Kampagne des Industrieverbands Agrar:

"Feldversuch" an der Öko-Station wirbt für Ackerbau mit Spritze und Güllefass

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Links der Mais - rechts nur Kraut: So bringen Hans-Heinrich Wortmann (von links), Karl-Heinrich Schuchtmann und Georg Laurenz zum Ausdruck, dass sie Ackerbau ohne Pflanzenschutzmittel und Dünger für ein Versorgungsrisiko halten.

Heil - Im Schatten der Öko-Station suchen Landwirte der Region Aufmerksamkeit durch Vorführen der Bio-Landwirtschaft.

„Schau ins Feld“ heißt eine Mitmachaktion des Industrieverbands Agrar e.V. (IVA), bei der die konventionell ackernden Landwirte ihre Argumentation für den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln öffentlichkeitswirksam vertreten wollen. Dazu betreut eine Werbeagentur in Münster den Online-Auftritt und die Kampagne unter dem Titel „Die Pflanzenschützer“ und stattet Bauern als Multiplikatoren mit Werbetafeln, Schaubildern und mehr aus. „Ernte in Gefahr“ sticht es deshalb neuerdings aus dem Maisacker gleich neben der Öko-Station in Heil hervor.

"So bekommen wir die Bevölkerung nicht satt"

Dort bewirtschaftet Karl Heinrich Schuchtmann gut zwei Hektar Pachtland im Eigentum des Kreises Unna. Mais hat er in diesem Frühjahr dort gelegt und der gedeiht augenscheinlich recht ordentlich. Nur ein Randstreifen gibt mit Kamille, Queller und weiterem Kraut durchsetzt ein ganz anderes Bild ab. Nur spärlich winden sich deutliche kleinere Maispflanzen aus dem hochstehenden Bewuchs. „So bekommen wir die Bevölkerung nicht satt“, urteilt Hans-Heinrich Wortmann mit Blick auf die spärlichen Ertragsaussichten dieser so genannten „Nullparzelle“.

Zum Vergleich Parzelle sich selbst überlassen 

Die heißt so, weil hier nach pflügen und säen „Null“ passiert ist, um das Maiswachstum zu fördern: Kein Dünger, kein Herbizid, keine maschinelle Bodenbearbeitung und schon gar nicht per Hand. Denn darauf will Wortmann, Kreisvorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) Ruhr-Lippe, mit seinen Mitstreitern hinaus: Handarbeit für Biolandbau sei zu teuer und schränke die Erträge derart ein, dass es nicht für alle reiche – gäbe es keinen anderen Anbau mehr als „öko“.

Standort mit strategischem Blick gewählt

Dieses Szenario der Ernteausfälle bildet die Schautafel auf Huchtmanns Acker ab. Bei Getreiden sollen es 50 Prozent und mehr sein, bei Kartoffeln 46 Prozent weniger Ertrag. Georg Laurenz, Senior auf dem Hof Schulze Blasum in Stockum, hat sich für die IVA-Aktion engagiert und den Kollegen Huchtmann für das „Experiment“ gewonnen. Dass die Wahl auf den Acker gleich neben dem Sitz der Verfechter der alternativen Landwirtschaft und Naturschutzinstitutionen liegt, darf getrost als Absicht verstanden werden (Textanhang). Zumal dort der Rad- und Fußweg zur Ökostation vorbei führt. Genau solche Standorte, die ins Auge springen und Gelegenheit bieten, sich mit den Tafeln zu beschäftigen, empfehlen die PR-Strategen der Pflanzenschützer für „Schau ins Feld“.

"Konsequenzen des Rufs nach Bio klar machen"

Die Abgrenzung geht nicht so weit, dem Öko-Landbau seine Berechtigung abzusprechen. „Den respektieren wir, es sind zwei Systeme, die nebeneinander existieren“, so Wortmann. „Nur: Wenn die Leute zunehmend sagen, wir wollen Bio-Landwirtschaft, dann muss man auch die Konsequenzen klar machen. Nämlich die, dass wir langfristig nicht mehr alle ernähren können.“

Erforderliche Handarbeit nicht wirtschaftlich

Nun ist es ja nicht so, dass jeder Bio-Acker ein Bild abgeben würde, wie Schuchtmanns Nullparzelle. Warum kriegen die Öko-Kollegen den Anbau auch ohne Chemie recht ansehnlich hin? „Weil sie den Boden aufwendig bearbeiten, das ist in der Breite aber zu teuer“, antwortet der WLV-Vertreter. In der Nische könnten Bio-Erzeuger höhere Preise aufrufen. Doch in der Masse akzeptiere der Verbraucher dieses Preisniveau für Lebensmittel nicht. „Und wenn sie mit der Hacke über den Acker müssen, machen das aus Kostengründen auch meist Rumänen“, so Wortmann. „Das ist dann kaum anders als in der Fleischindustrie.“ 

Schmale Marge bei der Maisernte

Um dem Mais auf Huchtmanns zwei Hektar Nahrung zu geben und Pilzbefall und aufkommendes Kraut fernzuhalten, seien Dünger und gezielt auszuwählende Herbizide im Wert von 70 oder 80 Euro einzusetzen, „So viel wie möglich, so wenig wir nötig“ heißt der WLV-Slogan dazu. Eine maschinelle Bodenbearbeitung sei hier nicht möglich, der Einsatz von Arbeitern um ein Vielfaches teurer und unwirtschaftlich. Auf 45 Tonnen schätzen die Agrarier die Ernte auf diesem Flecken, mit 25 Euro pro Tonne ließe sie sich vermarkten. Das macht 1 125 Euro, von denen Saatgut, Maschineneinsatz, Arbeitsstunden und Pflanzenschutz noch abgezogen werden müssen.

Betriebe wirtschaftlich extrem unter Druck

Durch den Reformstau in der deutschen Landwirtschaft, mit ausgelöst durch die Abwehrhaltung der Verbände und Branchenlobby, sehen sich die Bauern mit einer wachsenden Welle von Einschränkungen, etwa beim Gülleeinsatz, und Auflagen, beispielsweise bei der Tierhaltung, konfrontiert, die wirtschaftlich zu den gegenwärtigen Marktbedingungen von immer mehr Betrieben nicht mehr ausgeglichen werden können. Das halten auch die aktuellen Subventionsstrukturen nicht auf. Die Sorge um die Existenz treibt die Bauern verstärkt zum Protest auf die Straße.

SO BEWERTET DIE ÖKO-STATION DIE AKTION

Mit der Idee einer Musteranlage zum Vergleich der Anbaumethoden ist Georg Laurenz im vergangenen Jahr bei der Öko-Station vorstellig geworden, wie Leiter Ralf Sänger bestätigt. „Wir sind grundsätzlich für alles offen und wollen hier keine Augenwischerei betreiben“, erläuterte er auf Anfrage, dass ein solches Vorhaben grundsätzlich zu dem passe, was Aufgabe und Ziel der Einrichtung sei: Marktplatz und Forum für den Austausch über das breite Spektrum von Umweltthemen. „Hier geht es ja um ein berechtigtes Bedürfnis der Landwirte.“

Nur könne die Station einen solchen Versuch nicht aus eigener Kraft organisieren. „Wir sind keine Landwirte und überlassen die Landwirtschaft den Profis“, betonte Sänger die Leitlinie. Lediglich für die Angebote an Kindergruppen, Schulen und Kitas werde ein wenig geackert – übrigens mit Hilfe von Bauer Schuchtmann und seinen Kartoffeln. „Da sollen die Kinder nur erfahren, dass Pommes nicht in der Tüte zur Welt kommen. Ein Versuch nach wissenschaftlichem Standard und Anspruch der Einrichtung würde mindestens die Begleitung durch die Landwirtschaftskammer, besser noch einer Universität erfordern.

„Hier stimmen einfach die Rahmenbedingungen nicht.“ Die Initiative der Agrarindustrie sei tendenziell und lasse außer Acht, dass es noch Mischformen im Landbau gebe vor dem Hintergrund der breiten Abwägung von Chancen, Risiken, Gefahren und Nutzen. Sänger: „So kann man sicher Wirkung erzielen, aber keine Aufklärung."

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