzbar sind. Eine feste Koalition kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.“

„Hervorragend“, nannte Werner Engelhardt sein Abschneiden. Er sei für BergAUF mit dem Ziel „einer befreiten Gesellschaft ohne Unterdrückung“ und „Einheit von Mensch und Natur“ angetreten und freue sich, dafür „so viel Unterstützung“ erhalten zu haben. Er habe den Verlust der SPD erwartet, nur nicht in diesem Maße. „Das ist für die ganze demokratische Entwicklung nur ein Vorteil.“ Ihn würde es nicht überraschen, wenn Heinzel das Blatt in der Stichwahl noch wenden würde.

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