Letzter Überlebender des Kuckuck-Unglücks

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Während Friedrich Hägerling unter Tage ums Überleben kämpfte, hoffte und bangte seine damalige Verlobte und heutige Frau Ruth vor dem Zechentor. Im Krieg meldete sich „Fitti“ Hägerling freiwillig bei der Marine.

BERGKAMEN ▪ Wenn die IG BCE am Samstag langjährige Mitglieder ehrt, ist Friedrich Hägerling darunter. Der 89-Jährige ist seit 75 Jahren Mitglied und im wahrsten Sinne des Wortes Zeitzeuge: Er überlebte am 20. Februar 1946 Deutschlands schwerstes Grubenunglück auf Kuckuck – und ist der Einzige, der heute noch lebt.

Friedrich Hägerling wurde am 15. März 1922 geboren – und ob Vater, Großvater oder Onkel, alle arbeiteten auf der Zeche. Auch „Fitti“ begann dort mit 14 seine Lehre. „Damals hatte man keine große Wahl: Bauer oder Pütt“, weiß Hägerling.

Zunächst war er in Kamen, wechselte dann zu Grimberg. Nach seinem 16. Geburtstag sollte der junge Friedrich unter Tage arbeiten. Acht Tage später gab es einen Unfall. Ein älterer Kollege wurde vom Holzkorb erschlagen. „Ich war fertig“, gesteht Hägerling. „Da war ich erst ein paar Tage in der Grube und schon gab es einen Toten.“

Dann kam der Krieg und Fitti musste „vor die Kohle“ in den Streb. Doch: „Ich wollte nicht mein ganzes Leben unter Tage rumkrabbeln.“ Weil er schon von der Schwerartillerie gemustert worden war, meldete er sich freiwillig für die Marine. Aber er war noch nicht 21 und benötigte die Einwilligung des Vaters. „Papa war dagegen“, erinnert sich Hägerling. „Ich unterschreib doch nicht, dass der Junge an die Front darf“, habe er als Gegner des damaligen Regimes gesagt. Die Angst vor Repressalien ließ den Vater dann aber doch unterschreiben.

Friedrich Hägerling erlebte viel, doch kein Gefechtslärm, kein Knall war mit dem vergleichbar, den er am 20. Februar 1946 auf Kuckuck hörte. „Ich hab wahnsinniges Glück gehabt“, sagt er heute. „Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.“ Doch dann hörte er Stimmen. Rund 30 Stunden, nachdem es auf Kuckuck zur Explosion gekommen war.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Erwin war Friedrich damals vor der Kohle gewesen. Dem Knall folgte eine Druckwelle, die Hägerling von den Beinen riss. Staub und größere Stücke flogen durch die Luft, das elektrische Licht fiel aus. Es war stockdunkel.

„Wir wollten nur raus

und ans Tageslicht“

Irgendwann legte sich der Staub. Der damals knapp 24-Jährige Hägerling sah in der Nähe eine Grubenlampe aufblitzen und kroch dorthin. „Ich war so froh, ein wenig Licht zu haben.“ Benommen blieb er sitzen, versuchte zu begreifen, was geschehen war. Plötzlich ein weiteres Licht, sein Kumpel Erwin kroch auf ihn zu und fragte niedergeschlagen: „Fitti, was haben die mit uns gemacht?“

Dem wird jedoch schnell klar, dass es sich nur um eine Explosion gehandelt haben konnte. „Ich hab zu Erwin gesagt, dass wir zusehen müssten, wegzukommen.“ Andere Kumpel hörten sie nur schreien.

Friedrich und Erwin schlagen den Weg zum Schacht ein. Einen anderen kennen sie nicht. Zunächst kämpfen sie sich zum Strebende durch, dann entlang der Bahnstrecke. „Wir wollten nur raus.“ Plötzlich sehen sie jemand. „Es war der Reviersteiger. Er schrie die Namen seiner Frau und seiner Tochter“, erinnert sich Hägerling und spricht mit belegter Stimme weiter: „Wir haben ihn mitgeschleppt und sind tatsächlich zum Schacht gekommen. Da war frische Luft.“

Friedrich, Erwin und der Steiger müssen hochklettern. Friedrich an erster Stelle. „Ich bin etwa 90 Meter hoch gekommen. Woran, weiß ich nicht. Doch dann ging es nicht weiter.“

Seine Kumpel wollten zurück und einen anderen Weg suchen, aber Friedrich blieb, wo er war. Eine Entscheidung, die sein Leben rettete. Erwin und der Steiger wurden tot geborgen.

Friedrich sitzt ganz allein im Dunkeln. Ob ihm die Lampe ausgegangen ist oder er sie verloren hatte, weiß Hägerling heute nicht mehr. „Ich schrie um Hilfe. Ich hab geschimpft, warum denn keine Retter kämen. Dann habe ich alle Leute aufgezählt, die ich liebte.“ Darunter natürlich seine Verlobte Ruth.

Die hatte wie alle über Tage vom Unglück auf Kuckuck gehört und war mit Friedrichs Schwester zum Zechentor geeilt. „Irgendwann hieß es, hier kommt keiner mehr raus. Die Geretteten wären am Schacht Kiwitt.“ Darüber informierten sie Friedrichs Eltern. „Seine Mutter saß zu Hause am Küchentisch und betete nur“, sagt Ruth Hägerling, der bei der Erinnerung die Tränen kommen.

Kommission ermittelt gegen Hägerling

Auch ihrem Mann fällt das Sprechen schwer: „Ich hab die Engel singen hören“, sagt er – und meint es genau so. Doch auf einmal hört er Rufe: „Ist da jemand?“ Da, so weiß Hägerling, habe er sich erst einmal sammeln müssen. „Ich hab alle Kraft zusammengenommen und ‚Holt mich hier weg‘ geschrien.“ Der Rettungstrupp war etwa zehn Meter unter Friedrichs Platz. An den folgenden Dialog erinnert sich Hägerling noch genau: „Wer ist denn da?“ habe eine Stimme gerufen, „Hägerling“, er geantwortet. „Fitti?“, sei die Nachfrage gekommen. Dann der Satz, der Hägerling die Sinne raubte: „Du bist gerettet.“

Wie ihn der Rettungstrupp herunterholte, wie er aus der Grube kam, all das weiß Hägerling nicht mehr. Erst als er gewaschen wurde, kam er wieder zu sich.

Weil er als einziger seiner rund 100 Kollegen auf dem Flöz überlebte, muss sich Hägerling vor einer Kommission rechtfertigen. Doch er fährt wieder ein. „Man sagte mir, dass so etwas nicht nochmal passieren würde.“ Am 8. Juni 1946 heirateten Friedrich und Ruth, drei Wochen später ein neuer Schock: Am 19. Juni 1946 kommt es im Schacht Grillo zum Grubenbrand. Eine Wasserflasche explodiert, die Scherben verletzten Friedrichs linkes Auge. Er erblindet. „Danach wollte ich nicht mehr in die Grube.“ ▪ tat

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