Nach Lesung viel Applaus für Eugen Drewermann

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Die tiefenpsychologischen Interpretationen schriftlicher Texte, vor allem aus der Bibel und aus Märchenerzählungen, werden Eugen Drewermann aus der Hand gerissen – gerne natürlich mit Autogramm.

BERGKAMEN -  Nach 90 Minuten ist der Vortrag von Dr. Eugen Drewermann vorbei, der Applaus aber noch lange nicht verhallt. Der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller wirkt erleichtert.

„Anfangs dachte ich, ich werde es vermasseln“, gesteht er lächelnd. Dabei ist das studio theater für den 73-Jährigen schon so etwas wie ein zweites Wohnzimmer.

Seit 1993 referiert er dort einmal im Jahr vor vollen Zuschauerreihen. Am Montagabend aber überkam den Redner dann wohl doch ein wenig Lampenfieber. Das hatte einen ganz besonderen Grund: Bevor sich Drewermann gewohnt eloquent der Daseinsdeutung in antiken Mythen widmete, verlieh Bürgermeister Roland Schäfer dem gebürtigen Bergkamener die Ehrenmedaille. „Er ist mit Sicherheit der prominenteste Sohn unserer Stadt“, sagte Schäfer über Drewermann. Die Auszeichnung allerdings verdankt dieser nicht etwa seiner Berühmtheit und seinen Publikationen. Sie ist vielmehr den besonderen Verdiensten für seinen Heimatort geschuldet.

Bei seinen Vorträgen im studio theater verzichtet der Kirchenkritiker seit je auf ein Honorar und bittet stattdessen um Spenden für gemeinnützige Zwecke. Und obwohl Drewermann längst in Paderborn lebt, fühlt er sich Bergkamen noch immer tief verbunden. Seine pazifistische Haltung rührt von den schrecklichen Erlebnissen der Kriegszeit her. „Sie haben mich für immer geprägt“, betont Drewermann. Die Bombenangriffe auf Bergkamen waren gerade vorbei, als sein Vater dem schweren Grubenunglück auf der Schachtanlage Grimberg 3/4 im Februar 1946 nur durch Zufall entging. „Das Unglück war für den ganzen Ort wie eine Querschnittslähmung“, erinnert sich der Theologe mit Schauder.

Nach der Pestalozzischule wechselte der junge Eugen Drewermann 1950 nach Hamm aufs Gymnasium, wo er Griechisch und Latein lernte. „Für ein Kind aus Bergkamen war das ganz ungewöhnlich“, wusste Drewermann schon damals um das besondere Privileg. Früh hatte er das Teilen gelernt. Nun war es kein Brot, sondern Wissen, das er weitergab. „Mit 14 habe ich die Texte des Livius so übersetzt, dass sie in der Pfadfinderstunde lesbar waren“, erzählt Drewermann.

Heute gilt er als wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Interpretation schriftlicher Texte, vor allem aus der Bibel und aus Märchenerzählungen. Bei seinem jüngsten Gastspiel in Bergkamen nahm er sich den Sagen des klassischen Altertums an, die den Menschen weitaus menschlicher sehen als es Justiz und Moral häufig tun.

Nicht vorschnell verurteilen

Frei und in bildreicher Sprache appellierte Drewermann an seine Zuhörer, den 80-jährigen Professor, der plötzlich Gefühle für eine 20-Jährige entdeckt, nicht vorschnell und selbstgefällig von einem unsichtbaren Thron aus zu verurteilen. Stattdessen sollten sie, wie einst die Zuschauer im Athener Dionysostheater, mitfühlen und mitleiden, sich die Biografie und den Handlungsspielraum der Betroffenen vor Augen führen. „Wir müssen menschliche Tragödien anfangen wollen zu verstehen“, forderte Drewermann und schlug die Brücke zum Syrienkonflikt, zum Selbstverständnis der USA und zu den umstrittenen Drohneneinsätzen. „Der Krieg wird immer grausamer, unsichtbarer, hinterhältiger und gemeiner“, stellte der Theologe mit einem Anflug von Resignation fest. Der Fortschritt bestehe darin, dass der Präsident im Weißen Haus auch Träger des Friedensnobelpreises sei, merkte er zynisch an. Der menschliche Wahnsinn namens Krieg bringe nur Liebende auseinander, monierte er und wiederholte seine Aufforderung zu mehr Sensibilität.

Ihm selbst scheint dies mit seinem Vortrag in seiner alten Heimat gelungen zu sein. „Ich fühle mich verstanden“, sagte eine Frau in der sich anschließenden Diskussion. Sie hat ihre eigene Tragödie erlebt, sah sich Zeit ihres Lebens Diskriminierungen ausgesetzt. - rw

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