Güterzüge aus der ganzen Welt

Knipsen an den Schienen: „Trainspotter“ fotografieren Züge an der Hamm-Osterfelder-Bahn

Markus Behrla Isabel Petzke Hamm-Osterfelder-Bahn
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Bitte scharf stellen: Markus Behrla und Isabel Petzke verbringen ihre Freizeit gerne an Bahnstrecken und fotografieren die vorbeirauschenden Züge.

Es ist ein ungewöhnliches Hobby: Ein Bergkamener und eine Hammerin stehen regelmäßig an der Hamm-Osterfelder-Bahnstrecke und warten auf Züge. Immer dabei haben sie ihre Fotokamera, um die vorbeirauschenden Züge abzulichten.

Bergkamen/Hamm – Sie kennen sich bereits seit zehn Jahren, die Hammerin Isabel Petzke und der Bergkamener Markus Behrla. Ein Paar im klassischen Sinne sind sie nicht, beide haben einen Partner. Sie vereint aber die Liebe zur Eisenbahn und die fotografische Jagd nach seltenen Lokomotiven. Beide sind nämlich „Trainspotter“. Lieblingsbeobachtungsplatz hier in der Region: die Kursbuchstrecke 423, bekannter als Hamm-Osterfelder-Bahn, in Höhe Kerstheider Straße.

„Das Treffen heute war auch eher zufällig, wir haben uns bestimmt ein Jahr nicht gesehen“, sagt Petzke. Die 37-Jährige wurde vom Kind „ausgebremst“ in ihrem Hobby. Und sie hat auch eine ziemlich lange Anreise aus Ostwennemar. „Früher, als ich noch in Königsborn gearbeitet habe, war ich öfter an der Strecke, hab mich hier regelmäßig zum Frühstück mit Markus getroffen“, erzählt die Krankenschwester.

Vier Züge in einer Stunde

Für Behrla aus Bergkamen-Mitte ist es hingegen ein Katzensprung zur zweigleisigen Strecke. „Ich fahre gerne hierhin, auch um Zeitung zu lesen. Hier hab ich meine Ruhe“, sagt der 54-Jährige. Sogar gegrillt hätten sie vor Ort schon. Zeit genug ist zwischen den Durchfahrten der Güterzüge, manchmal über eine halbe Stunde. Im Durchschnitt seien vier Züge in der Stunde auf der Strecke unterwegs. Sie ist die wichtigste Ost-West-Verbindung im Güterverkehr per Schiene. „In der Woche kommen so 40 Züge aus China vorbei“, weiß Behrla. Es reizt ihn, die Wege der Waggons und Waren nachzuverfolgen. „Es geht darum, zu wissen, woher die Züge kommen und wohin sie fahren“, sagt er – neben dem Fotografieren, dem perfekten Portrait einer möglichst seltenen Lok wohlgemerkt.

Mit der Ruhe ist es nämlich vorbei, sobald die Bahnschranken nebenan sich senken. Petzke hebt die Canon vors Auge, Behrla seine Nikon. Beide nutzen einen Zoom vom Weitwinkel bis leichtem Tele. Diesmal kommt nur eine „DB“ mit Kohle aus Tschechien für Thyssens Stahlwerke.

„Es hat sich im Laufe der Jahre einiges an Fotoausrüstung angesammelt“, erzählt Behrla. Der Bergkamener fotografiert auch nachts mit einer funkgesteuerten Blitzbatterie. Seit 1980 ist er „Trainspotter“. Als Kind lernte er noch Dampfloks auf der Strecke kennen sowie den Personenverkehr mit Akku-Triebwagen. Personenzüge würden heute nur noch bei Umleitungen über diese Strecke fahren. Die Eisenbahn kennen- und liebengelernt hat er übrigens ganz klassisch über eine Modelleisenbahn. „Die ist aber eingemottet“, sagt er.

Nur wenige weibliche „Trainspotter“

Bei Petzkes nutzen Mann Michael und Sohn Joona die Modelleisenbahn. „Ansonsten hat mein Mann mit meinem Hobby nichts am Hut. Joona kommt ab und zu mit, wenn ich in Rhynern an der Strecke stehe“, erzählt Isabel Petzke. Ihr wurde die „Ludmilla“, eine sowjetische Diesellok, quasi in die Wiege im ostdeutschen Vogtland gelegt. Der Opa war Wagenmeister der DDR Reichsbahn. Bei Oma mit Haus neben der Strecke von Zwickau ins bayrische Hof beobachtete sie „Ludmilla“ und ihre Kolleginnen. Petzkes Exfreund war zudem Lokführer. „Er hat mich auch mitgenommen zu Strecken rund um Nürnberg. 2006 hab ich angefangen zu fotografieren.“

Genießen auch die Ruhe an der Strecke: Isabel Petzke und Markus Behrla.

Sie ist eine der wenigen Frauen mit diesem Hobby. „Aber ich hatte schon vor meiner Zugzeit eher Männerfreundschaften, hab auch als Kind eher mit Jungs gespielt, inklusive blauer Flecken und so weiter.“ Kein Problem also für Petzke an Exkursionen der meist männlichen „Trainspotter“ teilzunehmen. „Damals Zelten im Maintal, das war cool“, erinnert sie.

Behrla organisiert zum einen Reisen für Eisenbahnfans und fährt meilenweit für sein Hobby. „Bosnien, Eritrea, Mongolei“, zählt er auf. Unter anderem. „Zweimal bin ich auch dabei gewesen“, wirft Petzke ein. „Wir chartern auch Dampfloks und machen Fotos, zum Beispiel im Erzgebirge“, erklärt Behrla weiter. Und er zeigt gleich ein entsprechendes Silhouettenbild einer Lokomotive auf einem Viadukt bei Sonnenuntergang.

Auch Belgier und Niederländer kommen zur Hamm-Osterfelder-Bahn

Die Gemeinde der „Trainspotter“ sei groß. „Das geht bestimmt in den sechsstelligen Bereich“, sagt der Bergkamener. Und sie ist international. Nach Lerche kommen auch Belgier und Holländer. Letztere nicht nur, weil die internationale Strecke eine große Vielfalt an Loks bietet. In Holland sind die Gleise oft eingezäunt, nicht so leicht zugänglich, um Fotos zu machen.

Die Schranke senkt sich erneut. „Ein Captrain leer. Der kommt aus Bremen zurück. Ich hab sie heute Morgen beladen gesehen mit Koks aus Bottrop.“ Das Eisenbahnlogistik-Unternehmen interessiert Behrla ganz persönlich. Sohn Niklas ist dort als Lokführer beschäftigt. „Da sitzt er aber nicht drin.“

Derweil tippt Petzke die Loknummer in ihr Smartphone. Trainspotter im weiteren Streckenverlauf werden so informiert, welche Lok gleich bei ihnen vorfahren wird. „Früher war es wie Angeln. Man wusste nicht, was und ob überhaupt etwas kommt“, erzählt Behrla, der bei schönem Wetter fast jeden Tag in der Woche an der Strecke steht. Das Wochenende gehört seiner Lebensgefährtin in Ostwestfalen.

Es dauert keine drei Minuten, bis der nächste Zug vorbei rauscht. Diesmal hebe ich ebenfalls die Kamera. Eine „V100“-Diesellok passiert uns. „Naja. Der Zug ist gut getroffen, die Masten aber abgeschnitten“, urteilt Behrla anschließend. Der 54-Jährige muss es wissen. Im November ziert sein Büro bei Lanxess der Kalender der Verlagsgruppe Bahn mit seinem Portrait einer „Ludmilla“.

Was machen die „Trainspotter“ mit ihren Fängen? Es gebe einige Eisenbahnzeitschriften, die gelungene Fotos drucken würden. Ansonsten tauschen die „Trainspotter“ die Ergebnisse ihrer Jagd in Online-Foren oder per Facebook. Zum Austausch untereinander gibt es außerdem Festivals wie Plandampf im Werratal mit Besuchern aus der ganzen Welt. Das will Behrla dann im nächsten Jahr wieder besuchen. Veranstalter IGE Werrabahn Eisenach musste die Fahrt historischer Dampfloks ins Frühjahr verschieben.

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