Folie holen und leuchtendes Beispiel geben

Ein letztes Glück auf: Kunstaktion für den abgerissenen Förderturm Aden läuft an

 Mit ihrer Idee eines würdigen Abschieds für den symbolträchtigen Förderturm Aden 2 hat Claudia Winkel (links) in Ilka Best-Hader und Peter Schedalke zupackende Unterstützer gefunden. Mehr als 30 Unterstützer sind auf der Liste.
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Mit ihrer Idee eines würdigen Abschieds für den symbolträchtigen Förderturm Aden 2 hat Claudia Winkel (links) in Ilka Best-Hader und Peter Schedalke zupackende Unterstützer gefunden. Mehr als 30 Unterstützer sind auf der Liste.

„Ein letztes Glück auf“ gilt in der gleichnamigen Aktion bis Samstag dem abgerissenen Wahrzeichen von Oberaden. Die Anlieger sind eingeladen, dem Bergbau die Ehre zu erweisen.

Bergkamen – Die Welt ist so klein. Wer’s nicht glaubt, sollte mal seinen Fuß über die Schwelle der Buchhandlung Am Bahnhof setzen. Auf den wenigen Quadratmetern zwischen Lotto-Tresen, Zeitschriftenwand, Bücherregal und Ruhrpott-Deko kreuzen sich verschlungene (Lebens)-Wege wie durch Fügung und es tun sich Welten auf. Etwa die der stolzen Bergbau-Tradition. Das hat Ilka Best-Harders Laden zur Keimzelle der Aktion gemacht, mit der Leben und Leistung der Kumpel gewürdigt wird, ehe der letzte Rest der Zeche Haus Aden nebenan beseitigt ist.

Silhouette wird auf Fassade projiziert

„Ein letztes Glück auf“ hat Claudia Winkel, wie berichtet, ihre Initiative getauft. Und sie hat in der energischen 70-Jährigen im Laden und ihrem umtriebigen Lebensgefährten Peter Schedalke „traumhafte Unterstützer“ gefunden, wie sie anlässlich der Ausgabe der von ihr geschaffenen Folien schwärmt. Mit Winkels Bildnis des Förderturms und einer Lampe dazu soll Aden 2 in dieser Woche allabendlich bis zum klingenden Finale am Samstag auferstehen – als Projektion an den Fassaden.

Mit der markanten Silhouette des Förderturms auf der Folie soll Aden 2 als Projektion an Oberadens Fassaden auferstehen. Susanne und Klaus Wabner sind begeistert

Susanne und Klaus Wabner sind zwei der über 30 Unterstützer, die Best-Hader für die corona-konforme Abholung auf der Liste hat. „Wir laufen mit den Hunden immer um die Wasserstadt, haben viele Fotos vom Turm und jetzt vom Abriss“, erklärt die Ehefrau den Bezug zum Thema. Daheim findet sich Allerlei vom Pütt, der Gatte ist Stolz auf sein Arschleder. Das Geschenk der Kollegen hat einst Schedalke bemalt, wie sich hier nebenbei herausstellt.

Klaus Wabner ist im Schatten des „grünen Riesen“ mit den roten Förderrädern aufgewachsen, hat beim Bergbau-Zulieferer Westfalia gearbeitet. Das macht den Bergbau prägend fürs Leben und die Aktion zu „einer prima Idee“, findet die Gattin.

Man kann Unterstützer sein - und für den Abriss

Mit dem Abriss selbst hadert Klaus Wabner nicht. Drei Millionen Euro in die Versetzung für den Erhalt zu stecken, wie es Bergbaufans und der Geschichtskreis Haus Aden wollten, sei nicht vertretbar. „Der Fehler lag darin, dass bei der Planung der Wasserstadt nicht gleich darüber nachgedacht wurde, die Türme einzubeziehen“, meint er. „Dann hätte man nämlich Schacht 1 als Tor erhalten und Schacht 2 abreißen können.“ Als Vorstandsmitglied des SPD-Ortsvereins Oberaden kennt Wabner die zuletzt emotional hochgekochte Streitfrage nur zu gut.

Plötzlich geht Winkel im Plausch über den Alltag in der Zechensiedlung ein Licht auf: „Die Wapners, na klar. Vom Tulpenhof.“ Ehemalige Nachbarschaft. Dort ist die Künstlerin im Hause Nierhoff groß geworden, mit Blick auf den Förderturm, der alles auf ewig zu beschützen schien.

Man kennt sich in der Kolonie und man hilft sich

Später führte Winkels Lebensweg nach Bielefeld, aber auch immer wieder nach Oberaden. Mutter Hannelore lebt hier noch und kennt Peter Schedalke seit den gemeinsamen Tagen im Judo-Verein. Als Tochter Claudia in der Mischung aus Frust und Trauer über den Beschluss des Rates für den Abriss des Turms über einen angemessenen Abschied für das Wahrzeichen sann, wusste die Mutter gleich, wer bei der Aktion helfen kann.

So ist die unvergleichliche Buchhandlung Dreh- und Angelpunkt bei der Verteilung der Folien, die Winkel in 100er-Auflage samt Aufstellrahmen auf eigene Kosten geschaffen hat. Abgegeben werden sie kostenlos. „Aber die Leute spenden gerne“, versichert Best-Hader und hofft, dass die Initiatorin nicht draufzahlen muss.

Das neue Wahrzeichen

Hier Wehmut über das Verlorene – dort Freude über Neues. Die Stadt Bergkamen hat den Zuwendungsbescheid für das Bauwerk, das anstelle des Turms Eindruck machen soll. 1,45 Millionen Euro gibt es vom Bund fürs „Nationale Projekt des Städtebaus“ mit dem Titel „Grubenwasserhebewerk als städtebauliche Landmarke“. Es gelte, mit der RAG und deren Immobilien-GmbH einen architektonischen Identifikationsstandort zu gestalten, so der Beigeordnete Marc-Alexander Ulrich. Dazu werde dieses Jahr ein Architekten-Wettbewerb ausgelobt. Im letzten Akt am Turm fällt gerade die Halle unterm Schachtgerüst.

Peter Schedalke hat’s gesundheitlich hart getroffen. Auf den Beinen ist er schwach, aber das Herz des Bergmanns, und früheren Vorsitzenden des Geschichtskreises Haus Aden, schlägt wie eh und je für sein Metier. Deshalb wirft sich der 76-Jährige am Samstag mit seiner zweiten Leidenschaft für die Sache in die Brust: Gesang.

„Scheddy“ greift noch mal zum Mikro

Mit Klaus-Dieter Metzenbauer alias „Scheddy & Metze“ hat er vielfach mit Bergmanns-Repertoire begeistert. Generationen von Kumpel und ihrem in Oberaden untergegangenen Wahrzeichen zu Ehren wird Schedalke am Samstag ab 20 Uhr samt Mikro und Lautsprecher durchs Viertel chauffiert und das Steigerlied singen. Die Anrainer sind eingeladen, am offenen Fenster einzustimmen – für „Ein „letztes Glück auf“.

Mitmachen

Wer bei der Lichtaktion mitmachen möchte, kann die Folien inklusive Anleitung für die Projektion kostenlos in der „Buchhandlung Am Bahnhof“ von Ilka Best-Harder, Lünener Straße 100, erhalten. Coronaregeln: Bitte anmelden unter Tel. 02306/8805, Donnerstag, 11 bis 12.30 Uhr; E-Mail an artischoke@gmx.de

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