Seit 2015 in Bergkamen

„Das ist reiner Terror“: Familie aus Bergkamen bangt um Angehörige in Afghanistan

Nahida (27) und Zmarak (44) Andar flüchteten 2015 aus Afghanistan – und haben sich in Bergkamen ein neues Leben aufgebaut. Nach Machtübernahme der Taliban ist ihre Sorge groß, dass den Familienangehörigen etwas zustößt. Zumindest werde sich die Lage in ihrem alten Heimatland wieder dramatisch verschlechtern, glauben sie.
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Nahida (27) und Zmarak (44) Andar flüchteten 2015 aus Afghanistan – und haben sich in Bergkamen ein neues Leben aufgebaut. Nach Machtübernahme der Taliban ist ihre Sorge groß, dass den Familienangehörigen etwas zustößt. Zumindest werde sich die Lage in ihrem alten Heimatland wieder dramatisch verschlechtern, glauben sie.

Wie muss es sein, wenn das Land, aus dem man kommt, im Chaos versinkt? Wenn man seine Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen dort weiß, um ihr Leben fürchtet, ihnen nicht helfen kann, aber selbst in Sicherheit ist? „Nicht selten höre ich im Hintergrund Schüsse, wenn ich mit ihnen telefoniere“, sagt Zmarak Andar.

Bergkamen – Das Handy ist Andars einzige Verbindung nach Afghanistan. Er nutzt es jeden Tag, seit die Taliban nach dem Rückzug der internationalen Truppen das Land überrennen. Doch nicht immer kommt er durch. „Online ist der Kontakt aber noch schwieriger“, sagt der 44-Jährige.

Andar stammt aus der Provinz Ghazni südöstlich der Hauptstadt Kabul, lebte dort in einem kleinen Dorf. 2015 floh er vor den Taliban, zusammen mit seiner Ehefrau Nahida und einem Bruder. Die Drei wussten nicht, wohin der Weg sie führt. Schließlich landeten sie in Bergkamen, Deutschland.

Die Bilder sind eindeutig: Die Gefahr auch für Zivilisten in Afghanistan ist groß. Angehörige schildern teils dennoch, dass alles gut sei, damit man sich keine Sorgen um sie macht.

Die Lieben in der alten Heimat: Sie möchten nicht, dass man sich Sorgen um sie macht. „Wenn ich telefoniere, heißt es oft, alles sei in Ordnung“, berichtet Zmarak Andar. Aber er weiß, dass das nicht stimmen kann. Er kennt die schlimmen Bilder von Tod, Zerstörung und Verzweiflung aus dem Fernsehen – und hört die Schüsse.

Nahida Andar schildert, dass ihre Familie aus Angst vor Übergriffen und Gewalt schon seit Tagen das Haus nicht mehr verlasse, sich regelrecht verschanze. Die 27-Jährige ist in der Nachbarprovinz Wardak großgeworden, hatte ihren heutigen Mann über dessen Schwester kennengelernt, mit der sie gemeinsam zur Schule ging.

Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen und vor allem die Frauen und Kinder so viel leiden müssen.

Zmarak Andar

Übergriffe und Gewalt – das ist seit mehr als 40 Jahren Alltag in Afghanistan, einem Land, das nicht zur Ruhe kommt. Er habe sich nie politisch engagiert, sagt Zmarak Andar, der dort als Koch gearbeitet hat. 2015 aber sei es, wie heute, sehr gefährlich gewesen für Zivilisten. „Sie wurden als Geisel benutzt oder einfach umgebracht, wenn sie zum Beispiel in Verdacht gerieten, Agenten der Regierung zu sein.“ Mitunter sei es auch um bloße Rache für irgendetwas gegangen.

Andars kleines Dorf wurde im Wechsel mal von der Regierung, mal von den Taliban kontrolliert. Als vor den Augen aller drei Cousinen erschossen wurden, weil sie für die Regierung gearbeitet hatten, war die Entscheidung zur Flucht gefallen.

Drei Kinder in Deutschland geboren

Die Andars sind heute das, was man integriert nennt. Beide sprechen gut Deutsch, er arbeitet nach einer Bäckerlehre als Geselle, sie kümmert sich um die drei Kinder, die allesamt in Deutschland geboren wurden und teils schon die Kita besuchen.

Die Realitäten hier wie dort stehen in großem Kontrast – auch ohne die viele Gewalt. „Wenn ich erzähle, dass ich mit den Kindern regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehe, glaubt mir das keiner“, schildert Zmarak Andar. Man suche in Afghanistan erst den Arzt auf, wenn man wirklich schwer krank sei, ergänzt Ehefrau Nahida – so wie ihr Vater, um den sie sich sehr große Sorgen mache.

Wie in den Schlaf finden?

Die permanente Angst, den Angehörigen könnte etwas passieren, das Gefühl, nichts für sie tun zu können, nicht da zu sein, das Wissen um die allgemeine Gefahr vor Ort – all das nagt an der Seele. In den Nächten finde sie kaum mehr Schlaf, sagt Nahida Andar. „Neulich habe ich eine Tablette genommen, um am Morgen fit sein zu können.“ Die eigene Ohnmacht zu spüren, sei schrecklich, sagt der Ehemann – vor allem, wenn das Kopfkino beginne und man sich ausmale, was alles geschehen könnte.

Die Lage in Afghanistan erfülle ihn mit Trauer, schildert der Familienvater. „Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen und vor allem die Frauen und Kinder so viel leiden müssen.“ Ihnen werde vermutlich erneut das Recht auf Bildung und freie Entfaltung genommen, glaubt Zmarak Andar, auch wenn die Taliban noch ihre gute Absichten beteuerten. Arbeiten könnten Frauen bald wohl nur noch als Hebamme. Es gebe keine Zukunft unter den Taliban, so Andar – und einen Heiligen Krieg, von dem die Kämpfer sprächen, schon gar nicht. „Das alles ist reiner Terror.“

Unsere Familien sagen uns oft, dass sie froh sind, dass zumindest wir aus diesem Land fliehen konnten.

Nahida Andar 

Nahida Andar hatte zwei Semester Jura studiert, bevor sie Afghanistan verließ. Drei Monate dauerte die gemeinsame Flucht mit Ehemann und dessen Bruder. Sie führte über den Iran, die Türkei und Griechenland. Fußmärsche dauerten bis zu 18 Stunden. „Mit Kindern hätte man diese Strapazen nie bewältigen können, es war eine große Katastrophe“, sagt Zmarak Andar. Deswegen seien die meisten Angehörigen auch zu Hause geblieben.

Andars Bruder arbeitet mittlerweile in der Alten- und Krankenpflege. Diesen Plan hegt Nahida Andar nach der Kinderphase auch. Sie fühlten sich als Teil der Gesellschaft, seien sehr glücklich, in einem Land leben zu können, das Kindern eine Zukunft biete, betonten die beiden Eheleute. „Eine Zukunft ohne Gewalt.“

Verständnis für die Soldaten

Dass Afghanistan den Taliban ohne große Gegenwehr überlassen wurde, hat Zmarak Andar nicht überrascht. Die 300.000 gut bewaffneten Soldaten hätten ihr Leben nicht für eine korrupte Regierung aufs Spiel setzen wollen, die in den zurückliegenden 20 Jahren viel zu wenig fürs Land getan habe, sagt er. „Auf der einen Seite die Taliban, auf der anderen Seite Bürgermeister, die sich aus dem Staub machen – da haben sie ihre Uniformen verständlicherweise abgelegt.“ Ungewöhnlich ist aus Sicht Andars gleichwohl, wie schnell das Land in die Hände der zahlenmäßig unterlegenen Eroberer gefallen ist.

Nahida Andars Eltern, Schwester und Bruder leben noch in Afghanistan. „Sie haben Angst davor, einfach mitgenommen zu werden, Angst vor der Zukunft“, sagt sie. Ihr Bruder habe schon mehrfach bedauert, 2015 nicht auch geflüchtet zu sein. Jetzt sei es wohl zu spät dafür.

Vater spurlos verschwunden

Zmarak Andar weiß seine Mutter und jeweils zwei Schwestern und Brüder im Land der Gewalt. Sein Vater verschwand vor langer Zeit spurlos. Er war von den Mudschaheddin entführt worden, die von 1979 bis 1989 gegen die sowjetischen Truppen kämpften. „Über seinen Verbleib wissen wir nichts.“

Seit 2015 haben die Andars ihre Lieben nicht mehr gesehen. „Als Geflüchtete dürfen, können und wollen wir sie nicht besuchen“, sagt Zmarak Andar. Ein Treffen im nahe gelegenen Ausland sei denkbar, derzeit aber noch unrealistischer als sonst.

Trost spenden und Trost sein

Die Andars machen sich auch Gedanken über das grundsätzliche Auskommen ihrer Verwandten. Die Lage sei unberechenbar. Geld zu schicken, sei derzeit sinnlos, da die Banken geschlossen hätten. Lebensmittel könnten knapp werden, die Arbeitslosigkeit werde steigen. „Ich denke auch an die zu erwartenden internationalen Sanktionen,“ sagt Zmarak Andar. Die träfen am Ende die Zivilbevölkerung. „Bei uns hier hat es kürzlich die Hochwasserkatastrophe gegeben. Die Regierungen von Bund und Ländern haben geholfen, Organisationen und Freiwillige waren im Einsatz. In Afghanistan gibt es niemanden, der einem hilft.“

Was Afghanistans Zukunft angeht, die Menschen- und Frauenrechte, hätten sie momentan wenig Hoffnung, sagen die Andars. Ganz tatenlos zusehen, was passiert, müssen sie aber nicht. „Wir können am Telefon Trost spenden und aufmuntern“, sagt Zmarak Andar. Wohlwissend, dass schon ihr Leben in Freiheit Trost für die Daheimgebliebenen ist. Nahida Andar „Unsere Familien sagen uns oft, dass sie froh sind, dass zumindest wir aus diesem Land fliehen konnten.“

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