Mobbing-Diskussion an Freiherr-vom-Stein-Realschule

Mädchen (12) von Mitschülerin verprügelt: Polizei wertet Handy-Video aus

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An einer Bushaltestelle im Bereich der Freiherr-vom-Stein-Realschule hat eine 13-Jährige ihre Mitschülerin verprügelt. Andere Kinder griffen nicht ein, sondern filmten das Geschehen mit Handys. Nun ermittelt die Polizei, in der Schule wird der Fall aufbereitet – und die Mutter des Opfers spricht in Sozialen Netzwerken von Mobbing

An der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bergkamen-Mitte sorgt der mutmaßliche Angriff einer 13-Jährigen auf eine Mitschülerin (12) für Unruhe. Weitere Mädchen filmten die Szene mit Handys, ohne zu helfen. Die Mutter spricht jetzt von Mobbing.

Bergkamen – Die Polizei ermittelt gegen eine 13-Jährige aus Bergkamen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung. Sie soll eine zwölfjährige Klassenkameradin an einer Bushaltestelle im Bereich Hochstraße tätlich angegriffen haben. Beide Mädchen besuchen die Freiherr-vom-Stein-Realschule.

Der Vorfall erfährt mittlerweile bundesweit Aufmerksamkeit. Die Mutter des Opfers wirft der Schule in sozialen Netzwerken vor, sich nicht genügend gegen das Mobbing an der Schule zu engagieren. Schon seit Eintritt in die Realschule vor einem Jahr werde ihre Tochter drangsaliert. Konsequenzen gibt es derweil auch für eine 14-jährige Schülerin, die die Szene mit ihrer Handykamera gefilmt und das Video weiterverbreitet hat.

Polizei wertet Handy-Video aus

Sie ist im Gegensatz zur vermeintlichen Täterin bereits strafmündig und muss sich womöglich wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ verantworten. Das Strafmaß: Freiheitsentzug bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe.

Der Handyfilm liege der Polizei vor, sagt deren Sprecher Christian Stein. Er werde derzeit ebenso ausgewertet wie weitere Aufnahmen vom Geschehen. Gleich mehrere Kinder hätten den Angriff mitverfolgt und gefilmt, ohne einzuschreiten und dem Opfer zu helfen.

Die Tat ereignete sich am 21. August gegen Mittag. Unabhängig davon ist die Polizei auch mit Ermittlungen im Umfeld der Schule beschäftigt. Das hängt mit einer Anzeige der Mutter gegen die Einrichtung zusammen. „Im Raum steht unterlassene Hilfeleistung“, sagt Stein. Ob einzelnen Personen konkret Fehlverhalten vorzuwerfen sei und wenn ja, welches, stehe noch nicht fest.

Oliver Pocher greift Thema bei Instagram auf

Die 13-Jährige muss zwar keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten, dennoch beschäftigt sich unter Umständen die Staatsanwaltschaft mit dem Fall. „Am Ende könnten erzieherische Maßnahmen stehen, die über das Jugendamt eingeleitet werden“, schildert Stein. Die Polizei selbst werde, falls sich der Verdacht der Körperverletzung bestätige, noch eine „Gefährderansprache“ durchführen. Will heißen: Der Achtklässlerin soll klar werden, dass sie mit ihrem aggressiven Verhalten auf dem falschen Weg ist.

Das Video vom Angriff wurde offenbar unter Schülern verschickt und war zeitweise im Netz zu sehen, etwa auf der Instagram-Seite von Comedian Oliver Pocher. Mit einer Verbreitung derartiger Aufnahmen werde nicht nur die polizeiliche Ermittlungsarbeit erschwert, sagt Stein. Auch schadeten sich diese Personen selbst. Neben strafrechtlichen seien auch zivilrechtliche Folgen denkbar.

„Das Leben zur Hölle gemacht“

Die Mutter des Opfers hat derweil mit einem sechsminütigen Online-Video auf den Fall hingewiesen. Es ist auf der Facebook-Seite von Carsten Stahl zu sehen, der als TV-Serien-Schauspieler bekannt wurde und bundesweit als Anti-Mobbing-Trainer arbeitet. Das Video kommt einem Hilferuf gleich.

Die Mutter erzählt ohne konkrete Hinweise auf Personen oder Einrichtungen und teils unter Tränen, wie ihre Tochter am 21. August geschlagen, ausgelacht und bespuckt wurde, wie ihr zuvor das Leben an der Schule „zur Hölle gemacht“ worden sei – und sie berichtet von bis dahin gescheiterten Versuchen, den Mobbingattacken ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Die Täterin, so heißt es, habe auch andere Mitschüler schikaniert. Und: Die Schule habe zu wenig getan, diesen Übergriffen Einhalt zu gebieten. „Wir fühlen uns tief im Stich gelassen.“

Schulaufsicht: Hilfe für Beteiligte

Vonseiten der Realschule ist keine Stellungnahme zum Geschehen zu bekommen. Deren Leitung hat sich mit der Schulaufsicht darauf verständigt, dass diese bei Presseanfragen Auskunft gibt. So bestätigt Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg, dass es an der Schule „massive Probleme“ durch das Verhalten besagter Schülerin gebe.

Diese Probleme seien nicht absehbar gewesen, weil man Ende 2019 zunächst gedacht habe, den Konflikt zwischen den Schülerinnen ausgeräumt zu haben. Schon damals habe es Mobbingvorwürfe gegen die 13-Jährige gegeben, schildert Söbbeler. Sie seien mit den Eltern und auch im Klassenverband besprochen worden.

Dies geschehe nun erneut. Eine Kollegin beschäftige sich aktuell ausschließlich mit diesem Thema, erläutert der Behördensprecher. Überdies gebe es das Angebot schulpsychologischer Begleitungen. Auch die Mitschüler würden in die Aufarbeitung des Falls einbezogen. Ihnen müsse klar werden, dass Ausgrenzung nicht toleriert werden dürfe – und dass es sich nicht gehört, das Handy zu zücken, wenn Mitmenschen verprügelt werden.

13-Jährige in andere Klasse geschickt

Laut Söbbeler besuchen mittlerweile beide Mädchen wieder den Schulunterricht. Die 13-Jährige wurde allerdings in eine andere Klasse geschickt, um auch räumliche Distanz zu schaffen.

Dass der Vorfall großes öffentliches Aufsehen erregt, solle auf die notwendige Aufarbeitung an der Schule keinen Einfluss haben, betont Söbbeler. Gleiches gelte für die polizeilichen Ermittlungen, die unabhängig der Mobbingdiskussion zu Ende gebracht werden müssten.

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