"Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein"

Starke Mütter im Job - Eine Chance für Anahit Manukyan

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Ihr Ziel ist es, Mütter zu unterstützen: Auszubildende Anahit Manukyan (3. v. li.) mit Koordinatorin Beatrice von Hall, Martina Leyer von der Agentur für Arbeit, Heimleiterin Rosemarie Christine Hildebrandt, Pflegedienstleiter Erhan Dogan, Tina Riedel vom Jobcenter und Hatice Müller-Aras vom Multikulturellen Zentrum (v. li.).

Bergkamen – Anahit Manukyan hat einen Neuanfang gewagt. Sie ist 40 Jahre alt, studiert und hat im Oktober 2018 eine Ausbildung begonnen – zur examinierten Altenpflegerin im Comunita Seniorenhaus Sophia.

Möglich wurde ihr das durch das Förderprogramm „Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“, mit dem Agentur für Arbeit, Jobcenter und der Verein Multikulturelles Forum Frauen wie Manukyan bei der Jobwahl, Bewerbung und Arbeitssuche helfen. 

Das Projekt ist laut Organisatoren ein großer Erfolg: Von den 155 Teilnehmerinnen konnten in drei Jahren 68 Prozent weitervermittelt werden. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt Martina Leyer, die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit in Hamm und im Kreis Unna. 

Individuelle Förderung für Mütter

Jetzt geht es in die zweite Förderphase. „Jede Frau wird individuell dort abgeholt, wo sie steht. Es gibt nicht die Mutter mit Migrationshintergrund, sondern wir betreuen eine große, heterogene Gruppe“, erklärt Beatrice von Hall, die gemeinsam mit Emine Sancar das Projekt koordiniert. 

In Lünen und Bergkamen sind die beiden Beratungsstellen, die teilnehmenden Frauen kommen aus dem gesamten Kreis Unna. Mit der zweiten Förderphase ist das Programm nun auch auf Dortmund ausgeweitet worden – und läuft noch mindestens bis 2022. 

Anahit Manukyan durchlief es erfolgreich und hat nun einen Ausbildungsplatz. Beatrice von Hall unterstützte sie beim Schreiben von Bewerbungen und der Aktualisierung ihres Lebenslaufs, bei der Suche nach Stellen und bereitete sie auf den Bewerbungstest vor. 

Krankheit der Kinder zwang Familie zur Flucht

Die studierte Soziologin Anahit Manukyan stammt aus Armenien, sie flüchtete mit ihrer Familie nach Deutschland. Vor fünf Jahren kam sie aufgrund der Krankheit ihrer Kinder nach Bergkamen. Sie hat achtjährige Zwillinge: „Ein Mädchen und einen Jungen“, sagt sie voller Stolz. 

Die erste Zeit verbrachte die Familie in der Flüchtlingsunterkunft neben dem Comunita Seniorenhaus Sophia. Bereits zu diesem Zeitpunkt gefiel Anahit Manukyan das Seniorenhaus. Durch das Programm „Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ konnte sie dort ein dreiwöchiges Praktikum absolvieren. Danach folgte das Angebot von Heimleitung Rosemarie Christine Hildebrandt, eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu machen. 

"Starke Mütter sind eine Bereicherung"

„Starke Mütter sind eine Bereicherung für die Einrichtung“, erklärt die Leiterin. Indem sie und ihr Team Frauen wie Manukyan eine Chance geben, können sie wertvolle Fachkräfte gewinnen und an ihr Haus binden. „Das Praktikum hilft uns, einzuschätzen, ob die Bewerberin gut genug Deutsch spricht und ob sie geeignet für die Pflege ist“, erklärt Hildebrandt. 

Anahit Manukyan spricht gebrochen Deutsch. Sie hat einige Sprachkurse besucht, vor allem auf Anfängerniveau, doch ihre offene und ruhige Art, ihr Gespür für Menschen und ihr Studium zeigen, welches Potenzial in ihr steckt. „Ich lerne gerne“, sagt die 40-Jährige. 

Für ihre Ausbildung arbeiten Hildebrandt und Pflegedienstleiter Erhan Dogan an wichtiger weiterer Unterstützung. Sie möchten Kurse anbieten, die in ihrem Job benötigte Fachsprache vermitteln. „Es ist auch noch ein langer Weg bis zum Abschluss, den wir gerne unterstützen“, sagt Hildebrandt. 

Im Oktober 2018 hat Manukyan diesen begonnen, drei Jahre soll die Ausbildung dauern – danach würde das Seniorenhaus sie gerne fest einstellen. „Das haben wir schriftlich“, sagt Martina Leyer erfreut. Ohne das Potenzial von lebenserfahrenen Auszubildenden würde die Wirtschaft nicht funktionieren, sagt sie. „Wir brauchen sie auf dem Arbeitsmarkt.“ 

"Mütter sind zuhause oft Managerinnen für alles"

Tina Riedel vom Jobcenter Kreis Unna stimmt Leyers Einschätzung zu. „Wir wählen bewusst Mütter aus. Sie sind zuhause oft Managerinnen für alles. Mit dem Projekt wollen wir uns stark machen für Frauen, von denen manche auf dem Weg hierher viel verloren haben.“ 

Das Team, in dem Manukyan arbeitet, sei durch ihre Anwesenheit stärker zusammengewachsen, sagt Heimleitung Hildebrandt. Der Zusammenhalt sei sehr intensiv geworden und auch die Denkweise habe sich verändert. „Auch unsere Mitarbeiter sind durch Social Media geprägt“, sagt Rosemarie Christine Hildebrandt im Hinblick auf die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. 

Manukyan wirke dieser entgegen. „Ihre Geschichte und der Grund für ihre Flucht hat diese Sicht vollständig umgekehrt.“ Manukyan sei eine tolle Erweiterung für das Team.

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