Regeln inzwischen gelockert

Trotz Wandel: "Leute haben Angst, beichten zu gehen"

+
Noch lädt Pastor Thorsten Neudenberger zur klassischen Ohrenbeichte in diesen Beichtstuhl ein. Im kommenden Jahr soll der Beichstuhl in der Pfarrkirche St. Elisabeth renoviert werden.

Immer weniger Menschen gehen beichten. Daraus machen auch die ortsansässigen Pastoren keinen Hehl. Vielmehr haben sie eine Erklärung für den stetigen Rückgang.

In der römisch-katholischen Kirche ist die Beichte eines der sieben Sakramente. Traditionell läuft das Sündenbekenntnis sehr ritualisiert ab, aber das muss nicht so sein. Inzwischen sind die Regeln gelockert. Trotzdem beichten nur wenige regelmäßig. Die Bergkamener Pfarrer wissen, warum. 

Bergkamen – Trotz seines grünen Vorhangs ist er leicht zu übersehen: In der Pfarrkirche Sankt Elisabeth versteckt sich der Beichtstuhl in einer abgedunkelten Ecke auf der rechten Seite nahe der Eingangstür. Wer sich dort seine Sünden vergeben lässt, macht Gebrauch von einer sogenannten Ohrenbeichte.

Doch das Knien hinter dem Gitter im dunklen Kämmerchen ist längst keine Pflicht mehr. „Die Beichte früher ist mit der heutigen nicht mehr zu vergleichen“, erklärt Pastor Thorsten Neudenberger. „Damals gab es noch lange Schlangen vor dem Beichtstuhl. Da haben die Leute zuerst ihren Personenstand und den Zeitpunkt ihrer letzten Beichte angegeben, damit die Priester einen Überblick hatten.“

Trotzdem war das Bußsakrament anonym. Die Beichtenden flüsterten durch das Gitter, damit sogar ihr Geschlecht unklar blieb. Auch das Aufzählen der einzelnen Sünden unterlag einer strikten Reihenfolge. „Die Priester waren neugierig und haben regelrecht nachgebohrt“, berichtet Neudenberger von Erfahrungen, die unter anderem seine Eltern noch machten.

In der Werktagskapelle suchen vor allem junge Christen das Beichtgespräch.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts und auch noch in den vergangenen 20 Jahren hat sich Einiges geändert, so Neudenberger. „Wir bohren nicht mehr nach, geben lediglich kleine Impulse, sofern jemandem nichts einfällt“, gewährt er einen Einblick in die heutige Praxis. „Ohnehin ist es heutzutage viel entspannter und freier.“ Die Leute könnten einfach frei heraus erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt.

Und das muss nicht im Beichtstuhl sein. „Insbesondere die jüngeren Generationen legen nicht so viel Wert darauf, wo das Sakrament stattfindet“, erläutert Neudenberger und deutet auf die Werktagskapelle, die sich ebenfalls in der Pfarrkirche Sankt Elisabeth befindet. „Manche haben ein Vier-Augen-Gespräch lieber, andere bevorzugen nach wie vor die Ohrenbeichte.“ Einige Gläubige würden sogar in andere Städte oder Wallfahrtsorte fahren, um eine Beichte abzulegen, da der Pastor dort ein Unbekannter ist und das Gespräch so vielleicht leichter fällt.

Neudenberger: "Kirche hat in der Vergangenheit Fehler gemacht"

Doch egal ob in der Kapelle, dem Beichtstuhl oder einer ganz anderen Kirche, Thorsten Neudenberger macht keinen Hehl daraus, dass die Leute das Angebot nicht mehr so häufig annehmen. Und er kann sich auch gut vorstellen, warum das so ist: „Die Kirche hat in der Vergangenheit einige Fehler gemacht“, räumt Neudenberger ein. „Die Leute haben Angst, beichten zu gehen, weil man sie im vergangenen Jahrhundert teilweise moralisch zu sehr unter Druck gesetzt und daraus eine Pflicht gemacht hat“, sagt der Pastor.

„Außerdem wurden die Leute über sexuelle Dinge nahezu ausgefragt, zum Beispiel, was Selbstbefriedigung oder Sex vor der Ehe angeht. Das ist vielen einfach unangenehm“, versteht Neudenberger und gibt ein Beispiel. „Letztens kam eine 90-jährige Frau auf mich zu. Die hatte 70 Jahre nicht gebeichtet. Einfach nur, weil sie sich nicht getraut hat.“

Inzwischen sind die Regeln gelockert, was die Gemeinde versucht, auch Kindern vor der Kommunion zu vermitteln. „Es ist keine Pflicht, sondern eine Einladung“, bekräftigt Neudenberger, der im vergangenen Jahr sein silbernes Priesterjubiläum feierte. „Wir laden die Kinder, aber auch die Erwachsenen, dazu ein, sich im Rahmen der Beichtvorbereitung hinzusetzen und mal über ihre Fehler nachzudenken. Ich denke, das ist das Wichtigste“.

Erst im nächsten Schritt gehe es darum, dass diese Sünden auch vergeben werden. „Es ist gut, dass jemand da ist, der den Beichtenden im Namen von Gott von seinen Sünden losspricht“, betont Neudenberger. Das Sakrament der Versöhnung ist theoretisch immer möglich. „Jeden Samstag um 16.30 Uhr, bevor die Messe beginnt, bieten wir eine Beichte an“, so Neudenberger. „Und darüber hinaus kann man jederzeit anrufen oder auf uns zu kommen, mit dem Wunsch ein Sündenbekenntnis abzulegen.“

Vor Ostern und Weihnachten gibt es dann jeweils noch eine organisierte Beichte im größeren Stil. „Da ist der Andrang größer“, sagt Thorsten Neudenberger. Weil zahlreiche Katholiken polnischer Herkunft zu diesen Anlässen ihre Sünden bekennen, organisiert der Pastoralverbund Bergkamen dafür einen polnischen Priester. „Das ist für die Leute besser, um sich gezielter ausdrücken zu können“, erklärt Neudenberger. Er verweist außerdem auf einen vietnamesischen Gottesdienst, den die Gemeinde einmal im Monat plant.

Auch Protestanten können beichten

In der katholischen Kirche ist das Sündenbekenntnis fest verankert. Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass die Beichte auch ihren Platz in der protestantischen Kirche hat. Und zwar nicht nur am Buß- und Bettag, wie Pfarrerin Petra Buschmann-Simons erklärt: „Die Möglichkeit zu beichten, besteht bei uns immer“, erklärt die Pfarrerin, die seit 2010 an der Evangelischen Martin-Luther-Kirchen tätig ist.

„Allerdings ist es bei uns kein rituelles Beichten, und es steht im Normalfall kein ,Mittler’ zwischen Gott und der beichtenden Person.“ Gemeint ist damit der Pastor, der die Gläubigen in katholischen Kirchen in den Beichtstuhl bittet. „Einige Menschen brauchen diese persönliche Verbindung aber auch“, bekräftigt die Pfarrerin. Darüber hinaus gebe es besondere Tage der öffentlichen Beichte. „Wann oder wie ein solcher Tag stattfindet, liegt im Ermessen des Pfarrers“, sagt Petra Buschmann-Simons.

Petra Buschmann Simons ist Pfarrerin der Martin-Luther-Kirchengemeinde.

Damit knüpft die Gemeinde etwa an Predigten ihres Namensstifters Martin Luther an, der den Leuten das Beichten sogar nahe gelegt hat. Für den Augustinermönch lag der eigentliche Sinn in der abschließenden Absolution, welche die durch Sünde beschädigte Beziehung zu Gott und den Mitmenschen wiederherstellen sollte.

Dieses Verständnis einer Beichte trägt die evangelische Kirche laut Petra Buschmann-Simons weiter und richtet es auch an Kinder und Jugendliche. „Natürlich kommunizieren wir zum Beispiel im Konfirmationsunterricht, dass die Möglichkeit besteht“, berichtet die Pfarrerin. „Trotzdem wird dieses Angebot von Kindern eher selten wahrgenommen“, so Buschmann-Simons. „Aber das ist auch in Ordnung so. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, mit Gott über seine Sünden zu sprechen.“ Sie vermutet aber, dass die meisten jungen Leute dies eher in Form eines Gebets als in einem Vier-Augen-Gespräch tun wollen.

Lesen Sie auch:

Buß- und Bettag 2019 am 20. November: Wer hat frei und wofür steht der Feiertag?

Bistum Limburg: Schulpfarrer wird in Ruhestand versetzt

Jubiläumsfeier in der alten Heimat

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare