„Ausnahmezustand“ beim EBB

Berge von Sperrmüll – doch nicht alles kommt aus überfluteten Kellern

Eines von mehreren EBB-Teams: Jan Bania (von links), Niklas Tittelbach und Marco Czyzmowski fahren seit Montag Sperrmüll ab und haben – wie ihre Kollegen – alle Hände voll zu tun.
+
Eines von mehreren EBB-Teams: Jan Bania (von links), Niklas Tittelbach und Marco Czyzmowski fahren seit Montag Sperrmüll ab und haben – wie ihre Kollegen – alle Hände voll zu tun.

Das schwere Unwetter in der zurückliegenden Woche beschert dem Entsorgungsbetrieb Bergkamen (EBB) einen wahren Großeinsatz. Vor allem im stark betroffenen Ortsteil Oberaden stehen noch immer Massen von Gerümpel an den Straßen. Der genaue Blick zeigt allerdings: Nicht aller Sperrmüll stammt aus überfluteten Kellern.

Bergkamen – „So etwas erlebt man nicht alle Tage. Es ist eine Katastrophe, ein Ausnahmezustand“, sagt Jan Bania mit Blick auf die Müllberge. Schweißgebadet greift der 41-Jährige zur Wasserflasche. Er trinke derzeit zwischen vier und fünf Liter täglich, berichtet der EBB-Mitarbeiter. Kein Wunder: Zusammen mit seinen Kollegen Marco Czycmowski (49) und Niklas Tittelbach (19) hievt er seit Montag Unmengen Unrat per Hand in das Pressmüllfahrzeug.

„Die Leute sind dankbar. Es gibt durchweg positive Reaktionen.“ Auch das hat Bania so noch nicht erlebt. „Wir geben uns große Mühe, dass das alles schnell wegkommt. Das merken die Leute“, ergänzt Czyzmowski. Und Tittelbach – Werkstudent und eigentlich für die Arbeit in Grünanlagen eingestellt – sagt, er habe angesichts des Knochenjobs schon Muskelkater.

Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen

Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen
Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen
Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen
Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen
Nach Starkregen: Sperrmüll-Abfuhr in Bergkamen

Ende vergangener Woche hat die Stadt angekündigt, Sperrmüll aus vollgelaufenen Räumen kostenlos einzusammeln. Ab da stand das Telefon des EBB-Disponenten Michael Heinemann nicht mehr still. „Übers Wochenende hatte ich 75 Anrufe in Abwesenheit“, erzählt er. Und noch immer werde der EBB angefordert – von Privatpersonen ebenso wie von Wohnungsgesellschaften.

So flexibel sich der Baubetriebshof beim Schnee-Chaos im Februar zeigte, so schnell reagierte jetzt der EBB. „Wir haben ein drittes Fahrzeug angemietet und die Anzahl der Touren deutlich erhöht“, sagt Stephan Polplatz, stellvertretender EBB-Betriebsleiter und zugleich Leiter des Baubetriebshofs. Auf sein Team kann er sich verlassen: Einzelne Kollegen verzichteten auf Urlaub, andere kamen aus freien Tagen zurück. „Sie leisten eine tolle Arbeit, und die Bürger sind sehr froh, dass es so flott geht“, meint Polplatz.

Fremd-Müll: „Eine Frechheit“

Turnusmäßig holt der EBB zweimal in der Woche Sperrmüll aus Haushalten ab, dienstags und freitags. In dieser Woche sind insgesamt 18 Touren mit drei Fahrzeugen angesetzt. Auch am Samstag wird gearbeitet. „Sonst schaffen wird das alles nicht“, sagt Disponent Heinemann. Er geht davon aus, dass das Pensum in der nächsten Woche nicht geringer wird.

Allerdings: Es ist unverkennbar, dass nicht aller Sperrmüll das Ergebnis eines Wasserschadens ist. „Wir gehen davon aus, dass ein großer Teil auch einfach dazugestellt wird“, sagt Heinemann. Das bestätigt unter anderem ein Anwohner der Cheruskerstraße. Er hat selbst auswärtige Autofahrer dabei beobachtet, wie sie ihren Müll einfach zu seinem gestellt haben. „Eine Frechheit“, wie er meint. Zugleich seien zum Ende vergangener Woche Leute mit 2,8-Tonnern durchs Wohngebiet gefahren – in der Hoffnung, auf noch Brauchbares zu stoßen.

Pro Tag knapp 50 Tonnen

Heinemann berichtet, dass auch Dinge an die Straße gestellt werden, die gar kein Sperrmüll sind. Gegenstände aus Glas etwa, Restmüllsäcke oder auch Farben, Lacke und Autoreifen, für die es gesonderte Entsorgungswege gibt. Der EBB-Disponent appelliert daher an alle, sich an die Vorgaben zu halten. Wer sich regulär Sperrmüll vom EBB abholen lässt, zahlt je angefangene drei Kubikmeter 20 Euro. Die Abgabe beim Wertstoffhof ist mit 8 bis 13 Euro pro Fahrzeug billiger.

Die Müllmenge ist beeindruckend: Jeweils knapp 50 Tonnen Weggeworfenes hat der EBB in den ersten drei Tagen der Woche eingesammelt – so viel, wie sonst in zwei Wochen. Die Jahresmenge von 2020 von rund 950 Tonnen dürfte weit übertroffen werden, auch die am Wertstoffhof, an dem zuletzt 2.600 Tonnen Sperrmüll abgegeben wurden. Jedes der drei Fahrzeuge lädt zweimal am Tag ab: an der GWA-Wertstoffaufbereitungsanlage in Bönen. Üblicherweise ist Lünen das Ziel, dort aber kommt schon genug aus anderen Kommunen an.

Beim Ehepaar Herber stand der Keller bis zur Decke unter Wasser

Auch Carmen und Michael Herber haben das Angebot zur kostenlosen Abholung des Sperrmülls genutzt. Der Starkregen am Mittwoch vergangener Woche hat immense Schäden am Einfamilienhaus des Rentner-Ehepaares hinterlassen, Michael Herber (69) schätzt die Höhe auf 70 bis 80 000 Euro. So war der Keller des Gebäudes an der Straße „Auf den Sieben Stücken“ in Oberaden komplett vollgelaufen, samt Partyraum, WC und Zweitküche. „Das Wasser kam gleichzeitig von vorne und von hinten“, berichtet Carmen Herber (68) – mit der Folge, dass am Ende alles, was nass geworden ist, entsorgt werden musste, darunter auch technische Armaturen und die Decken- und Wandvertäfelung. „Noch fünf Zentimeter, und das Wasser wäre ins Wohnzimmer gelaufen.“

Noch in der Nacht hatte die Feuerwehr den Keller leergepumpt, fünf Stunden lang. „Dafür sind wir sehr, sehr dankbar“, sagen die Herbers. Zwei Container mit Unrat hatten sie bereits abfahren lassen, ehe am Donnerstag die EBB-Sperrmüll-Abfuhr den Rest erledigte. „Es fühlt sich an, als ob 30 Jahre weg sind“, schildert Carmen Herber.

Über seine Situation will sich das Ehepaar mit Blick auf weitaus größeres Leid vor allem im Rheinland und in Rheinland-Pfalz nicht beklagen, zumal der Schaden sowohl am Gebäude als auch beim Hausrat durch Elementarschadenversicherungen abgedeckt ist. „So eine Police abzuschließen, dazu kann ich nur jedem raten“, sagt Michael Herber. Alleine die ein- bis zweimonatige Trocknung des Hauses werde wohl 5000 Euro an Stromkosten verursachen.

Das viele Regenwasser im Garten der Herbers ist so schnell wieder verschwunden, wie es kam. Im hübsch angelegten Teich leben seither unbekannte Fische, andere sind umgezogen. „Da gab es wohl einen Austausch mit einem Nachbarn“, schmunzelt Michael Herber.

Seine Frau hatte am besagten Mittwoch als erste Reaktion zunächst die Fotos der Kinder von der Wand genommen, um sie zu retten, die anderen Familienerinnerungen lagerten schon zur Vorsicht in der oberen Etage. Eine Mauer zur Straße soll künftig für mehr Hochwasserschutz sorgen.

Seinen Einsatzkräften will es der EBB möglichst einfach machen. Daher hat er einen Mobilbagger gemietet, den ein Kollege vom Baubetriebshof steuert. Die teure Technik ist aber nicht wirklich eine Hilfe. Zwar ist weniger Personal vonnöten, doch unterm Strich geht’s mit Körperkraft schneller und auch sauberer. „Vom Greifarm fallen immer wieder kleinere Stücke herunter. Da müssen wir eventuell noch Reinigungstrupps losschicken“, verdeutlicht Heinemann. Der Bagger-Einsatz werde nach zwei Tagen wohl gestoppt.

Mit dem Müll- ist auch ein Pritschenwagen für Elektrogeräte und die sogenannte weiße Ware unterwegs. Ein Schwerpunkt am Dienstag war der Lilienhof. „An der Straße standen bis zu 40 Waschmaschinen und Kühlschränke und dazu 16,5 Tonnen Sperrmüll“, erinnert sich EBB-Mann Bania. Er sagt auch, dass sich viele Bergkamener trotz der immensen Zerstörungen nicht beklagen wollen. „Materielle Schäden kann man ersetzen, die Gesundheit nicht.“ Das habe er öfter gehört.

Werden die Gebühren steigen?

Mit den Kosten für die Müllsammlung und -entsorgung steigen üblicherweise auch die Müllgebühren für alle Haushalte. Ob dies auch im Fall des Hochwasser-Ereignisses gilt, dürfte davon abhängig sein, ob Hilfsgelder von Bund und Land in die hiesige Stadtkasse fließen.

Sperrgut-Abholung: Wer abholen lassen möchte, was der Starkregen zerstört hat, kann sich an das Bürgertelefon unter der Nummer 02307/965444 wenden oder eine E-Mail an buergermeisterbuero@bergkamen.de senden. Der Entsorgungsbetrieb Bergkamen ist unter Telefon 02307/28503-290 oder -291 erreichbar sowie per E-Mail an entsorgungsbetrieb@bergkamen.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare