Mehr als nur Akten wälzen: Bergkamener macht Ausbildung im Amtsgericht Kamen

Amtsgericht Kamen Auszubildender Muhammed Karadag Ausbildung Jessica Timme
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Muhammed Karadag wird im Kamener Amtsgericht von seiner Ausbilderin Jessica Timme unterstützt.

Eine Ausbildung im Amtsgericht - das klingt nach dem Wälzen dicken Aktenordnern. Aber Muhammed Karadag aus Bergkamen weiß, dass mehr dahinter steckt.

Bergkamen/Kamen – Es ist kurz nach 7 Uhr. Muhammed Karadag sitzt im Amtsgericht Kamen an einem Schreibtisch. Vor dem Bergkamener liegt ein Gesetzbuch. Aufmerksam blättert er es durch, tippt zwischendurch etwas auf der Computertastatur. Seit knapp zwei Monaten beginnen auf diese Weise seine Montage, Donnerstage und Freitage. Der 21-Jährige ist Auszubildender zum Justizfachangestellten. Dienstags und mittwochs besucht er die Berufsschule.

Bereits vor einem Jahr war der damalige Abiturient im Rahmen einer Ausbildungsmesse an der Schule auf den Beruf aufmerksam geworden. Doch zunächst schlug er einen anderen Weg ein, wollte Pädagogik und Sport studieren. Weil das aber nicht klappte, versuchte er es mit Informatik und Philosophie. Aber schnell merkte er: „Ohne Interesse läuft nichts.“

Und so bewarb er sich schon im ersten Semester unter anderem bei der Bundespolizei, beim Zoll, beim Finanzamt und beim Amtsgericht Kamen. Er kam gut durch den Eignungstest in Kamen und meisterte auch ein Vorstellungsgespräch vor mehreren Personen mit Bravour. Da ihm die familiäre Atmosphäre mit sehr freundlichen Menschen und das Arbeiten mit Gesetzen sofort gefallen habe, sei er bei allen übrigen Bewerbungsverfahren freiwillig ausgeschieden.

Corona stoppt Ausbildung nicht

Seit Anfang August sitzt der Bergkamener nun im Büro Maximilian Schneider aus Werne gegenüber. Er hat seine Ausbildung zeitgleich mit Muhammed Karadag begonnen. Nach seinem Freiwilligen Sozialen Jahr habe er zunächst nicht so recht gewusst, wohin die berufliche Reise für ihn gehen soll, so der 20-Jährige. Eine Bekannte habe ihn auf die Ausbildung des Justizfachangestellten aufmerksam gemacht. Nachdem er sich genauer über den Inhalt dieser Lehre informiert hatte, war sein Interesse geweckt.

Amtsgerichtsdirektor Martin Vervoort ist froh, dass er den beiden jungen Männern die Chance, beim Amtsgericht Kamen zu lernen, ermöglichen kann. Das sei aufgrund von Corona ja nicht selbstverständlich, sagt er. So habe er aus den Medien erfahren, dass junge Menschen in einigen Betrieben trotz Zusagen ihre Lehrstelle nicht antreten konnten. Im Amtsgericht Kamen wird genau auf die Corona-Vorschriften geachtet. „Hier bei der Justiz muss es aber weitergehen“, sagt Vervoort. Es müssten Erbscheine ausgestellt, über Unterbringungen entschieden und Betreuungen eingerichtet werden. Und gerade zu Zeiten von Corona spiele der Gewaltschutz eine große Rolle. „Da brauchen wir gute Leute“, unterstreicht er.

Damit die Auszubildenden später gute Mitarbeiter werden, bringen die Ausbilderinnen Sabine Escher und Jessica Timme den Neuankömmlingen alles Wichtige bei. Die Auszubildenden durchlaufen während ihrer zweieinhalbjährigen Lehrzeit sämtliche Stationen im Gericht – also Zivilsachen, Familiensachen, Strafrecht – und sie schnuppern zudem in die Arbeit der Staatsanwaltschaft hinein. „Wenn sie fertig sind mit der Ausbildung, sind sie in jedem Bereich einsetzbar“, hebt Martin Vervoort den Vorteil der Ausbildung hervor.

Abitur keine Voraussetzung

Sabine Escher ergänzt, dass die einstigen Auszubildenden dann auch problemlos in anderen Gerichten und bei der Staatsanwaltschaft arbeiten könnten. Auch, wenn es sich um die Justiz handelt, erklärt Martin Vervoort, sollte niemand Angst haben, sich zu bewerben. Das Abitur sei keine Voraussetzung. Mittlere Reife genüge.

Letztlich käme es nicht immer auf die Zensuren an, sondern darauf, wer gut ins Team passe und wer sich im Umgang mit anderen beweisen kann. Denn: „Die Akten sind ja nur eine Seite, wir arbeiten hier mit Menschen“, erklärt er.

Für Muhammed Karadag und Maximilian Schneider ist der Beruf des Justizfachangestellten offenbar die richtige Wahl. „Ich habe nicht bereut, dass ich die Ausbildung begonnen habe. Man lernt hier etwas fürs Leben“, sagt der Bergkamener. Das kann Maximilian Schneider nur bestätigen: „Es macht mir wirklich Spaß.“

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